Kolumne: Karrieretipps

Sollte man den Traumjob aus privaten Gründen sausen lassen?
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Da hat man die Sommerferien in diesem Jahr nicht nur zum Baden genutzt, weil die geplanten Ausflüge ins Freibad ohnehin ins Wasser fielen, sondern die Gelegenheit ergriffen, um in den Jobbörsen mal in Ruhe nach einem neuen Job zu suchen. Und siehe da, trotz Sommerloch und Urlaubsleere in den Unternehmen fanden sich doch gleich zwei super interessante Jobs, die einen klaren Karriereaufschwung mit sich bringen könnten. Beide Stellenangebote liegen jedoch mehr als 350 Kilometer von der Haustür entfernt. Soll man sich dennoch bewerben?

Im eigenen Laden ist schließlich schon lange die Luft raus. Man sitzt zu lange an der Bearbeitung von Angeboten, anstatt sich ums Coden zu kümmern. Wenn es dann am Ende eng wird, muss wieder in Nachtschichten programmiert werden, was das Zeug hält. Die Überstunden tauchen natürlich nirgends auf, da das Controlling das Budget für das IT-Projekt bereits eingefroren hat. Aber wie soll man dann den Releasetermin einhalten? Die Fachabteilung kam in letzter Minute mit Änderungen, die Off-Shore-Kollegen konnten nicht an der Telko teilnehmen, um die Änderungen in die Spezifikation aufzunehmen, und so hat man die letzten Monate geackert, ohne wirklich voranzukommen. Da kommt der Urlaub zur rechten Zeit. Und warum nicht mal die Zeit nutzen, um sich nach neuen Perspektiven umzusehen? Ein Tapetenwechsel nach mehr als fünf Jahren wäre genau das Richtige.

Aber wie weit – im wahrsten Sinne des Wortes – ist man bereit zu gehen oder zu fahren, oder ist man gar bereit umzuziehen? Wie flexibel ist man, wenn es darauf ankommt, seine Karriere auf das nächste Level zu bringen? In seinen Zwanzigern ist man meist noch recht mobil, reise- oder auch umzugsbereit. Neue Freunde findet man überall, schließlich will man ja auch rumkommen, weiterkommen und den Horizont erweitern. In den Dreißigern haben so einige dann die Liebe ihres Lebens gefunden, wohnen in einer schicken Wohnung oder haben gerade ein Häuschen gebaut und vielleicht ist auch schon Nachwuchs eingezogen. Vorbei ist’s mit der Flexibilität. Nun schreit das Herz nach Work-Life-Balance: Arbeiten im Homeoffice, flexible Arbeitszeiten. Wenn man gelegentlich mit dem Firmenwagen ins Büro fahren muss, dann bitte nicht weiter als 30 Kilometer. Alles passt irgendwie. Nur der Job halt nicht mehr. Diese Flexibilität hat aber auch ihren Preis. Die multinationalen Teams arbeiten in Schichten und durch die Zeitverschiebung finden morgens, mittags und abends stundenlange Webkonferenzen statt. Dazwischen wird die eigentliche Arbeit begonnen und wieder unterbrochen, für die nächste Telko. Der Chef sitzt ebenfalls irgendwo und will dennoch jeden Montag um 8:00 Uhr einen Statusbericht haben, den man am Wochenende schnell erstellt. Flache Hierarchien mit Kosten- und Leistungsdruck sind die Tagesordnung. Da wird es Zeit, mal wieder über den Tellerrand zu schauen und sich in einem anderen Umfeld neu zu positionieren.

Noch im Urlaub findet das erste Telefoninterview statt. Die erste Hürde ist geschafft. Beide Seiten haben einen sehr guten Eindruck gewonnen. Das Unternehmen und die Jobinhalte klingen überzeugend – genau das, was man gesucht hat. Eine Woche später dann das persönliche Vorstellungsgespräch. Erste Anfahrt an den Firmenstandort. Da immer noch Ferien sind, schafft man es in dreieinhalb Stunden im Auto von Tür zu Tür. Die Firmenkultur begeistert vom ersten Augenblick an. Das Team, der Chef, die Rolle, die Umgebung – alles scheint perfekt zu sein. Einige Tage später dann die Zusage, der Arbeitsvertrag mit einem ordentlichen Gehaltsschub, Firmenwagen, attraktivem Bonusmodell und 42 Wochenstunden auf Vertrauensbasis. Jedoch steht im Vertrag nicht explizit, dass auch im Homeoffice gearbeitet werden kann. Auf Nachfrage sichert der Chef zu, dass nach der Einarbeitung gelegentlich auch im Homeoffice gearbeitet werden kann, zu regelmäßigen Abteilungsmeetings muss man jedoch in jedem Fall vor Ort sein und diese können auch mal sehr unregelmäßig und spontan stattfinden. Bingo!

Nach mehreren intensiven Gesprächen beim potenziellen Arbeitgeber steht nun das finale Gespräch mit der Familie an. Natürlich hat man sich schon vorher unterhalten und überlegt: Was wenn die mich nehmen? Ziehen wir dann nach der Probezeit um? Wo findet der Partner/die Partnerin einen neuen Job? Finden sich die Kinder in der neuen Umgebung schnell zurecht? Was machen wir mit unserem Haus/mit unserer Wohnung? Oder soll ich die nächsten Jahre pendeln? Schließlich kann ich ja auch mal von zu Hause aus arbeiten? Aber was bedeutet das für das Familienleben? Nach den noch hypothetischen Gesprächen der vergangenen Wochen muss man nun der Realität ins Auge sehen und sich dabei die folgenden Fragen stellen:

  1. Stelle ich für den Traumjob meine bisher komfortable Situation und mein Familienleben hinten an?
  2. Trägt die Familie diese Entscheidung mit?
  3. Können alle Familienmitglieder mit der Situation gut umgehen?

Wenn man hier schon mehr als zwei Mal mit Nein geantwortet hat, dann liegt die Lösung auf der Hand: Aus der Traum! Man bleibt, wo man ist und sucht entweder weiter in seinem Komfortradius nach einem neuen Job oder ist zufrieden mit dem, was man hat.

Schwieriger wird die Sache, wenn man weiß, dass solch eine Chance wohl so schnell nicht wieder kommt. Wenn der Stress und der Druck im Job in den letzten Monaten sich auch bereits negativ auf die Stimmung im privaten Umfeld ausgewirkt hat, gerade weil man mit der Situation so unzufrieden ist. Dann heißt es: Auf gehts! Neue Wohnung suchen, vielleicht erstmal zur Miete, Kindergarten oder Schule für die Kinder inspizieren. Eindrücke und Fakten sammeln, die einen in der Entscheidung bestärken, dass alles machbar ist. Erstellen Sie eine Matrix mit allen Kriterien, die Ihnen wichtig erscheinen und arbeiten Sie diese Checkliste vor Ihrer Entscheidung systematisch ab. Bitten Sie das Unternehmen eventuell um eine Verlängerung Ihrer Bedenkzeit, um die für Sie wichtigsten Faktoren prüfen zu können. Bedenken Sie jedoch auch, dass nicht alles berechen- und vorausschaubar sein kann.

Denken Sie auch an ein „Rückflugticket“. Denn die anfängliche Euphorie über den Traumjob kann sich nach einiger Zeit in der Realität auch als geplatzter Traum entpuppen. Auch in anderen Firmen wird nur mit Wasser gekocht und vom maximalen Umsatz und Kostensparen gelebt. Steigen Sie also bei Ihrem derzeitigen Arbeitgeber in aller Freundschaft aus. Schildern Sie offen die Gründe, neue Chancen nutzen zu wollen, und bleiben Sie mit den Kollegen in Kontakt. Nutzen Sie die Probezeit, um sich einen realen Eindruck vom neuen Job zu machen, bevor sie bei Nacht und Nebel mit der Familie umziehen.

Vor allem aber: Egal wie die Entscheidung ausfällt, sie sollte immer von der ganzen Familie getragen werden. Wenn Sie Ihrer Familie zuliebe auf den Traumjob verzichten, dann weinen Sie der verpassten Karrierechance nicht nach. Stehen Sie zu Ihrer Entscheidung und schauen Sie gemeinsam nach vorn. Vielleicht erscheint Ihnen Ihre Komfortzone dann auch wieder viel komfortabler als zuvor. Und wer weiß, ob es woanders wirklich so viel besser ist. Halten Sie weiter Ausschau nach neuen Karriereperspektiven intern wie extern, aber bewerben Sie sich in Zukunft verstärkt in Ihrem persönlichen Radius, um das Fegefeuer nicht nochmal zu entfachen und hinterher die Flamme in Ihrem Herzen wieder löschen zu müssen.

In diesem Sinne: „So you got to let me know … Should I stay or should I go?“

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