Startup-Szene: Accelerator- und Incubator-Hype in Deutschland
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In Deutschland haben sich in den letzten Jahren einige namenhafte Acceleratoren und Incubatoren positioniert. Berlin als Mutter vieler deutschen Startups gilt nach wie vor als die Startup-Hochburg schlechthin. Kein Wunder also, dass gerade dort viele Accelerator- und Incubator-Programme ansässig sind.

Wer sich im Startup-Ökosystem bewegt, ist bestimmt schon über das Startupbootcamp Berlin oder die Berlin Startup Academy BSA gestolpert. Während das Startupbootcamp von Daimler und Bosch unterstützt wird, bietet Christoph Räthke als erfahrener Gründer und Mentor mit BSA ein unabhängiges Programm an.

Gehört hat man hierzulande außerdem bestimmt schon von der Rocket-Internet-Abspaltung Project A, vom Telekom Hub:raum, von You Is Now, dem Startup-Inkubator der Scout24-Portale oder dem Siemens Technology Accelerator.

Auch Medienkonzerne wie Burda-Media mit dldventures oder Axel Springer mit PlugandPlay sowie ProSiebenSat.1 mit dem eigenen Accelerator, mischen eifrig mit. Die Nahrungsmittelgiganten REWE und Coca-Cola oder der Pharma-Gigant Bayer Health Care sind ebenfalls eifrig, allerdings aktuell wohl noch mehr mit der Konzeption oder Eröffnung ihrer Programme beschäftigt. Venture Beat spricht von über 200 verschiedenen Programmen weltweit.

Wer soll da überhaupt noch den Überblick behalten und woher sollen junge Gründungsinteressierte wissen, welcher Typus Startup-Förderung eigentlich der optimale für ihre Bedürfnisse ist?

Netzwertig hat kürzlich einen schönen Artikel mit dem Titel „Wie Unternehmen Startups fördern und selbst davon profitieren“ veröffentlicht, an dessen aufgegriffene Definition und Unterscheidung von Accelerator und Incubator vom Inc. Magazin ich mich gerne an dieser Stelle anschließen möchte. Hier sei allerdings angemerkt, dass sich Konditionen und Programme je nach Ursprung und Aufstellung ein wenig unterscheiden oder sogar eine Mischform darstellen können.

Als Accelerator gilt eine Förderung, die in drei bis vier Monaten Startups in der Frühphase auf Kurs bringt. Diese Programme beinhalten in der Regel ein Funding von bis zu 25.000 Euro. Die Verträge werden häufig auf Basis einer einstelligen Beteiligung an dem Unternehmen geschlossen. Hier bekommt man innerhalb der jungen Gründerszene oft zu hören, dass der Terminus „Frühphase“ weit gefasst ist. Haben doch ambitionierte Gründer schon erfahren müssen, dass eine grob umrissene Idee und erste Scribbles einigen Acceleratoren für die Vergabe von Förderungen möglicherweise „zu gering“ erscheint. Pitchen will eben auch gelernt sein.

Ein Incubator hat oft bereits Ideen und stellt Teams für die Umsetzung an. Diese Programme nehmen einen längeren Zeitraum, meist sechs bis zwölf Monate, ein. Außerdem können Beteiligungsanteile im zweistelligen Bereich fällig werden.

Siemens hatte 2002 im Rahmen des eigenen Accelerator-Angebots sehr passend formuliert:

Das Ende vieler Firmen der New Economy bedeutet nicht das Ende der Chance von Start-up-Firmen, an Risikokapital heranzukommen – ganz im Gegenteil. „Jetzt, wo die Zeiten weniger aufgeregt sind, können wir Firmen, die uns interessieren, gründlicher analysieren und ihnen besser helfen, ihre Ziele zu erreichen, […]

so erklärte es damals Björn Eske Christensen, CEO der Siemens Venture Capital GmbH (SVC), und fügte hinzu:

Auch in den vergangenen Jahren verfolgten wir nicht nur rein finanzielle Ziele, sondern sahen uns immer als längerfristiger Partner der Firmen, in die wir investierten. Da wir unser Portfolio eher konservativ aufbauten, hat uns auch der Absturz an den Börsen und das Zerplatzen vieler Seifenblasen nicht so stark betroffen wie andere – jetzt ist die beste Zeit für Neuinvestitionen.

Es scheint so, als wollen nun sämtliche Firmen auf den Startup-Zug aufspringen und als wäre es ein Leichtes, Förderungen einzustreichen. Winken doch Startup-Kalender wie beispielsweise StartupDigest mit etlichen Pitch-Terminen weltweit. Das Gründen birgt allerdings nach wie vor Risiken.

Dadurch sind auch einige Seifenblasen seit der Jahrtausendwende zerplatzt. Auch angestrebte Internationalisierungspläne, wie kürzlich das Beispiel von Wummelkiste zeigt, müssen manchmal erkennen, dass mehr nicht immer gleich besser bedeutet. Das Startup-Business als solches hat allerdings den Vorteil, dass nicht mehr nur Produkte mit IT-Bezug als förderungswürdig angesehen werden. Sämtliche Branchen in Deutschland haben laut The Next Web das Potenzial von jungen Ideengebern und motivierten kreativen Köpfen erkannt.

Startup-Erfolg
Viele Wege führen zum Startup-Erfolg, doch welcher ist für meine Absichten der richtige? (Bildquelle: Back view of businessman drawing sketch on wall Foto von Shutterstock / Urheber: Sergey Nivens)

Nach wie vor scheint aber „weniger mehr zu sein“. Die Basis- oder Kernfeatures in formvoller Vollendung und als marktreif zu präsentieren kann heute einfach bedeuten, dass am Markt vorbei entwickelt wird. Nicht nur pures Research, sondern das direkte Feedback von Beta-Testern oder zukünftigen Kunden ist immens wichtig. Dass 25.000 Euro Förderung für eine (Er-)Forschung ausreichen, muss an dieser Stelle infrage gestellt werden.

Deutschland gilt laut Business Week traditionell als risikoscheu. Scheinbar so risikoscheu, dass es keinen mehr wundert, wenn Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), gegenüber dem Handelsblatt verlauten lässt, hierzulande finde ein „Gründersterben“ statt.

Ob ein Accelerator der richtige Weg ist, wird unter anderem von Autor Matt Cartagena im Buch Accelerate dargelegt. Bei der Masse an Acceleratoren ist es nicht immer einfach, den Passenden für die eigene Idee zu finden. Es wird nicht nur über das „Wie?“, sondern zudem auch über das „Wo (überhaupt gründen)?“ diskutiert. Auch wenn die deutschen Standorte München oder Hamburg ebenfalls ihre Fühler ausstrecken, ist laut ZDNet Berlin international nach wie vor Gründungshauptstadt. Christoph Räthke geht noch weiter und bescheinigt unternehmenseigenen Accelerator-Programmen sogar mehr Risikopotenzial als den unabhängigen. Die Management-Beratung Mücke, Sturm & Company versucht aktuell auf SurveyMonkey, die Beliebtheit und wichtigsten Faktoren von solchen unternehmenseigenen und unabhängigen Förderprogrammen zu ermitteln. Möglicherweise bietet die Auswertung Gründungsinteressierten weitere wichtige Erkenntnisse.

Es ist jedenfalls wie überall im Business: Partner sollten weise gewählt werden. „Der Accelerator muss zum Startup passen“, wie Gründerszene kürzlich titelte. Wer gründen will, sollte folglich nicht in „Bewerbungswahn“ verfallen, sondern erst einmal mit bekannten Entrepreneuren auf einschlägigen Veranstaltungen ins Gespräch kommen. Das Herz der deutschen Startup-Szene sitzt in Berlin, ebenso wie sich dort viele weltoffene und interessierte Entrepreneure und Mentoren tummeln, die bei einer guten Idee nachhaltigen Support bieten können.

Wer gründungsinteressiert ist, sollte demnach einen längeren Aufenthalt in der Hauptstadt anpeilen, um die Szene und die gebotenen Möglichkeiten besser einschätzen zu können. Deutschland, das Land der Gründungsmuffel … von wegen! In Berlin ist davon nichts zu bemerken.

Aufmacherbild: BERLIN – JULY 30: The Audit Inspection Quadriga Brandenburg Gate, July 30, 2013, Berlin, Germany von Shutterstock / Urheberrecht: Bocman1973

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