Startup-Durchlauferhitzer Berlin? Interview mit Jan Stöß
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Vier Tage nach dem Mitgliedervotum haben wir uns mit Jan Stöß, dem Landesvorsitzenden der Berliner SPD, getroffen und uns mit ihm über die Berliner IT-Startup-Szene unterhalten.

WebMagazin: Beim Mitgliedervotum am vergangenen Freitag hat nur jedes fünfte Mitglied für Sie gestimmt – wie gehen sie persönlich mit dieser Niederlage um?

Jan Stöß: Willy Brandt hat mal gesagt: Niederlagen stärken, solange es nicht zu viele werden. Wenn man so ein Verfahren wählt, ist doch klar, dass nicht alle drei Erster werden können.

Ich bin auf jeden Fall zufrieden damit, dass wir die Mitglieder haben entscheiden lassen und dass es so eine positive Resonanz für das Mitgliedervotum gab und am Ende auch eine so hohe Beteiligung.

WebMagazin: Sind Sie enttäuscht?

Jan Stöß: Natürlich hätte ich mir für mich selbst ein besseres Ergebnis gewünscht. Aber jetzt haben wir einen klaren Sieger, nämlich Michael Müller. Und hinter ihm wird sich die SPD geschlossen aufstellen.

WebMagazin: Berlin wird gerne als das nächste Silicon Valley bezeichnet. Was macht die Stadt, neben der hohen Lebensqualität, so attraktiv und was hat Berlin dem Valley voraus?

Jan Stöß: Bis wir beim Valley angekommen sind, ist es noch ein weiter Weg. Die Beträge, die dort investiert werden und die dort zur Verfügung stehen, sind natürlich um ein Vielfaches höher als in Berlin.

Aber unsere Stärke ist, dass Berlin eine so aufregende Stadt ist, die noch Freiräume bietet und ein einzigartiges Kulturleben hat, das dazu beiträgt, dass Leute überall auf der Welt gerne hierher kommen. Wenn wir unsere Stärken erhalten, dann kann Berlin noch weiter wachsen.

WebMagazin: Das Kommen ist das Eine – das Bleiben das Andere. Viele verlassen Berlin trotzt der Lebensqualität, wenn sie erfolgreich werden. Warum können wir die Startups nicht halten?

Jan Stöß: Die Finanzierung für eine Expansionskurs, für die zweite Stufe, ist oft der Knackpunkt. Hier müssen wir auch im Bund über Möglichkeiten nachdenken, Finanzierungsmodelle zu erleichtern.

Insgesamt sind wir aber im Vergleich zu anderen wirklich nicht schlecht aufgestellt. Jeder zweite Euro, der für Startups überhaupt als Venture Capital nach Deutschland kommt, fließt nach Berlin. Berlin ist da eine wirkliche Marke und darauf kann man weiter aufbauen.

WebMagazin: Ist Berlin ein Durchlauferhitzer?

Jan Stöß: Nein, das wäre auch fatal. Es liegt in der DNA unserer Stadt, dass hier gegründet, geforscht und erfunden wird. In Kreuzberg hat Konrad Zuse mit dem Z3 den ersten Computer der Welt entwickelt. Und gerade die Nähe zu den Universitäten, zur Wissenschaft und zur Forschungslandschaft ist ein Motor, der dazu beiträgt, dass etwas Neues entsteht.

Wenn wir keine Fehler machen, ist Berlin kein Durchlauferhitzer, sondern kann ein starker Startup- und Digitalisierungs-Hub für die ganze Welt sein, eine echte Digital-Hauptstadt.

WebMagazin: Was wäre denn ein solcher Fehler, den Berlin machen könnte?

Jan Stöß: Wenn die weichen Faktoren sich abschleifen, wenn das kulturell Aufregende verloren geht, wenn die Wildheit und Schönheit verschwinden. Wenn wir am Ende nicht aufregender sind als Düsseldorf oder Stuttgart, werden wir es schwer haben, nicht nur die Investitionen, sondern auch die internationale Aufmerksamkeit zu bekommen.

Dass wir mit den Börsengängen von Rocket und Zalando auch weltweit von uns reden gemacht haben – trotz aller Schwierigkeiten – zeigt aber ja, dass hier wirklich im größeren Volumen was passiert. Berlin ist the place to be. Und das soll auch so bleiben.

WebMagazin: Berlin gilt als Europas Startup-Hauptstadt – leider ist Berlin nicht Deutschlands Wirtschaftshauptstadt. Was muss Ihrer Meinung nach konkret passieren, damit Berlin das Image „arm, aber sexy“ endlich ablegen kann?

Jan Stöß: Armut ist eben nicht sexy. Wir müssen es schaffen, dass man in Berlin gut leben kann und zwar nicht nur, wenn man schon Geld mitbringt. Die Chancen sind gut. Hier können die Jobs entstehen, die die Digitalisierung der Deutschen Wirtschaft insgesamt vorantreiben.

Wir können im Bereich der Industrie 4.0 dafür sorgen, dass Berlin den entscheidenden Input setzt. Wenn wir eine Vernetzung der Startups hinbekommen zur Industrie und zum Mittelstand, dann werden neue Arbeitsplätze geschaffen, die besser bezahlt werden, dann steigen die Einkommen und Berlin wird eben nicht länger arm sein, sondern das Wachstum bei allen ankommen.

WebMagazin: Startups wie der Limousinen-Service Uber oder der Wohnraum-Sharing-Dienst airbnb haben mit Verboten zu kämpfen. Läuft Berlin Gefahr, Gründer mit solchen Schreckensnachrichten zu vergraulen?

Jan Stöß: Ich gebe zu, dass ich airbnb auch schon selbst – und gerne – genutzt habe, wenn ich auf Städtereisen war. Ich habe aber selbst auch in Kreuzberg in einem Haus gewohnt, in dem wir am Ende fast die letzten waren, die darin tatsächlich wohnten und nicht nur Urlaub gemacht haben.

Das ist nicht nur anstrengend, sondern das entzieht der Stadt auch dringend benötigten Wohnraum und zerstört auf die Dauer das Besondere an den Kiezen. Deshalb brauchen wir Spielregeln, die eine gesunde Mischung und die Akzeptanz für Tourismus erhält.

Auch die Regulierung von Uber ist richtig und gerecht gegenüber dem Taxigewerbe. Da muss man schon trennen: Nicht jedes Geschäftsmodell ist schon gut, weil es von Startups entwickelt wird.

Geschäftsmodelle, die Wohnraum verknappen oder Risiken im Versicherungsschutz birgen, müssen reguliert werden. Das wird sich in Deutschland auch nicht ändern. Klare Standort-Regeln und Verbraucherschutz müssen kein Nachteil sein, im Gegenteil.

WebMagazin: Fehlender Wohnraum, Bürokratie und Sprachbarrieren. In vielen Berliner Behörden wird nicht immer Englisch gesprochen. Neue internationale Gründer, die nach Berlin kommen, sind von Anfang an mit diesen Problemen konfrontiert. Veränderungen brauchen Zeit. Wie kann man die Infrastruktur verbessern, um Gründer, die neu in die Stadt kommen, zu unterstützen – und läuft uns die Zeit davon?

Jan Stöß: Da müssen wir aufpassen, die Konkurrenz schläft nicht. Natürlich probieren andere Städte und andere Länder, Startups abzuwerben. Deshalb müssen wir darauf achten, dass die Berliner Verwaltung die berühmte Willkommenskultur eben auch wirklich lebt.

Wir haben mittlerweile einen großen Anteil an Menschen hier in Berlin die selbstverständlich Englisch sprechen. Da wo ich herkomme, nämlich Friedrichshain-Kreuzberg, dort wird eben auf der Straße oder in den Geschäften nicht nur Deutsch, sondern schon länger Türkisch und jetzt eben auch Englisch, Spanisch und Französisch gesprochen.

Das ist doch toll. Aber die Stadt muss sich eben auch auf die veränderten Umstände einstellen und die Verwaltung im wahrsten Sinne ansprechbar sein für Menschen, die erst mal ohne Deutschkenntnisse herkommen.

WebMagazin: Wann wird sich das ändern?

Jan Stöß: Wir haben jetzt die Chance, das zu ändern, weil wir dabei sind, die Verwaltung neu aufzubauen. Nach einer langen Phase von Stellenabbau und Stellenstreichungen müssen wir jetzt die Verwaltung in der wachsenden Stadt so organisieren, dass Sprachkompetenz und interkulturelle Kompetenzen selbstverständlich dazu gehören.

WebMagazin: Wann wird sich das ändern? Im kommenden Jahr, in zwei Jahren?

Sie haben es sehr eilig, aber Ihr Ehrgeiz gefällt mir – den teile ich.

WebMagazin: Im Senat sind derzeit zwei Stellen offen, es werden ein Finanz- und ein Bausenator gesucht. Wurde Ihnen schon eine dieser Stellen angeboten?

Jan Stöß: Warten Sie mal ab. Dazu wird Michael Müller einen guten Vorschlag machen.

WebMagazin: Ist der Traum des Bürgermeisters für Sie ausgeträumt, oder werden wir irgendwann noch einen Regierenden Bürgermeister Jan Stöß erleben?

Jan Stöß: Jetzt haben wir einen Regierenden Bürgermeister Michael Müller und hinter dem steht die SPD geschlossen. Es geht jetzt nicht ums Träumen, sondern ums Arbeiten. Dafür, dass es mit Berlin weiter aufwärts geht.

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