Crowdfunding – die Macht der Masse
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Was haben die Smartwatch Pebble und die New Yorker Freiheitsstatue gemeinsam? Und warum mit Kickstartern schon lange keine Motoren mehr gestartet werden.

Blicken wir zurück ins Jahr 1875: In Frankreich wird kurz vor dem 100. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung eine Vereinigung gegründet, deren Ziel die Schenkung der New Yorker Freiheitsstatue des französischen an das amerikanische Volk ist. Dabei sollte die Statue selbst von den Franzosen, der Sockel hingegen von den Amerikanern finanziert werden. Knapp acht Jahre später kommt der Geldfluss und damit der Bau des Sockels ins Stocken. Der Verleger der New York World – der Journalist Joseph Pulitzer – startet dann die wohl erste Crowdfunding-Kampagne. Er bittet seine Leser um Mithilfe bei der Finanzierung. Als Gegenleistung verspricht er die Veröffentlichung der Namen jedes noch so kleinen Spenders. So kommen dann innerhalb von sechs Monate die noch fehlenden 100 000 US-Dollar zusammen – nach heutigen Maßstäben etwa 2,5 Millionen.

Kickstarter

Einen noch größeren Erfolg hatte die Smartwatch Pebble auf der amerikanischen Crowdfunding-Plattform Kickstarter. Die Uhr, die im Wesentlichen als über Bluetooth erreichbares Smartphone-Zusatzdisplay dient, erreichte die Rekordsumme von über 10 Millionen US-Dollar. Dabei sponserten ca. 85 000 Benutzer das Projekt innerhalb der Laufzeit von vier Wochen. Die Plattform Kickstarter ist dabei eine der Pioniere insbesondere in den Bereichen der elektronischen Gadgets. Der Ursprung liegt in der Finanzierung von künstlerischen Projekten, die weiterhin einen breiten Raum einnehmen. Hier waren auch die Gründer angesiedelt, die mit der Plattform sozusagen einen Eigenbedarf deckten.

Dabei ähnelt der Ablauf einer Auktion: Ein Erfinder oder ein Kapitalsuchender stellt sein Projekt der Gemeinschaft vor. Dabei muss dann immer ein Finanzierungsziel angegeben werden. Die Unterstützer erhalten in der Regel eine Zusage für das zu produzierende Produkt oder das Versprechen auf eine andere Gegenleistung. Kommt die notwendige Summe innerhalb der begrenzten Laufzeit zusammen, ist das Projekt erfolgreich und die Gelder werden von den Unterstützern eingezogen und bereitgestellt. Dann kann die Produktion und Auslieferung der Produkte beginnen bzw. die Gelder können für den definierten Zweck verwendet werden. Das Ganze ähnelt ein wenig der Pränumeration bzw. der Subskription; einem Verfahren im Buchhandel, bei dem Vorbestellern auf ein noch nicht erschienenes Buch ein Rabatt eingeräumt wird. Früher wurden die Unterstützer oft sogar im Buch genannt. Auch das noch immer in Deutschland geltende Buchpreisbindungsgesetz ermöglicht die Abgabe an Vorbesteller zum Subskriptionspreis.

778 Millionen investiert

Kickstarter ist durchaus erfolgreich [1]. Es listet seit seiner Gründung 2008 ca. 48 000 erfolgreiche Projekte, mit einer Investmentsumme von 778 Millionen US-Dollar. Interessant ist dabei auch die Verteilung der Volumen, wobei das Gros bei 31 000 Projekten im Bereich von Tausend bis Zehntausend US-Dollar liegt. Summen über eine Million US-Dollar haben gerade einmal 45 Projekte erreicht. Bemerkenswert ist auch, dass fast ein Drittel der Unterstützer bereits bei einem anderen Projekt engagiert waren.

Eltern haften für ihre Kinder

Die Plattform tritt dabei lediglich als Mittler auf und zieht sich damit aus einer rechtlichen Haftung zurück. Ist ein Projekt erfolgreich finanziert, überweist Kickstarter den Betrag abzüglich einer Provision und verlässt damit den Schauplatz. Ob etwa ein Komponist ein anhörbares Werk abliefert, oder ob ein Spielehersteller wirklich ein Produkt liefern kann, bleibt außen vor. Auch erwirbt ein Unterstützer keinerlei Anteile an dem gesponserten Werk oder gar der vielleicht dahinterstehenden Firma. Für den Fall, dass ein Autor nicht liefern kann (oder möchte), schreiben die AGB zwar eine Rückvergütung vor. Oft sind aber zum Zeitpunkt des Scheiterns bereits Gelder für externe Dienstleister verbraucht worden und können nur schwer zurückgefordert werden. Letztlich stehen aber hier die Projektinitiatoren in der Pflicht. Für die Unterstützer bleibt das Risiko; wobei die „Investmentsummen“ im Verlustfall wohl kaum suizidgefährdend wirken.

3-D-Drucker für alle

Oft erhalten Unterstützer auch nur immaterielle Werte, wie zum Beispiel, dass sie als Charakter in ein Spiel eingearbeitet werden. Insbesondere bei den elektronischen Gadgets werden dann aber auch spezielle „e-irgendwas“-Halter, Ladegeräte oder Hüllen angeboten. Tatsächlich hat aber insbesondere Kickstarter.com eine Vielzahl von Projekten im Bereich der 3-D-Drucker hervorgebracht.

Ein mit Kickstarter vergleichbares Europäisches Projekt ist Startnext – wobei hier wohl täglich neue Websites gelauncht werden. Hier wird aber für gewöhnlich lediglich ein Kickstarter-ähnliches Businessmodel implementiert, das hinter dem Original zurückbleibt. Das gilt zum einen in Bezug auf die Summen, die erzielbar sind. Oft sind aber auch die Qualität und die Menge an Projekten enttäuschend. Und klar ist natürlich, dass eine kritische Masse erreicht werden muss. Unterstützer werden erst durch interessante Projekte angelockt. Umgekehrt wird eine Plattform erst dann von Suchenden mit Projekten versorgt, wenn eine gute Erfolgsaussicht auf eine erfolgreiche Finanzierung besteht. Bis dahin bleibt der Großteil der Vorhaben auf dem Niveau von „Hobby-Projekten“.

Marketing sells

Interessant kann die Vorstellung eines Projekts aber gerade auch dann sein, wenn die eigentliche Finanzierung eher Nebensache ist: Oft erlangen Crowdfunding-Projekte eine enorme Öffentlichkeit. Netzimmanente Veröffentlichungen, Blogger oder oft auch die klassischen Medien schenken innovativen Ideen stetig mehr Aufmerksamkeit. Daneben gilt eine erfolgreiche Crowdfunding-Runde als erste erfolgreiche Prüfung eines Business Cases und kann oft sogar als Marktstudie herhalten. Die große Öffentlichkeit kann natürlich auch Nachteile haben; sicherlich ist es durchaus realistisch, dass Nachahmer sich ungefragt des Ideenpools bedienen.

Zollfahndung

Wenn es um die Produktion von realen Gütern geht und die Reglementierung derselben, dann sind die Deutschen Weltmeister. Mittlerweile gilt Ähnliches aber auch für den gesamten Europäischen Raum. So gibt es eine Reihe von Beispielen von amerikanischen Projekten, bei denen die entstandenen Güter nicht in die EU eingeführt werden durften und dürfen. Pikanterweise traf dies auch für die Smartwatch Pebble zu; das Projekt mit der höchsten Investmentsumme bisher. Mittlerweile werden die Uhren in den Niederlanden – unter Umgehung Deutscher Zollverfahren – in die EU eingeführt und von dort weiter verteilt. Für nicht Europäische Hersteller steht die Konformität nach CE-Zeichen, Grünem Punkt oder TÜV-Sicherheitsprüfung nicht unbedingt auf der To-do-Liste. Und auch die Kenntnis der Zollgesetzgebung ist für die meisten Neuland, erst recht da die Projekte ja eben nicht von weltumspannenden Großkonzernen aufgelegt werden. Und Regelungen, wie Verbraucherschutz, Rückgaberecht und Gewährleistung sind dabei noch überhaupt nicht überprüft. Kurzum ist es sicherlich verständlich, dass weder die US-amerikanischen Plattformbetreiber den Schritt nach Europa wagen noch Projekte über die existierenden Plattformen außerhalb der USA finanziert werden, wenn sich dadurch ein kaum erfassbares Risiko ergibt. Wohlgemerkt sind diese Ausführungen im Zusammenhang mit einer Produktion zu sehen. Projekte ohne direkten Produktbezug, wie künstlerische Projekte aber auch die Finanzierung von Software oder Spieleentwicklungen, sind sicherlich dankbarere Kandidaten.

Hier sind Profis gefragt

Der Umgang mit dem neuen Konzept will aber gelernt sein. Sobald es sich nicht mehr um eine reine Spende handelt und eine Gegenleistung angeboten wird, müssen die Einkünfte versteuert werden. Und auch wenn die Gegenleistung vielleicht „nur“ ein T-Shirt oder ein ähnlicher Merchandising-Artikel ist, kann hier dann doch ein Steuerbetrag zusammen kommen. Leider fehlen hier bisher verlässliche Daten. Bekannt ist aber etwa das Projekt für die Finanzierung eines Computerspiels, bei dem nach Abzug aller Provisionen, Steuern, Merchandising-Artikeln gerade mal 20 Prozent der eingesammelten Summe für die Entwicklung genutzt werden konnten.

In Deutschland sind 2013 durchaus 10 Millionen möglich

Auch für den deutschsprachigen Raum sind die Zahlen, aber vor allem die Deltas, beeindruckend. So wurden 2011 knapp 460 000 Euro über die unterschiedlichen Crowdfunding-Plattformen eingesammelt. 2012 stieg das Volumen auf über das Vierfache, hier wurden fast zwei Millionen Euro erreicht. Nach den ersten beiden Quartalen ist diese Summe in 2013 bereits überschritten. Durchaus möglich, dass wir in Deutschland dieses Jahr noch an die Zehn-Millionen-Grenze stoßen.

Neben dem Konzept „Geld für Gegenleistung“ oder dem Vorbestellerkonzept à la Kickstarter etabliert sich in Deutschland mit enormen Wachstumsraten das Crowdinvesting-Konzept. Auch hier wird ein Projekt einer größeren Masse von möglichen Investoren vorgestellt. Ist bei der klassischen Finanzierung eine kleine Anzahl von Investoren mit größeren Summen gefragt, wird beim Crowdinvesting das Risiko mit kleineren Beträgen auf viele Investoren verteilt.

Crowdinvesting in Unternehmen

Im Gegensatz zu Crowdfunding steht beim Crowdinvesting allerdings das Unternehmen im Vordergrund. Das Modell ist letztlich abgeleitet aus dem Erwerb von Unternehmensanteilen. Auch wenn die Investoren hier keinen direkten Einfluss auf die Unternehmensführung haben, so profitieren sie aber an möglichen Gewinnausschüttungen. Bei Seedmatch, dem Flagship der Crowdinvestment-Szene in Deutschland, liegt die Einstiegssumme für eine Investion bei 250 Euro. Als Start-up werden in der Seed-Runde max. 250 000 Euro investiert. Dabei ermuntert Seedmatch ein Start-up zu weiteren Investmentrunden.

Im Gegensatz zum Crowdfunding unterliegt das Crowdinvesting in Deutschland der „normalen“ Gesetzgebung für Unternehmensbeteiligungen. Steuert das Start-up nicht in eine Insolvenz, können die Investoren nach einer Sperrfrist die Beteiligungen wieder auflösen. Wo und in welchen Umfang sich besondere Gewinnmöglichkeiten ergeben, ist bisher aber kaum bis gar nicht belegt. Dazu lediglich die nachfolgenden Informationen, deren Interpretation dem werten Leser vorbehalten bleibt: Bisher existieren noch alle durch Seedmatch finanzierten Unternehmen; von einer Insolvenz ist bisher nichts bekannt. Der größte Teil der von Seedmatch finanzierten Unternehmen stammt aus dem Bereich Technologie – einem Bereich, der zwar im Erfolgsfall hohe Renditen erzeugen kann, aber eben auch einem Bereich, in dem das Scheitern eher die Regel als die Ausnahme ist.

Das Volumen im Crowdinvesting entwickelt sich tendenziell ähnlich dem Crowfunding, allerdings mit deutlich höheren absoluten Zahlen. Auch hier starteten wir in 2011 mit 450 000 Euro, Ende 2012 wurden bereits 4,6 Millionen Euro erreicht. Und auch hier haben wir mit 5,2 Millionen Euro bis Q2 2013 bereits die Summe des Vorjahres überschritten. Dabei übersteigt diese Zahl auch deutlich das US-Volumen. Hier wurde allerdings erst vor Kurzem die Gesetzgebung zum Thema abgeschlossen. Nach dem Inkrafttreten 2014 wird man wohl auch jenseits des Atlantiks schnell aufholen.

Für einen Gründer unterscheidet sich Crowdinvesting aber kaum von anderen Investitionsformen. Hier wie dort gilt es, eine Menge an Papierkram zu erledigen und schließlich muss ein Unternehmen geführt und hieraus erfolgreich Gewinne generiert werden.

Fazit

Insbesondere in Nischenbereichen bieten sich durch die breite Streuung von Investoren und schnelle Ansprache neue Chancen. Sprechen wir in klassischen Produktzyklen sind wir mit dem Crowdinvesting noch im Bereich der „Early Adopters“; geben wir dem Verfahren noch ein wenig Zeit, und ich bin überzeugt, dass wir auch spezialisierte und Nischenplattformen finden werden.

Wie üblich gehen in einer solchen Maturity-Phase die Gewinne herunter und pendeln sich auf einem niedrigen Niveau ein. Auch darf bei allem Hype weder auf Seiten der Gründer noch auf der Seite der Investoren vergessen werden, dass es sich um Wagniskapitalisierung handelt. Noch tummeln sich auf den diversen Plattformen im Wesentlichen private Investoren. Hier ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis sich hier auch „Crowdinvestment-Berater“ finden lassen.

Aufmacherbild: Businessman pushes virtual crowd funding button on dark von Shutterstock / Urheberrecht: rvlsoft

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