Startup Insights Vol. 2 – Die „richtige“ Idee [Kolumne]
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In seiner Kolumne „Startup Insights“ schildert Florian Müller seine Erlebnisse als Gründer und verrät, was er bei geglückten und missglückten Startup-Projekten gelernt hat. Ziel der Kolumne ist allerdings nicht, verbindliche Patentrezepte zu liefern. Vielmehr möchte Florian seine Erkenntnisse teilen, damit Startups diese bei Bedarf in die eigene Entwicklung einfließen lassen können. Heute widmet sich Florian dem Thema „Ideen Validierung“.

Die „richtige“ Idee

Wenn heutzutage ein passionierter Gründer eine erfolgsversprechende Idee hat, so findet er eine breites Spektrum sogenannter „Ideen Validierungs-Tools und -Praktiken“. Einige Tools setzen tief an und empfehlen lediglich die Idee im Bekanntenkreis zu validieren, andere Tools stellen ein komplettes Regelwerk zur Verfügung und bieten Pfade die eine Idee durchlaufen sollte um die Aussichten auf Erfolg zu erhöhen. Häufig wird man auch mit der Situation konfrontiert, dass Ideen fast schon als Massenware behandelt werden und dem Gründer empfohlen wird, ein Ideen-Backlog zu führen, um „gelegentlich mal eine Idee aus dem Backlog umsetzen zu können“. Die hier angewandte Sichtweise auf das Thema Ideen Validierung mag ein wenig überspitzt erscheinen, dennoch stellt sich im Kern die Frage, wie viel Aufwand in die Validierung einer Idee gesteckt werden sollte bzw. ob diese Bewertung im Einzelfall sogar mehr Schaden als Nutzen mit sich bringt. Ein einfaches Beispiel aus der Kiste prominenter Startups: Wenn die/der Facebook Gründer die Idee Facebook validiert hätten, wären sie dann jemals an die Umsetzung gegangen? Oder wäre das Ergebnis gewesen „es gibt schon Myspace, eine @harvard.edu Extension ist nicht genügend Mehrwert, um sich gegenüber Myspace nachhaltig im Markt zu platzieren…“?

An dieser Stelle zeigt sich: die Validierung einer Idee kann im Einzelfall mehr Schaden als Nutzen anrichten und den Gründer dazu bewegen, die Idee ad acta zu legen, statt mit der Idee direkt in die Umsetzung zu gehen. Was ist also der richtige Weg beim Umgang mit Ideen? Einfach drauf los bauen, detailliert validieren oder gibt es einen Mittelweg? Die diplomatische Antwort wäre an dieser Stelle ganz klar der Mittelweg, dennoch tendiere ich als Techie zur provokanten Aussage:

Besser schnell bauen als lange validieren!

Die Vorteile dieses Ansatzes liegen klar auf der Hand: Wenn ein Gründer eine Idee hat, befindet er sich häufig in einem rauschähnlichen Zustand: Scheuklappen versperren den Blick nach links und rechts, für den Gründer zählt jetzt nur seine Idee und er ist voller Tatendrang, die Idee in eine den Markt revolutionierende Software zu transformieren. In einer solchen Situation können kritische Stimmen eher kontraproduktiv wirken und den Gründer bremsen bzw. demotivieren, als dass diese tatsächlich in irgendeiner Form helfen.

Betrachten wir doch mal das Risikopotenzial, das eine solche Situation birgt,. Zu diesem Zweck wird ein metaphorischer Vergleich gezogen, den auch Nicht-Gründer nachvollziehen können, da die Situation aus dem täglichen Leben gegriffen ist (zumindest im Winter 😉 …): Wenn der erster Schnee im Winter fällt, verfallen die Bewohner Deutschlands (und auch in der Schweiz ;-)) in ihre Lieblingsbeschäftigung: das Schnee-Schippen. Jeder passionierte Schneeschaufler wird jedoch die Situation kennen, dass der Schneefall kein Ende nimmt, aber trotzdem der Drang nach Taten und frischer Luft dazu führt, dass die Schneeschaufel gepackt und die Einfahrt geschaufelt wird – auch wenn der Nachbar den Kopf schüttelt und ruft „das lohnt sich doch sowieso nicht…!!“. In 90 Prozent der Fälle hat der Nachbar sicherlich recht, was das Gesamtresultat angeht: Die Einfahrt wird kurze Zeit später wieder komplett zugeschneit sein. Was jedoch nicht in diese Betrachtung mit einfließt, ist die Tatsache, dass der Hauptakteur Spaß an der ganzen Sache hatte und etwas für sein geistiges und körperliches Wohlbefinden getan hat. Im Gegensatz zum Nachbarn, der immer noch in der stickigen Wohnung sitzt und versucht den Tag herum zu bekommen. 

Diese Metapher trifft auch 1:1 auf Gründer zu. Hat man als Gründer die Triebfeder, die Finger nicht stillhalten zu können, dann sollte man sich nicht künstlich ausbremsen, indem man mehr in die Diskussion um eine Idee investiert als in deren tatsächliche Umsetzung. Das Risiko hält sich in Grenzen, denn im schlimmsten Fall wird nach kurzer Zeit festgestellt, dass die Idee doch nicht ganz so im Markt einschlägt wie ursprünglich angenommen. Wichtig an dieser Stelle ist jedoch die strikte Verwendung eines Zeithorizontes. Anderenfalls läuft man als Gründer Gefahr Jahre zu verplempern, die man lieber in eine neue Idee hätte investieren sollen. Als Faustregel würde ich (nachdem wir mit jooik genau in diesen Fehler gelaufen sind…) definieren: 

Nach drei Monaten muss eine technische Implementierung stehen, die eine echte Validierung erlaubt.

Unter einer echten Validierung ist die Verwendung einer anonymen Gruppe zu verstehen (außerhalb des Fools-Friends-Family-Radius), bei der im Vorfeld eine messbare Erwartung definiert wird, beispielsweise: 50 Prozent der Gruppe liefern positives Feedback.

Bleibt die Validierung weit hinter den zuvor definierten Erwartungen zurück, bietet es sich an die Scheuklappen kurz abzunehmen, durchzuatmen und eine realistische Betrachtung der Tatsachen vorzunehmen, um eine Entscheidung zu treffen. Wie häufig solche Validierungs-Runden gedreht werden können, hängt ganz von der Motivation der Gründer bzw. des Teams dahinter ab – wichtig ist ganz einfach im Hinterkopf zu behalten: Der nächste Schnee kommt bestimmt und Schnee-Schippen macht Spaß!

To be continued…

 

Aufmacherbild: Multiple idea becone one big idea Foto auf Shutterstock / Urheberrecht: Qiun

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