Startup Insights Vol. 4: Shutdown [Kolumne]
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In seiner Kolumne „Startup Insights“ schildert Florian Müller seine Erlebnisse als Gründer. Er verrät, was er bei geglückten und missglückten Startup-Projekten gelernt hat. Dabei geht es ihm nicht um verbindliche Patentrezepte, sondern das Teilen von Erkenntnissen, die Startups dann in die eigene Entwicklung einfließen lassen können. Darüber hinaus möchte Florian interessierten Gründern auch Anit-Patterns aufzeigen, durch deren Vermeidung die Aussicht auf Erfolg zumindest erhöht werden kann. Gleichzeitig will er damit nicht nur Vergangenheitsbewältigung betreiben, sondern mit seiner Kolumne in der Zukunft auch eine neue Startup-Idee von Beginn an begleiten. Hin und wieder werden auch technische Artikel eingestreut, denn dieser Bereich verändert sich schließlich ständig.

Shutdown

Wenn es darum geht, eine bildliche Metapher für die Startup-Szene zu definieren, so fällt mir als erstes Detroit ein. Warum Detroit? Grundsätzlich gibt es keine Stadt, die Glanz und Niedergang so schön kontrastreich darstellt wie Detroit. Auf der einen Seite die glänzenden Bauten des Wirtschafts-Booms, auf der anderen Seite verlassene Vorstädte mit zerfallenen Häusern, die einsam auf den Abriss warten. Wenn man die Startup-Szene mit Detroit vergleicht, findet man direkte Parallelen: 95 Prozent aller Startups scheitern, und eine Tour durch „Startup-City“ wäre das gleiche wie eine Tour durch die Vorstädte von Detroit: Man würde vorbeifahren an niedergegangenen Startups, und nichts mehr ist zu erkennen von der Tatkraft und Motivation, die einst in die einzelnen Startups gesteckt wurde.

Weich oder hart?

Die düstere Einleitung zeigt bereits: Heute geht es in meiner Kolumne um ein weniger erfreuliches Thema, nämlich den Shutdown von Startups. Allerdings gilt es auch hier zu differenzieren, denn auch beim Shutdown können Fehler passieren, die dazu führen, dass man unter Umständen dauerhaft in einem Vorort von Detroit Quartier bezieht, statt sich wieder aufzurappeln und weiter zu machen. Grundsätzlich gibt es zwei verschiedene Arten von Shutdowns, die vergleichbar sind mit dem Reset- und dem Power-Button eines PCs. Die beiden Shutdowns unterscheiden sich in sofern, als dass der „weiche“ Shutdown via Reset Button mehr oder weniger geplant und vom Gründer getriggert wird. Der „harte“ Shutdown via „Power Off“ wird in der Regel von äußeren Faktoren getrieben. Klassiker an dieser Stelle sind sicherlich fehlende Finanzmittel.

Bei unserem Startup jooik (www.jooik.com, intelligente Freizeitempfehlungen…) konnten wir im letzen Jahr „erfolgreich“ den Reset Button drücken. Erfolgreich zwar nicht insofern, als dass das Startup nach dem Reset zum Fliegen ansetzte, aber insofern erfolgreich, als dass wir uns auf neue Dinge konzentrieren konnten. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass das Reset-Szenario auf jeden Fall das bevorzugte Szenario darstellt. Dennoch ist ein Soft-Reboot nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich. Diese möchte ich allen Startups als Empfehlung mitgeben:

Ziele definieren

Jeder Gründer steht tausendprozentig hinter der eigenen Startup-Idee, was prinzipiell erstmal gut ist. Es heißt aber in der Praxis leider auch, dass Gründer ihre Ideen bis zur letzten Sekunde verteidigen und an der Idee festhalten, und zwar so lange bis es zu spät ist. Das lässt sich jedoch mit einfachen Mitteln verhindern, nämlich durch die Definition von Metriken, an denen realistisch fest gehalten wird. Stark vereinfacht ist der Launch eines Startups mit einer Diät zu vergleichen. Diese wird mit einem weichen Hauptziel, z.B. „dünner werden“, gestartet. Eine Diät kann entweder realistisch betrieben werden, in dem man für das Ziel „dünner werden“ wöchentliche oder monatliche Gewichtsziele definiert und entsprechend misst. Oder man kann eine Diät ideologisch angehen und Woche für Woche mit dem Glas Nutella & Chips auf dem Sofa sitzen und sich darauf verlassen, dass das Ziel „dünner werden“ schon irgendwie erreicht wird – schließlich glaubt man ja daran! Startups ticken gleich, deshalb meine Empfehlung an jeden Gründer:

8) Definiere Ziele! Und zwar nicht nur im Businessplan, um Deine Investoren zu ködern. Sondern für DICH und EUCH, um permanent zu checken, ob Ihr auf Kurs seid! (die Punkte 1 – 7 findet Ihr in Florians vorangegangenen Kolumnen)

Ziele müssen kontextspezifisch definiert werden. User-Wachstum, Umsatz, etc. sind mögliche Metriken, die es gilt im Auge zu behalten. Im Auge behalten heißt jedoch nicht einfach nur zur Kenntnis zu nehmen, sondern nebst Metriken muss ein klarer Handlungswillen vorhanden sein, den Metriken entsprechende Handlungen einzuleiten. Bei jooik haben wir das am Anfang nicht gemacht, und es hat uns beinahe ein halbes Jahr gekostet, einfach vor uns hin zu dümpeln und festzustellen, dass die Plattform keine Traktion bekommt. Statt die Plattform dreimal neu zu designen, wäre die konsequente richtige Handlung gewesen:

a) User Feedback einholen, warum die Plattform nicht zieht

b) User Feedback umsetzen und einen weiteren Marketinganlauf starten

c) messen, ob die Maßnahmen greifen

d) Stecker ziehen, falls Maßnahmen nicht greifen…

Die Definition dieser Maßnahmen fällt Startups häufig schwer, bedeutet es doch, dass man sich frühzeitig (evtl. bevor man überhaupt los gelegt hat…) mit dem Thema Scheitern auseinander setzt. Das ist ungefähr so, wie wenn man einen Abiturienten bittet, sich Gedanken über sein Testament zu machen. Dennoch müssen diese Metriken und Handlungskonsequenzen vorliegen, ansonsten schlittert ein Startup mit großer Sicherheit in ein Power-Off Szenario, und es fällt deutlich schwieriger nach einem Power-Off Szenario neu zu gründen. Power-Off Szenarien geben dem Scheitern stets einen negativen Anstrich, war man doch nicht in der Lage, das Startup zum Fliegen zu bringen und Finanzmittel richtig zu planen. Die Mitarbeiter sind demotiviert und glauben unter Umständen nicht mehr an den Leitwolf etc.. Ein geplanter Shutdown, also quasi „kontrolliertes Scheitern“, ist zu bevorzugen. In den meisten Fällen können noch Finanzreserven für ein neues Vorhaben eingesetzt werden und das Team für das nächste große Abenteuer begeistert werden. Wichtig jedoch für beide Szenarien:

9) Keep transparency and keep smiling! Das Team sollte stets über die „Lage der Nation“ informiert sein und vor allen Dingen Metriken und Meilensteine kennen, um gemeinsam auf dies hinzuarbeiten – und zwar in einem konstruktiven Modus und nicht im Panik-Gang.

Bei jooik haben wir uns gemeinsam entschlossen, die Plattform nicht mehr weiter zu bauen (dennoch online zu halten) und unsere Energie auf neue Vorhaben zu setzen. Dieser Schritt war zwar schmerzhaft, da man Herzblut, Zeit und Geld in die Plattform gesteckt hatte, dennoch hat der Schritt nach kurzer Zeit dazu geführt, dass eine deutliche Erleichterung und Platz für neue Ideen geschaffen wurde. Über die neue Idee werden wir in Kürze näher berichten, zukünftig möchten wir Euch ein Startup-Tagebuch liefern dass es Euch ermöglicht quasi „live“ den Werdegang unserer neuen Idee mitzuverfolgen. Updates folgen in Kürze, am 1. Januar 2014 geht es los. Wir freuen uns riesig auf das neue Vorhaben!

Stay tuned, Flo…


Aufmacherbild: Power Button with cursor Foto via Shutterstock / Urheberrecht: wwwebmeister

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