Erfolgreich Startups gründen

Startup gründen ist wie Haus bauen: Interview mit Jan Bredack
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Zu unserem Interview komme ich circa eine halbe Stunde zu früh und setze mich in das erstbeste Café an der Warschauer Straße. Neben Cappuccino und Co. haben mittlerweile auch die hoch gehypten grünen Smoothies ihren Weg hierhin gefunden.

Ich verzichte und gehe lieber noch einmal gedanklich die Dinge durch, die ich von Jan Bredack – ehemals Top Manager bei der Daimler AG, heute Geschäftsführer von Veganz, der ersten veganen Supermarkt-Kette Europas – wissen will.

Berlin zeigt sich derweil von seiner ungemütlichen Seite. Es ist kalt und nass. Allein die hellgrünen Veganz-Schilder auf der gegenüberliegenden Straßenseite trotzen dem herbstlichen Grau, das warme Licht und die prall gefüllten Supermarkt-Regale locken die Konsumenten. An dem ganzen Überfluss vorbei geht’s für mich direkt in die Büroräume von Veganz. Eine sympathische junge Dame öffnet mir die Tür und begleitet mich in einen nüchtern eingerichteten Meetingraum. Ein Dalmatiner läuft an uns vorbei.

Kurze Zeit später betritt auch Jan den Raum und begrüßt mich mit einem warmen Lächeln. Wir nehmen Platz und vertiefen uns sofort in das Gespräch.

Nicht alle Arbeitnehmer sind als Startup-Mitarbeiter geeignet

Drei Bürohunde gibt es mittlerweile bei Veganz und immer mehr Mitarbeiter, die wegen akuten Platzmangels bald wohl auch ein neues Büro beziehen werden. So viel Flexibilität muss sein, wenn man bei einem Startup arbeitet, bemerkt Jan. Überhaupt wären nicht alle Arbeitnehmer als Startup-Mitarbeiter geeignet. Ganz konkrete Qualitäten erwartet der überzeugte Veganer und erfahrene Geschäftsmann von seinen Mitarbeitern. Sie müssen freiheitsliebend sein und eigenverantwortlich, ohne bestehende, feste Strukturen arbeiten können.

Zwar schwärmen viele Menschen von flachen Hierarchien und Raum für Eigeninitiative. Doch im Berufsleben wünschen sich doch die meisten Kontinuität, die Startups nicht bieten können. Als Mitarbeiter in einem aufstrebenden Unternehmen muss man immer mit Änderungen rechnen und flexibel auf diese reagieren können. Und das ohne ständige Absprachen mit der Geschäftsleitung. Das bedeutet natürlich auch – Fehler machen zu dürfen. Eine gesunde Fehlerstruktur sieht Jan als ein wichtiges Kriterium im Arbeitsalltag eines Startups: „Fehler darf man machen.“ Wichtig ist, dass im Nachhinein evaluiert wird. Nur so können Mitarbeiter aus ihren Fehlern lernen.

 Unserer USP ist, dass wir vieles bieten, das neu ist

Ich will von Jan erfahren, was das Geheimnis seines Erfolges ist: „Ich glaube, ein wichtiger Grund ist, dass das Konzept echte Bedürfnisse trifft. Die Gründungsidee kam von mir aus Kundensicht. Ich hatte das Bedürfnis, das neben mir auch viele andere haben. Der Großteil unserer Kunden sind weder Veganer, noch Vegetarier.

Diese Menschen wollen sich gut und bewusst ernähren. Unserer USP ist, dass wir vieles bieten, das neu ist. Wir haben pro Woche zehn neue Produkte. Und wir haben keine Grenzen. Es hört für uns nicht in Berlin, Brandenburg, Deutschland oder Europa auf. Wir schauen überall nach interessanten Produkten für unsere Kunden. Durch diesen illustren Mix fühlen sich Menschen zu uns hingezogen. Zusätzlich werden sie noch gut beraten und finden meist, was sie suchen. Der Kunde muss immer im Fokus aller Überlegungen stehen. Auf seine Wünsche sollte man flexibel reagieren und das Konzept immer wieder anpassen können.“

Viele Startups scheitern an ihrer Marktblindheit

Im Markt könne man keine künstlichen Erfolge feiern, führt Jan fort. Das Angebot wird durch die Nachfrage und die Bedürfnisse der Menschen bestimmt. Deswegen sollte bei der Produktentwicklung der Kunde immer im Mittelpunkt stehen. Höre sich zwar banal an, doch immer noch scheitern viele Startups an ihrer Marktblindheit. Jan, der mittlerweile auch Startups berät, hat schon viele mit leuchtenden Augen in sein Büro kommen und mit hängenden Ohren wieder gehen sehen: „Ich merke immer wieder, dass Gründer so besessen von ihrer Idee sind und aus dieser Idee heraus sich ein Bild ergibt, in dem der Kunde und der Markt komplett ausgeblendet werden. Viele versäumen es, die Markt- und Kundenbedürfnisse zu berücksichtigen.

Sie nehmen sich nicht die Zeit, einen Gang zurückzuschalten und zu untersuchen, ob die Idee marktgerecht und das Produkt wirtschaftlich am Markt platzierbar ist. Vielleicht ist ja das Produkt an sich toll, aber nicht umsetzbar. Diese Tests gehen leider nur über einen ausgearbeiteten Business-Plan. Dieser soll nicht einfach eine schön gerechnete, aus der Eigenperspektive gemachte Planung sein. Diese muss immer aus der Kundenperspektive kommen. Diese darf man als Unternehmer auf keinen Fall ausblenden.“

Der Markt muss die Idee gut finden, nicht der Gründer

Neben der außer Acht gelassenen Kundenperspektive gibt es eine ganze Reihe weiterer Faktoren, die Startups zum Verhängnis werden können. Ich frage Jan, welche in seinen Augen die häufigsten Stolpersteine auf dem Weg eines aufstrebenden Unternehmens sind: „Das Hauptproblem ist – und da will ich uns gar nicht ausschließen –, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Liquidität und Strukturen zu finden. Gute Ideen haben viele Menschen. Das Problem ist – nur die wenigsten schaffen es, diesen Ideen Strukturen zu verleihen und rechtzeitig in Human Resources, in Qualität, in Erfahrung und in Know-how zu investieren. Denn die Finanzierungsseite ist im Startup-Bereich immer das bestimmende Thema.

Strukturen, das menschliche Know-how und die Liquidität miteinander in Einklang zu bringen – das ist der Hauptknackpunkt. Das ist bei uns genau das Gleiche. Wir funktionieren im Moment nur, weil wir Geld von Investoren kriegen, die an uns glauben. Das funktioniert wie eine Lernkurve. Am Anfang ist es unheimlich schwierig, Investoren zu begeistern, weil das Risiko so hoch ist. Wenn man eine gewisse Größe und Umsatzvolumen erreicht und eine stabile Kundenresonanz vorweisen kann, kann man einfacher die Investoren für sein Konzept gewinnen. Denn nicht weil der Gründer und die Experten die Idee gut finden, ist das Konzept gut, sondern vor allem der Markt muss diese Idee gut finden und bereit dafür sein.“

Kein Haus ohne Fundament, kein Startup ohne Strukturen

Ein Startup hochzuziehen wäre mit dem Hausbau vergleichbar, fährt Jan nachdenklich fort. Kein Wachstum ohne Fundament, kein Obergeschoss und Dachterrasse ohne Keller und Dachgeschoss, kein funktionierendes Treppenhaus ohne eingebaute Lichtschalter und Elektrizität: „Schon bei der Gründung eines Startups muss in das Fundament investiert werden. Hier hat mir meine Vergangenheit aus dem Konzern weitergeholfen. Ich war es schon immer gewohnt, in Strukturen zu denken und zu arbeiten.“

Heute kann ich tot umfallen und der Laden wird genauso funktionieren

Das Fundament eines Startups bilden auch die Menschen, das Team. Das ist in einem jungen Unternehmen noch grundlegender als in einem Konzern mit festgefahrenen Strukturen und wenig Raum für Eigeninitiative. „Ich habe schon immer sehr viel Geld in Menschen investiert.

Heute kann ich tot umfallen und der Laden wird genauso funktionieren. Das ist, glaube ich, ein Geheimnis unseres Erfolges. Ich habe mir sehr viele Menschen eingekauft, die das nötige Know-how mitbringen. Menschen sind unser wichtigstes Kapital. Damit das Unternehmen funktioniert, braucht das Team entsprechende Skills, die nicht jeder mitbringt. Deswegen haben wir eine aktive Recruitment-Strategie für uns gewählt und sprechen Menschen gezielt an.“

Als Startup CEO ist man vor allem Vordenker

Hier offenbart mir Jan einen sehr wichtigen Unterschied zwischen der Führungsebene in einem Konzern und im Startup-Umfeld – beide kennt er nicht nur vom Hörensagen. In einem Konzern sollten Mitarbeiter im Idealfall die „tot umgefallene“ Geschäftsleitung schmerzlich vermissen. Denn diese hat so viel Macht um sich geschart, dass durch das Wegfallen dieser wichtigen Entscheidungsebene plötzlich nichts mehr funktioniert. In einem Startup verhält es sich ganz anders: „Hier geht es darum, loszulassen.

Je mehr Verantwortung man als Startup-Gründer dem eigenen Team übergibt, desto erfolgreicher kann man sich schätzen. Dafür müssen zuerst entsprechende Strukturen geschaffen und die richtigen Menschen an Board geholt werden. Es kann sogar geschäftsschädigend sein, wenn man als Gründer nicht in der Lage ist, loszulassen. Als Startup CEO ist man vor allem Vordenker, schafft Strukturen und gibt die Richtung an – die Umsetzung liegt beim Team.“

Burnout droht, wenn du für deine Arbeit anhand deiner dir selbstgesetzten Ziele keine Bestätigung mehr erhältst

Eine Sache will ich noch von Jan wissen, bevor wir uns verabschieden. Ein Burnout hat ihn dazu bewegt, seinen sicheren Job bei der Daimler AG aufzugeben, um später die Idee eines ersten veganen Supermarktes zu einer funktionierenden Geschäftsidee auszubauen – mit Erfolg und nicht ohne Hindernisse. Das Konzept, Veganismus massentauglich zu machen, stößt auf heftige Kritik und findet gleichzeitig viele Abnehmer. Trotz diverser Rückschläge, hält Jan weiterhin an seiner Geschäftsidee fest. Ich will verstehen, woher dieser Gründergeist kommt und die Kraft, trotz all der Schwierigkeiten weiterzumachen: „In eine Burnout Situation kommt man nur, wenn du für deine Arbeit anhand deiner dir selbstgesetzten Ziele keine Bestätigung mehr erhältst.

Stell dir vor: Du sitzt im Auto und gibst Gas. Solange du vorwärts rollst und die direkte Rückmeldung bekommst, dass Gas geben in die Geschwindigkeit umgesetzt wird, kann du eigentlich so lange weiterfahren, wie es nötig ist. Ein Burnout kommt dann, wenn du dich ins Auto setzt und Gas gibst, während jemand hinten das Auto hochhebt, so dass die Räder durchdrehen und nichts passiert. Wenn deine Geschäftsidee auf eigenen Visionen basiert, ist es schwer, in eine Situation zu kommen, in der man „durchdreht“. Auch wenn die Arbeit durch die Selbstständigkeit nicht gerade weniger wird.“

Jan könnte noch stundenlang über seine Visionen und Zukunftspläne erzählen. Doch – Geschäftsmann durch und durch – muss er noch zig Telefonate führen und Termine wahrnehmen, bevor es dann am darauffolgenden Tag nach Bochum geht, wo er beim Gründergipfel NRW einen Vortrag zum Thema „Inspiration und Mut für den eigenen Weg“ halten wird. Er wird aus eigener Erfahrung sprechen.

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