Falsche Adresse? Microsoft will bei Startup-Berlin mitmachen
Kommentare

Ist es nicht spannend, was gerade in Startup-Berlin so los ist? Es herrscht eine Goldgräberstimmung, die auch immer mehr Investoren in die deutsche Hauptstadt lockt. Diese lassen in der Regel Schlipps und Kragen daheim und mischen sich unter das bunte Gründervolk. Arm? Reich? Sexy? Egal! Bei einem gemeinsamen Club Mate in irgendeinem Café rund um den Rosenthaler Platz verwischen die sozialen Unterschiede und es werden Geschäftsideen ausgefeilt.

Da war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis auch der altehrwürdige IT-Superkonzern Microsoft in der deutschen Hauptstadt eine Repräsentanz eröffnet, die schlicht Microsoft Berlin heißt.

Vor ein Paar Tagen war es dann soweit: Anders als beim Erzrivalen Apple soll das neu eröffnete Microsoft Berlin mehr sein als nur ein Flagship Store, hieß es auf der Eröffnungsparty. Auf insgesamt 3.000 Quadratmetern Fläche in bester Lage (Unter den Linden an der Ecke zur Charlottenstraße) lädt Microsoft zum Dialog mit Startups, Kunden und Geschäftspartnern ein.

Unter dem Dach haben gleich neun Startups Platz ein Zuhause gefunden und werden von nun an vier Monate intensiv von Microsoft gefördert. Schließlich kommt angeblich das „next big thing“ aus Berlin – die Medien wiederholten dieses Steve Ballmer Zitat von der Pressekonferenz gebetsmühlenhaft! Zu den neuen Bewohnern des Accelerator-Stockwerkes zählt unter anderem das Startup Sensorberg, das eine App entwickelt, die ortsbasierte Werbung ermöglicht. Ein typisches Berliner Startup.

Im Erdgeschoss kann das gemeine Fußvolk in einem Microsoft Café, der Digital Eatery, Platz nehmen und die ausgelegte Hardware des Elektronikherstellers testen. Club Mate gibt es hier auch. Im Gegensatz zum Rosenthaler Platz findet man aber Unter den Linden keine jungen kreativen Leute, die in kleinen schummrigen Cafés das kostenlose WLAN an die Leistungsgrenze treiben.

Berliner sind kiezfaul

Im neuen Gebäude gilt: Stuck statt Streetart, Hochglanz-Altbau statt heruntergekommene Hipster-Höhle. Dass Microsoft nach Berlin kommt und beim Startup-Hype mitmischen möchte, ist schön und gut. Doch hat man sich vielleicht bei der Hausnummer vertan? Natürlich passiert „Startup“ in ganz Berlin, aber wenn Microsoft hier tatsächlich Startup-Förderung betreiben möchte, wie es Steve Ballmer am Abend der Eröffnungsparty behauptete, dann hat sich der Konzern im Kiez geirrt. Und eine Sache, die jeder Neu-Berliner als erstes lernt ist: Berliner sind kiezfaul, das bedeutet, sie steigen nicht gerne in die U-Bahn, nur um irgendwo anders einen Kaffee zu trinken.

Nur eine Attraktion mehr?

Tatsächlich treiben sich tagsüber überwiegend Touristen Unter den Linden herum, die mit einem Stadtplan vor der Nase das Brandenburger Tor suchen. Für die gibt es ab sofort eine Attraktion mehr: „Oh, look! How lovely, let’s have a Microsoft Coffee.“

Wirklich schade! Es wäre besser gewesen, wenn das Microsoft Café ein echter Ort der Begegnung für Startups geworden wäre. Dann hätte man beispielsweise die zukünftigen Bewohner des Accelerator-Dachgeschosses gleich im hauseigenen Café rekrutieren können. Doch an besagter Location wird das schwierig werden.

Trotz aller Kritik: Microsofts Entscheidung als Accelerator nach Berlin zu kommen, ist eine Bestätigung für die Gründerszene und gleichzeitig eine große Anerkennung für die unermüdliche Arbeit der Startups. Und die U-Bahn-Station Friedrichstraße ist ja schließlich um die Ecke. Von dort aus ist man mit der Bahn in 12 Minuten am Rosenthaler Platz.

microsoft berlin

©Software & Support Media

Alte Elite – alte Rituale

Der Würde des Ereignisses entsprechend warf sich die Berliner High Society vergangene Woche in Schlips und Kragen, schob sich über den roten Teppich und feierte im Rahmen einer Abendveranstaltung die Einweihung von Microsoft Berlin.

Natürlich gab sich Steve Ballmer die Ehre und spulte in knapp zehn Minuten die gewohnte Lobhudelei auf Startup-Berlin ab: „Wir haben auch als Startup begonnen“, stieß es aus ihm heraus. Na klar hat Microsoft als Startup begonnen, wie denn auch sonst? Die anwesenden Gäste horchten dennoch beeindruckt zu, und kaum einer wagte es, von seinem Champagner zu nippen.

Müde sah Steve Ballmer aus, wilde Gesten und seine laute Stimme konnten darüber nicht hinwegtäuschen. Es war ein langer Tag. Morgens die Pressekonferenz, am Abend die Party und immer wieder die gleichen Floskeln zum neuen Microsoft Haus, das mehr als ein Flagship Store sein will und doch zu fein ist für Jungunternehmer.

Staub abschütteln und ankommen

Microsoft hat seine Ankunft in Berlin mit bekannten Riten zelebriert: exklusive Party, illustre Gästeliste, Champus und feine Häppchen – alles einen Steinwurf vom Hotel Adlon und der amerikanischen Botschaft entfernt. Während sich die alte Elite alten Rituale hingab und über Startups parlierte mussten eben diese bei der Einweihungsparty draußen bleiben – die Gäste stammten vornehmlich aus Politik, Wirtschaft und Lokalprominenz.

Das ist aber nicht schlimm. Der alte Staub könnte bald abgeschüttelt sein, denn wie jeder Neuankömmling muss auch Microsoft anfangen, die Stadt zu erkunden, neue Leute kennenzulernen und sich für neue Ideen zu öffnen. Neulinge sind auch eher dazu bereit einen Kiezwechsel in Kauf zu nehmen. Hoffen wir, dass der Super-Konzern den Gründern auf Augenhöhe begegnet, ihnen zuhört und sie nicht einfach unter dem Dach eines Prestige-Gebäudes wegsperrt. In diesem Sinne: Herzlich willkommen in Startup-Berlin, Microsoft!

digital eatery

©Software & Support Media

Unsere Redaktion empfiehlt:

Relevante Beiträge

Meinungen zu diesem Beitrag

X
- Gib Deinen Standort ein -
- or -