Startup Insights Vol. 3 – Investoren, Geld & Maßstäbe [Kolumne]
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„Über Geld spricht man nicht…“ – diese Redewendung findet man auch häufig im Startup-Umfeld vor. Ich möchte heute über eine gescheiterte Finanzierungsrunde unseres Startups jooik berichten und über das, was ich beim nächsten Mal anders machen würde.

Grundsätzlich empfehle ich jedem Gründer, sich mit der Grundmechanik von Startup-Finanzierungen vertraut zu machen: Seed-Funding, Series-A/B/C, Angel Investment, etc. sollten zum vertrauten Vokabular werden. Wir hatten Mitte 2012 unsere Hausaufgaben gemacht und hatten eine ziemlich klare Vorstellung davon, wie viel wir „einsammeln“ wollten und was wir bereit waren, dafür herauszurücken. Wir wollten maximal 30 Prozent des Unternehmens in einer ersten Runde abgeben. Auf keinen Fall wollten wir uns unter Wert verschachern! Wir glaubten 200-prozentig an unsere Idee und waren der Überzeugung, dass wir über kurz oder lang eine gewaltige Anzahl von Usern auf die Plattform holen würden. Das musste doch langen, um einen Betrag im Bereich von 300.000 Euro einzufahren?!

An dieser Stelle zeichnet sich ein häufiges Startup-Phänomen ab, dass gerade bei Virgin-Gründern stark verbreitet ist: Selbstüberschätzung der eigenen Idee! Da ich im „normalen“ Leben eigentlich Ideen ganz gut und vor allen Dingen realistisch einschätzen kann, habe ich mir die Frage gestellt, wie wir letztes Jahr glauben konnten, dass 30.000 Zeilen Code und ein gutes Design einen Wert von knapp 1 Million Euro haben könnten? Der Grund liegt meiner Meinung nach ganz klar im oben geschilderten „Vokabeln lernen“. Wer sich mit der Finanzierung eines Startups beschäftigt, ist gezwungen, sehr viel zu lesen. Man beginnt eine Handvoll Blogs regelmäßig zu verfolgen, liest auf Teccrunch & Co über die glamourösen Finanzierungsrunden und irgendwann findet man sich in einem Strudel wieder, in dem man das Gefühl hat, dass jeder in der Lage sein sollte 300-500 Tausend Euro problemlos einzusammeln. Die Crux an den Startup-Glitter-Artikeln: Über die kleinen 50.000-100.0000 Euro Investitionen schreibt keiner … Peanuts … interessieren nicht. So gesehen mein Rat (der fünfte in der Kolumnenreihe „Startup Insights„) an jeden (Virgin-) Gründer:

5) Bleib auf dem Boden! Hoch ansetzen ist ok, aber nur dann, wenn Du auch Argumente hast! Wenig Traktion, wenig Umsatz und „nur“ eine gute Idee und ein tolles Team sind zu wenig!

Wir nahmen also erste Finanzierungsgespräche auf. Das schreibt sich so schön locker und flockig als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt, jemanden zu kennen, dem man eine Idee vorschlägt und ihn fragt, ob man nicht zufälligerweise 300.000 Euro für die Umsetzung derselben haben könnte. Und da zeigt sich eine der größten Hürden im Startup-Bereich: Das Netzwerk entscheidet fast immer darüber, ob man überhaupt Finanzierungsgespräche mit einem Gegenüber führt oder ob man die Finanzierungsgespräche in Form eines Selbstgespräches abwickeln muss. Es ist nicht einfach bei einem Investor vorstellig werden zu können, auch die „institutionalisierten Investoren“ öffnen nicht einfach die Türen für einen Pitch. Wenn man über jemanden empfohlen wird, steigert das definitiv die Chance, überhaupt vorsprechen zu dürfen. Entsprechend empfehle ich jedem, der Ambitionen hat, irgendwann ein Startup zu gründen:

6) Pflege Dein Netzwerk – es ist nebst der Idee das Kapital für Dein Startup!

Für jooik hatten wir einen guten Bekannten aus früheren Projekten aus der Schweiz. Wir trafen uns also, und alle waren nach dem ersten Meeting absolut positiv gestimmt, dass wir bald zusammen ein Startup Projekt betreiben würden. Über Geld wurde damals noch nicht konkret gesprochen, genau so wenig über Anteile. Dafür wurden wir in die Unternehmer-Villa geführt und konnten uns mal anschauen, wie es aussieht, wenn man mal wirklich ausgesorgt hat. Tolle Vorstellung – wer so lebt, der kann doch sicherlich mindestens 300.000 Euro locker machen!

Der nächste Termin wurde aufgesetzt, diesmal war von unserem Investor noch ein Partner aus dem Bankensektor dabei, der schon Erfahrung mit Startups hatte. Unser Kontakt hatte zwar selbst erfolgreich ein Unternehmen gegründet, bisher jedoch noch nie in ein Startup investiert, was sich dann später für die weiteren Verhandlungen als Show-Stopper erwies. Man sprach also gemeinsam über Beträge. Auf einmal stand eine Summe von 500.000 Schweizer Franken im Raum (ca. 330.000 Euro) und die Aussage „das können wir doch locker bei ein paar Bekannten von uns einsammeln…“. Das ist ein positiver Aspekt der Investoren-Szene, der (zumindest hier in der Schweiz) häufig zutrifft: ob 100.000 Schweizer Franken beim Polo Turnier in St. Moritz verzockt oder in Form eines Angel Fonds in ein Startup gepumpt werden, spielt keine Rolle. Beides sind Hochrisiko Investitionen, die sich entweder vervielfachen oder nullen können.

Als nächstes ging es um das Aushandeln der Prozente. Man traf sich erneut in der pompösen Unternehmer-Villa und dort wurde ein Plan vorgelegt, uns für ca. 50 Prozent der jooik Anteile 100.000 Schweizer Franken zukommen zu lassen. Gleichzeitig stand eine zweite Charge von 400.000 Franken bereit, die man dann kurze Zeit später einschießen wollte .Hieß für uns im Klartext nach der zweiten Runde (wir waren zu zweit bei der jooik Gründung) noch maximal 10 Prozent des Unternehmens zu besitzen – ziemlich dünn und für unsere Verhältnisse nicht gerade optimal.

Was folgte? Das klassische Platzen einer Finanzierungsrunde: Wir schliefen eine Nacht über das Angebot und waren am nächsten Tag noch viel mehr der Auffassung, dass man uns über den Tisch ziehen wollte und machten ein Gegenangebot von 40 Prozent für 300.000 Schweizer Franken, das dann jedoch abgelehnt wurde.

Im Nachhinein muss ich ganz klar sagen, dass beide Seiten ihre Fehler gemacht haben, da ich jedoch ziemlich emotionsgeladen an die Sache herangegangen bin, war auch wenig Raum für Kompromisse. Was Gründer immer berücksichtigen sollten: Sie sitzen am längeren Hebel, egal wie viel Prozente im Unternehmen stecken – warum also nicht eine halbe Million zu schlechten Konditionen nehmen und nach einem halben Jahr, wenn man sieht „es läuft nicht“, aussteigen? Ärger ist sicherlich vorprogrammiert, aber die emotionale Bindung zu einem Unternehmen bei dem man lediglich 10 Prozent besitzt und somit den Stecker herauszuziehen ist sicherlich geringer als bei einem Unternehmen, bei dem man mit mehr als 60 Prozent noch beteiligt ist. Mein Mantra somit für die nächsten Verhandlungen:

7) Keep cool! Und sei kompromissbereit! Wenn eine Seite blockt, sind die Verhandlungen geplatzt, also sei nicht selbst derjenige, der die Verhandlungen zum Platzen bringt!

Ich denke durch konsequente Berücksichtigung der hier aufgeführten drei Finanzierungsregeln kann jeder Gründer dem Ziel einer erfolgreichen Finanzierung deutlich näher kommen. Ganz klar gilt: Man muss sich nicht unter Wert verkaufen, aber ein Investor wird auch nicht bereit sein, Euer Startup über Wert zu kaufen 😉

Quelle Aufmacherbild: businessman in the office Foto via Shutterstock / Urheberrecht: LANTERIA

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