Startup Deutschland

Risikokapital-Geber – Startup-Deutschland unter den Top drei
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Unter den Top-Standorten für Venture Capital steht Deutschland ganz weit oben. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Analyse der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young, die den weltweiten Risikokapitalmarkt untersucht.

Junge Unternehmen und Startups haben 2014 weltweit knapp 87 Milliarden US-Dollar Risikokapital erhalten – 62 Prozent mehr als 2013 und so viel wie seit dem Internet-Hype zu Beginn des Jahrtausends nicht mehr. Nur im Jahr 2000 – kurz bevor die Dotcom-Blase zerplatzte –investierten die Geldgeber mehr: 116 Milliarden US-Dollar.
Nach den USA und China war Deutschland das wichtigste Land für Venture-Capital-Investitionen: 2,9 Milliarden US-Dollar wurden als Venture Capital bereitgestellt. Seit 2001 waren die Investitionen hierzulande nicht mehr so hoch.

US-amerikanische Regionen dominieren aber nach wie vor den Venture-Capital-Markt. Unter den Top Fünf im weltweiten Regionen-Ranking finden sich vier US-amerikanische Regionen, angeführt von der Bay Area um San Francisco, zu der auch das Silicon Valley gehört. Mit 24,8 Milliarden Dollar flossen deutlich mehr als ein Viertel aller weltweiten VC-Investitionen allein in diese Region. Auf Platz Zwei folgt die chinesische Hauptstadt Peking mit 7,7 Milliarden US-Dollar. Beim Regionen-Vergleich belegen Deutschland und Großbritannien die Plätze sechs und sieben.
In Deutschland hat sich der Zugang zu Venture Capital für Startups und junge Unternehmen in den vergangenen Jahren signifikant verbessert: Mit Investitionen von 923 beziehungsweise 823 Millionen US-Dollar in den Jahren 2010 und 2011 belegte Deutschland jeweils nur den zwölften Rang im Regionen-Ranking. Der Wert von 2014 bedeutet im Vergleich zu 2011 eine Steigerung um 250 Prozent.

Mehr Großinvestitionen

Auffällig ist die Anzahl besonders hoher Investitionen von mehr als 50 Millionen US-Dollar pro Einzelinvestment. Insgesamt 309 Unternehmen konnten sich frisches Kapital über dieser Marke besorgen und sicherten sich insgesamt 39,4 Milliarden US-Dollar (2013: 141 Unternehmen mit insgesamt 13 Milliarden US-Dollar).
Vor allem in der späten Finanzierungsphase sind die Investitionen stark gestiegen: 48,7 Milliarden Dollar stellten Venture-Capital-Geber in dieser Phase bereit. Im Vorjahr waren es gerade einmal 27,5 Milliarden Dollar. Am wenigsten Geld fließt in die Seed-Finanzierung, die sehr früh in der Startup-Phase ansetzt. Dafür wurden 2014 weltweit eine halbe Milliarde US-Dollar bereitgestellt, 2013 waren es 600 Millionen. „Der enorme Anstieg bei den Mega-Investments bestätigt eine deutliche Veränderung in der Risikokapitallandschaft“, stellt Lennartz fest. Venture-Capital-Fonds investieren verstärkt in Unternehmen, die sich bereits in einer späteren Phase befinden. Die Erfolgschancen lassen sich dann bereits besser abschätzen. Dafür sind die Investoren dann auch bereit, deutlich mehr Geld in die Hand zu nehmen. Dabei kann es sich um ein neues Investment in ein schnell wachsendes und vielversprechendes Unternehmen handeln oder um die Aufstockung eines bereits bestehenden Investments, um einem Unternehmen zum Durchbruch im Markt zu verhelfen.

WhatsApp-Übernahme befeuert M&A-Deals in USA

„Die verstärkte Bereitschaft zu mehr finanziellem Engagement ist sicher auch eine Folge einiger erfolgreicher Börsengänge von Unternehmen, die mit Venture Capital finanziert sind“, sagt Lennartz. So stieg die Zahl der Börsengänge von mit Venture Capital finanzierten Unternehmen in Europa im Jahresvergleich von 18 auf 55. Das dadurch eingenommene Kapital nahm wieder deutlich zu – von 670 Millionen auf 4,8 Milliarden US-Dollar –, getrieben vor allem durch deutsche Unternehmen. Allein der Börsengang von Rocket Internet im vierten Quartal 2014 spülte fast 1,8 Milliarden US-Dollar in die Kassen. Zalando nahm mehr als 600 Millionen US-Dollar ein. Damit wurde in Europa ein deutlich stärkeres Wachstum als in den anderen Märkten verzeichnet. In den USA (9,2 Milliarden US-Dollar) und in China (7,2 Milliarden US-Dollar) erhielten die Unternehmen dennoch insgesamt mehr Geld durch Börsengänge.
Laut Lennartz dürfte die Attraktivität von Venture-Capital-Investitionen auch 2015 bestehen bleiben: “Investoren suchen vor dem Hintergrund der andauernden Niedrigzinsphase nach attraktiven Alternativen. Deswegen schauen sich viele nach vielversprechenden, jungen Unternehmen um. In den USA dürfte der Venture-Capital-Boom vor dem Hintergrund der robusten wirtschaftlichen Lage weitergehen. Auch in China dürfte trotz eines geringeren wirtschaftlichen Wachstums das Umfeld für Venture Capital günstig bleiben. Eine Richtung dürfte der Mega-Deal von Beijing Xiaomi Technology im vierten Quartal vorgeben. Das Unternehmen konnte damit 1,1 Milliarden US-Dollar an Venture Capital einsammeln.“

Während der Wert der M&A-Transaktionen mit Firmen, die Venture Capital erhalten haben, in den USA und in China 2014 einen neuen Rekord erreicht hat, ist er in Europa leicht rückläufig. In den USA stieg der Wert gegenüber dem Vorjahr um 93 Prozent auf knapp 80 Milliarden US-Dollar, vor allem durch die Übernahme von WhatsApp durch Facebook bedingt (Deal-Wert über 20 Milliarden US-Dollar). In China betrug der Zuwachs sogar etwa 200 Prozent, allerdings auf einem niedrigeren Gesamtniveau von 6,5 Milliarden US-Dollar. In Europa gingen die Zukäufe auf 10,7 Milliarden US-Dollar zurück (minus 24 Prozent).

Steigende Investitionen in China

Mit Abstand am meisten Geld können regelmäßig junge US-Firmen einwerben: Im Vergleich zum Vorjahr legte der gesamte US-Markt 2014 um 47 Prozent auf 52,1 Milliarden US-Dollar zu. In China hat sich das Investitionsvolumen von 4,8 auf 15,5 Milliarden US-Dollar mehr als verdreifacht. Nach Europa flossen insgesamt 10,6 Milliarden US-Dollar, 27 Prozent mehr als noch im Vorjahr.
„Aktuell fließt in Deutschland und weltweit sehr viel Geld in junge Unternehmen – das sind gute Nachrichten für Entrepreneure, aber auch für die jeweiligen Volkswirtschaften. Die Zuversicht und die Risikobereitschaft der Investoren sind so groß wie lange nicht mehr. Sie stehen bereit, um für gute Ideen gutes Geld zu geben. Einer der Hauptgründe für den Investitionsboom dürfte allerdings die hohe Liquidität im Markt sein – derzeit sucht sehr viel Geld nach renditeträchtigen Anlagemöglichkeiten. Eine Rolle spielen aber auch die immer professionelleren Netzwerke von Investoren auf der einen und Startup-Unternehmen auf der anderen Seite“, sagt Peter Lennartz, Partner bei EY und verantwortlich für den Bereich Startups.

Für Lennartz ist der starke Anstieg bei den Risikokapitalinvestitionen in Deutschland ein wichtiger Impuls für den Innovationsstandort Deutschland: „Auf die Gründungskultur in Deutschland dürfte der Investitionsboom eine positive Signalwirkung haben. Internationale Investoren blicken auf der Suche nach attraktiven Anlagemöglichkeiten zunehmend auch auf Deutschland. Junge deutsche Unternehmen mit vielversprechenden Geschäftsmodellen haben durchaus eine Chance, Investitionen anzuziehen. Voraussetzung ist allerdings, dass sie sich international aufstellen.“ Bisher sei nämlich genau das ein Problem gewesen, betont Lennartz mit Verweis auf das EY-Startup-Barometer 2014. „Junge Unternehmen hierzulande peilen häufig eher den lokalen Markt und weniger den Weltmarkt an. Je internationaler sie jedoch aufgestellt sind, desto größer sind ihre Chancen, Risikokapitalgeber anzuziehen.“

Vor allem die Deals bei den verbrauchernahen Dienstleistungen machten weltweit einen großen Sprung nach vorne. Getrieben von Mobilanwendungen wie dem Taxi-Konkurrenten Uber, dem Messaging-Dienst Snapchat oder dem Lebensmittellieferservice Instacart zog der Dienstleistungsbereich Investitionen von insgesamt 29 Milliarden US-Dollar an. Auch 2013 investierten Geldgeber am meisten in diesen Bereich – allerdings war da das Volumen mit 12,6 Milliarden US-Dollar deutlich niedriger.

Bei der Anzahl der abgeschlossenen Transaktionen rangiert der Dienstleistungssektor mit 1.690 durchgeführten Finanzierungsrunden erstmals auf Platz Eins, gefolgt vom Sektor der Finanz- und B2B-Dienstleistungen (1682 Deals). Nachdem in den Vorjahren die meisten Venture-Capital-Deals in der Informationstechnologie abgeschlossen wurden, nahm diese Branche 2014 nur den dritten Platz ein (1554 Deals).

Aufmacherbild: Banknotes from allover the world via Shutterstock / Urheberrecht: Ralf Siemieniec

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