Startup Insights Vol. 1 – Großkonzerne und gute Ideen [Kolumne]
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Das Web ist voll von Startup-Tipps, Ratgebern, Business-Modell-Generatoren, etc. Man sollte denken: Wer heute ein Startup gründet, kann auf die Expertise einer breiten Community zurückgreifen, die es ermöglicht das eigene Startup zum Erfolg zu führen. Dennoch wird man häufig feststellen: Der Erfolgsfall tritt in den seltensten Fällen ein und die Parolen, die Mantra-artig in einschlägigen Blogs hoch und runter gebetet werden, helfen auch nicht, um die eigene Idee zum Fliegen zu bringen.

„Du solltest das Buch ‚The Lean Startup‘ lesen…“ ist dann der häufigste Kommentar von Pseudo-Startup-Experten, doch wenn man solche „Experten“ dann fragt, was sie denn erfolgreich mittels Lean Startup Approach gegründet haben wird die Luft meistens sehr schnell dünn. 

Genau an dieser Stelle will diese Kolumne ansetzen: Es gibt kein Patentrezept für Startups und schon gar keine allgemein gültigen mechanische Regeln durch deren Anwendungen ein Startup zum Erfolg gelangt. Aber es gibt Erkenntnisse, die es sich zu teilen lohnt, und je ehrlicher und transparenter ein Umgang mit Erkenntnissen praktiziert wird, desto eher sind andere Startups in der Lage diese nachzuvollziehen und ggf. in die eigene Entwicklung einfließen zu lassen. Punktuelle Erkenntnisse im Stil von „validiere Deine Idee doch erstmal via Paper & Pencil…“ oder aber „formuliere Deine Idee in einem Satz…“ helfen dabei wenig. Die Erkenntnisse sind aus dem Kontext gerissen und werden von den meisten Gründern mehr oder weniger überlesen. Das Ganze ist vergleichbar mit einer Fernsehserie á la „Big Bang Theory“: Wenn ein nicht versierter Zuschauer in die Serie reinzappt und fünf Minuten Inhalt sieht, wird er diesen Inhalt nicht lustig finden. Jemand, der die Serie und die Charaktere dahinter kennt, kann einer solchen kurzen Szene schon deutlich mehr abgewinnen.

Die Idee der Fernsehserie soll für diese „Startup Insights“ aufgegriffen werden: Von Anfang an wird über unser „erfolgreich gescheitertes Startup“ jooik berichtet, um Learnings transparent und vor allen Dingen praxisnah vermitteln zu können. Das führt zwar nicht zu Erfolgsregeln im Lean-Startup-Stil, durch deren Umsetzung Startups zum Erfolg gelangen. Aber es werden Anti-Patterns aufgezeigt, durch deren Vermeidung zumindest die Aussicht auf Erfolg erhöht wird. Gleichzeitig soll nicht nur Vergangenheitsbewältigung betrieben, sondern in einer zweiten „Staffel“ eine neue Startup Idee von Beginn an begleitet werden, denn: Wir werden wieder neu gründen!

Hin und wieder werden auch technische Artikel eingestreut, denn in puncto Technologie hat sich Einiges getan, ein „Spring-MVC-Graph-Datenbank-Stack“ eignet sich ganz bestimmt nicht nur für unsere Anforderungen…

„Taten statt Phrasen und Powerpoint“ ist ein Grundsatz der bei jedem Startup praktiziert werden sollte. Gleiches gilt auch für diese Kolumne und statt noch weiter über die Ziele und Ausrichtungen zu lamentieren, starten wir direkt mit Staffel 1 und der ersten Episode „Großkonzerne und gute Ideen“. Viel Spaß bei der „Sendung“!

Euer Florian 

Vol. 1 – „Großkonzerne und gute Ideen“

„Gute bzw. neue Ideen müssen nicht zwangsläufig in Form eines Startups umgesetzt werden…“, das war der Ansatz den wir 2010 verfolgt haben, als im Rahmen von nächtlichen Coding-Sessions plötzlich ein Prototyp für die Visualisierung von Management-Daten auf dem iPad entstanden war, entwickelt für unseren damaligen Arbeitgeber. Mein Coding-Partner Domenic und ich konnten schnell Begeisterung für unsere Reporting-Lösung innerhalb des Konzerns gewinnen (http://www.mireport.ch) und diese auf einen soliden Beta-Stand bringen. Zum damaligen Zeitpunkt waren wir der festen Überzeugung mit der Sales Power eines Großkonzerns im Rücken etwas im Markt bewegen zu können. 

Die technische Zusammenarbeit klappte hervorragend (wir waren/sind beide „Techies“). Die Tatsache, dass Domenic ein paar Informatik-Gene mehr mit auf den Weg bekommen hat und im Gegenzug bei mir noch ein paar Sales-Chromosomen vorhanden sind, führte dazu, dass man sich optimal ergänzte. Programmiert wurde jedoch stets gemeinsam und an dieser Stelle komme ich doch auf eine Startup-Grundregel zurück, die vielleicht dem einen oder anderen wie ein rechter Haken vorkommen mag:

1. „Techies sind die besseren Gründer!“

Häufig erhalten Entwickler Anfragen bei Startups mitzuwirken und werden mit „großen“ Beteiligungen (10 Prozent …na ist ja riesig!) von findigen Ideengebern geködert. Das läuft dann so, dass der arme Programmierer gefühlt 22 Dokumente zur Verschwiegenheit unterzeichnen muss, da die Ideengeber alle „The Social Network“ gesehen haben und riesige Angst vor dem Schreckgespenst „Ideenklau“ haben. Realistisch kann man jedoch die ketzerische Frage stellen, wie viele Ideen denn für das vorliegende Projekt tatsächlich schon geklaut wurden. Dabei wird man auf eine Anzahl im Bereich +/- Null kommen…

Nun zur provokanten These und meinen Argumenten, warum ich diese These vehement vertrete: Eine echte Startup-Atmosphäre, die es ermöglicht, gemeinsam Nächte lang zu programmieren statt zu schlafen, kann nur entstehen, wenn Gründer sich auf Augenhöhe begegnen und die gemeinsamen Probleme verstehen bzw. Probleme gemeinsam lösen. Die wenigsten Entwickler sind bereit, sich Nächte um die Ohren zu schlagen, wenn sie wissen, dass ihr Gegenüber zwar schöne Powerpoint-Slides erstellen kann, aber nicht weiß, was wirklich zu tun ist oder entsprechende Unterstützung leisten kann (außer sich neben den Entwickler zu setzen und wach zu bleiben – nach dem Motto „ich leiste ja auch meinen Beitrag“).

Gleiches gilt für gute Software Produkte: Ideen und Features gemeinsam zu diskutieren ist effektiver, wenn beide Seiten wissen, wie groß der Aufwand ist um beispielsweise von einer reinen HTML5-Lösung auf eine Container-basierte native Lösung zu switchen. Peitschenschwingende Ideengeber, die Entwickler im Viereck scheuchen mit der Begründung „ich bezahle Euch ja dafür…“, sind eine denkbar schlechte Ausgangslage für ein Startup. Im Zweifelsfall also lieber auf die eigene Idee bzw. den geeigneten Partner warten!

Doch zurück zu unserer miReport Anwendung. Nach der ersten Welle der Euphorie wollten wir die geballten Sales-Kräfte eines Großkonzerns ausnutzen und über unsere Sales den Verkauf von miReport ankurbeln. Doch wir hatten die Rechnung ohne die Marketing-, Rechts- und Strategieabteilung eines Großkonzerns gemacht. Denn plötzlich sahen wir uns konfrontiert mit zig Meetings. Diskutiert wurde alles – von der Adaption des Corporate Designs über die Erstellung von Verkaufsdossiers bis hin zur Definition der rechtlichen Randbedingungen unserer Lösung. Kurz gesagt: Dinge, mit denen wir eigentlich nichts zu tun haben wollten und die uns in erster Linie Zeit raubten, statt das Produkt voran zu bringen. Nach einem halben Jahr voller Meetings, Kämpfe um Budgets, Corporate Identity etc. siegte schließlich die Ernüchterung sowie die Erkenntnis, dass Großkonzerne und „interne“ Startup-Ideen nur selten kompatibel sind.  Entsprechend an dieser Stelle eine zweite Erkenntnis:

2. „Saatgut für innovative Ideen gedeiht besser in einem kleinen Blumentopf als auf einem riesigen Acker….“

Nach dieser ersten „internen Startup“ Phase war für uns klar: Wir würden bald eine neue Idee suchen und diese komplett eigenständig umsetzen. Ein halbes Jahr später war es dann schließlich soweit und aus einer zufälligen Idee war die Grundlage für unser nächstes „echtes“ Startup entstanden. 

To be continued….

Aufmacherbild: BIG IDEA. Word cloud illustration. Graphic tag collection. Vector concept collage von Shutterstock / Urheberrecht: Login

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