Der Faktor Mensch

Social Software
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Ob Blogs, Wikis, Podcasts, Videocasts – Social Software fasst neue Kategorien von webbasierter Software zusammen und stellt den Menschen und seine sozialen Bedürfnisse in den Vordergrund. Dieser Artikel bietet einen Einstieg in das Thema Social Software.

Auf der Suche nach den Anfängen von Social Software werden erstaunliche Vergleiche angestellt. So wird Martin Luther mit der Verkündigung seiner 95 Thesen als ein Vorläufer der Social-Software-Bewegung angesehen. Auch wenn er mit seinem Vorgehen eine Diskussion in der „Community“ der katholischen Kirche in Gang bringen wollte, ist es doch sehr weit hergeholt, ihn mit einer neuen Gattung von Software in Verbindung zu bringen. Denn der Begriff „Social Software“ ist in seiner jetzigen Bedeutung gerade einmal vier Jahre alt.

Social Software von Martin Szugat, Jan Erik Gewehr, Cordula Lochmann

Dieser Onlineartikel ist ein Auszug aus dem Buch „Social Software“ von Martin Szugat, Jan Erik Gewehr und Cordula Lochmann, das bei entwickler.press erschienen ist. Sie können das Buch im Onlineshop von entwickler.press erwerben.

entwickler-press.de

Er fasst diejenigen Webanwendungen zusammen, die dazu dienen, die Kommunikation innerhalb menschlicher Netzwerke zu unterstützen. Man könnte einwenden, dass es derartige Applikationen schon viel länger als vier Jahre gibt. Das ist richtig. Frühe Formen von Social Software, zum Beispiel Instant Messaging oder Peer-to-Peer-Netze (P2P), sind nicht erst in diesem Jahrhundert erfunden worden.

Doch der Schwerpunkt ist bei Social Software ein anderer. Social Software unterstützt Many-to-many-relationships, also Beziehungen, wie sie innerhalb von Gruppen bestehen. Dabei steht der Mensch im Mittelpunkt und nicht der in ein Netzwerk eingebundene Rechner, wie es beispielsweise bei P2P der Fall ist.

Damit Social Software entstehen konnte, mussten zwei Voraussetzungen gegeben sein:

  1. die Bereitschaft der Nutzer, selbst Inhalte für das Web zu schaffen, den so genannten user generated content
  2. die Bereitschaft der Nutzer, ihre Anonymität im Netz teilweise oder ganz aufzugeben

Erst dann konnten die Social-Software-Anwendungen ihren Siegeszug antreten, auf dem sie sich derzeit befinden.

Social Software vs. Web 2.0

Social Software wird häufig in einem Atemzug mit Web 2.0 genannt. Oft werden die beiden für Synonyme gehalten, doch das sind sie nicht. Vielmehr ist Social Software eine Untermenge von Web 2.0.

Doch mit „Web 2.0“ haben wir nur einen weiteren relativ unklaren Begriff ins Spiel gebracht, der noch unachtsamer gebraucht wird als „Social Software“. Böse Zungen behaupten, dass Web 2.0 die Kunst ist, den Nutzern ihre selbst geschaffenen Inhalte mit Werbung versehen wieder vorzusetzen, um dann an der Werbung zu verdienen. Sicherlich spielen Anzeigen für die Business-Modelle von Web 2.0 eine wichtige Rolle, doch für eine Beschreibung des Phänomens reicht dieser Aspekt nicht aus.

Entstanden ist der Begriff vor zwei Jahren bei der Planung einer Veranstaltung. Dale Dougherty, Vice President von O’Reilly Media, und Graig Cline von MediaLive bereiteten 2004 eine Konferenz zu Internetthemen vor und prägten im Zuge der Planung den Begriff „Web 2.0“. Ihre Konferenz, die im Oktober 2004 zum ersten Mal stattfand, nannten sie genauso: Web 2.0 Conference.

Die Veranstaltung wurde ein großer Erfolg und viele Teilnehmer äußerten im Nachhinein, dass ihnen auf der Konferenz klar geworden sei, dass sich das WWW an einem Wendepunkt befände. Deshalb hielten sie an dem Begriff „Web 2.0“ fest.

Nachdem Web 2.0 ein Jahr lang in unterschiedlichsten Zusammenhängen verwendet wurde und Gefahr lief, durch die Marketingabteilungen vieler Softwarekonzerne verwässert zu werden, schrieb Tim O’Reilly, Gründer und CEO von O’Reilly Media, den Artikel „What Is Web 2.0“, der als die wichtigste Beschreibung von Web 2.0 gilt.

O’Reilly sieht im Platzen der Dotcom-Blase einen Wendepunkt für das Web. Diejenigen Firmen, welche die Krise überstanden hatten, haben Gemeinsamkeiten, die es rechtfertigen, von Web 2.0 zu sprechen. Dabei versteht er Web 2.0 als Plattform mit folgenden Eigenschaften:

  • Services statt Software im Paket: Web-2.0-Anwendungen sind von einzelnen Geräten und Betriebssystemen unabhängig und können kosteneffizient skaliert werden.
  • Mischbare Datenquellen und Datentransformationen: Nicht die Anwendungen sind das Wertvolle, sondern die Daten, die sie aggregieren. Diese müssen so gut zugänglich sein, dass sie mit anderen Quellen kombiniert werden können.
  • Eine Architektur der Beteiligung: Aus Nutzern werden Entwickler, Betreiber von Websites oder Autoren. Nutzer liefern ihre Daten nicht ab, indem sie ein Formular ausfüllen, sondern indem sie online aktiv sind. Die Webanwendungen speichern die Ergebnisse dieser Aktivitäten dauerhaft.

Um zu verdeutlichen, worin der Unterschied zum alten Web besteht, nennt O’Reilly eine Reihe von Beispielen. Hier ein Auszug:

Web 1.0 Web 2.0
Private Webseiten Blogs
Content-Management-Systeme Wikis
Verzeichnisse (Taxonomy) Tags (Folksonomy)
Menschen statt Features

Genau wie bei Web 2.0 gilt bei Social Software: Fragen Sie zehn Experten, was Social Software ist, und Sie erhalten mindestens zehn unterschiedliche Antworten.

Doch auch im Fall von Social Software gibt es eine Quelle, auf die immer wieder verwiesen wird. Auf seiner Website „Life with Alacrity” veröffentlichte Christopher Allen im Oktober 2004 den Eintrag „Tracing the Evolution of Social Software“, in dem er unter Social Software diejenigen Anwendungen zusammenfasst, welche die Interaktion innerhalb von Gruppen unterstützen.

In seinem Artikel beschäftigt er sich ausführlich mit den Vorläufern der Social Software, die er bis in das Jahr 1945 zurückverfolgt. Er identifiziert Groupware als den direkten Vorgänger von Social Software, da sie ebenfalls dazu dient, Gruppen zu unterstützen.

Neu an Social Software gegenüber Groupware sind neben der Fokussierung auf das WWW die Möglichkeiten, Informationen zu bewerten und aufgrund der Bewertung zu filtern. Diese Erkenntnis wurde bereits in den Neunzigern gewonnen, doch war das Phänomen der Social Software bis 2002 nur einer kleinen Gruppe von Forschern um K. Eric Drexler, dem Gründer des Foresight Instituts, bekannt.

Erst Clay Shirky, Dozent für Neue Medien an der New York University, machte den Begriff 2002 einem breiteren Publikum bekannt, als er das Social Software Summit organisierte. Er lieferte auch die ersten Definitionen von Social Software: „Social software treats triads of people differently than pairs.“ (Social Software behandelt Triaden von Menschen anders als Paare.)

Eine weitere Definition lautet: „Social software treats groups as first-class objects of the system.” (Social Software behandelt Gruppen als die primären Objekte des Systems.)

Inzwischen favorisiert Shirky die einfache Beschreibung, dass Social Software die Interaktion von Gruppen unterstützt. Zu Gruppen zählt er nicht nur die Online-Communities, sondern ausdrücklich auch Offline-Gruppen.

Einen Blick auf die Vielfalt der Themen, die mit dem Begriff zusammenhängen und eine Vorschau auf das Buch „Social Software“ liefert die Mindmap in Abbildung 1. Als Vorlage diente die Seite zur Social Software der Website Beats Biblionetz.

Abb. 1: Mindmap zum Thema Social Software

Neben dem Begriff „Social Software“ tauchen immer häufiger die Begriffe „Social Computing“ und „Social Applications“ auf. Mit „Social Computing“ ist die Beschäftigung mit Social Software gemeint. Microsoft und IBM unterhalten sogar jeweils eine eigene Social-Computing-Forschungsgruppe. Oftmals wird der Begriff synonym zu Social Software gebraucht.

Martin Szugat und Jan Erik Gewehr sind Bioinformatiker, Fachautoren und Sprecher auf Konferenzen. Cordula Lochmann ist Journalistin. Als leidenschaftliche Surfer haben Sie Wikis aufgesetzt, betreiben Blogs und sind bestens mit dem Thema vertraut.
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