First Round Capital 2015 Studie: Umfrage unter Gründern und Startup-Mitarbeitern

Startup-Umfrage: Trends, Hypes und die Angst vor Blasen
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Viele Gründer befürchten, dass Risikokapital seltener wird. Ein Grund ist die Angst vor platzenden Hype-Blasen. Zudem befürchten viele, dass der Einfluss von Investoren aufs eigene Startup zu groß wird. Was ist dran an solchen Befürchtungen und was hat es mit den Hypes auf sich? Eine Studie und ein Ausblick.

Wird es für Startups immer schwieriger, Risikokapital zu erhalten? Und steckt die gesamte Branche womöglich längst in einer Investitionsblase? Die First Round Capital 2015 Studie hat mithilfe reger Beteiligung von über 500 Freiwilligen aus der Startup-Szene versucht, diese und viele weitere Fragen zu beantworten. Gründer wie auch Angestellte haben ihre Erfahrungen geschildert und damit Einblicke in das aktuelle Startup-Business geliefert. Zwar repräsentiert die Umfrage überwiegend die US-amerikanische Digitalwirtschaft, doch gilt der Trend aus Übersee häufig als Prognose für den europäischen Markt.

Enterprise- und Consumer-Startups im Vergleich

Am überraschendsten ist das Ergebnis, dass 73 Prozent der Befragten die Branche in einer Hype-Blase sehen. Allerdings fielen die Aussagen zwischen Enterprise-Dienstleistern und Startups, die sich auf Consumer-Produkte fokussieren, sehr unterschiedlich aus. Junge Unternehmen, die Enterprise-Lösungen anbieten und beispielsweise digitale Services für bereits bestehende Industrien wie das Hotelgewerbe vertreiben, müssen längerfristig planen. Sie brauchen in der Regel mehr Zeit, bis sie profitabel sind und müssen in größeren Maßstäben denken. Trotzdem sind sie vergleichsweise zuversichtlicher und sind deshalb seltener der Meinung, dass es eine Investitionsblase gäbe. Die restlichen Startups für Consumer-Produkte, E-Commerce, Hardware oder Web-Werbelösungen sind zwar schneller profitabel, neigen aber laut der Umfrage sehr viel öfter dazu, die Branche in einer Hype-Blase zu verorten.

Was alle Startups gemeinsam haben

Enterprise-Dienstleister stellen unter den Befragten mit 40 Prozent die größte Gruppe. Consumer-Lösungen sind mir 23 Prozent vertreten, Hardware und E-Commerce mit jeweils sieben Prozent. Werbe-Startups waren bei der Umfrage nur mit fünf Prozent repräsentiert. Andere Startup-Sektoren nahmen die restlichen 18 Prozent ein. Was alle vereint, ist jedoch die Befürchtung, dass es in den kommenden zwölf Monaten immer schwerer werden wird, neue Investoren zu finden.

95 Prozent der befragten Startups, die sich noch in der Seed-Phase befinden, glauben, dass die Investorenakquise härter werde. Doch auch die, die bereits die ersten Finanzierungsrunden überstanden haben und sich in der Endphase befinden, äußern Bedenken. 99 Prozent der Endphasen-Startups glauben, dass es gleichbleibend schwer oder noch schwieriger werden wird.

Screenshot: http://stateofstartups.firstround.com/#results

Screenshot: http://stateofstartups.firstround.com/#results

Die Umfrage deutet an, dass sich im Startup-Umfeld in nächster Zeit einiges ändern könnte. Während in den letzten Jahren immense Summen in teils obskure Startups geflossen sind und in den USA Risikokapital en masse zur Verfügung stand, scheinen nun auch in Übersee die Alarmglocken zu läuten. Hierzulande beklagen Startups, dass es nicht genügend risikofreudige Investoren gebe, die aussichtsreiche Ideen fördern. Doch sollte die Investitionsblase um die Startup-Szene tatsächlich platzen, dürfte das zunächst vor allem den US-Markt betreffen.

Wenn sich zeigt, dass viele Tech-Startups langfristig nicht profitabel sein werden, bleiben nicht nur weitere Finanzierungsrunden aus, auch das Image der Branche könnte langfristig Schaden nehmen. Da hierzulande mit Risikokapital umsichtiger umgegangen wird, wären die Auswirkungen zwar weniger gravierend als in den USA; der Image-Schaden wäre aber wohl unumgänglich. Damit einhergehen könnte eine sinkende Risikobereitschaft seitens der Investoren. Und wenn die Geldgeber immer vorsichtiger werden, wird dies Entwicklung das schnelle Wachstum der Startup-Szene einbremsen.

Was hat es mit den Hypes auf sich?

Das Problem ist oftmals der Hype, der um neue technologische Entwicklungen gemacht wird. Einer dieser Hypes ist der um Wearables. Bei der Vielzahl an Fitness-Armbändern, Smartwatches und was sich sonst noch am Leib tragen lässt, stellt sich immer häufiger die Frage, wie groß der Bedarf der Consumer wirklich ist? Oder versucht die Branche selbst, diesen Bedarf mit aller Macht – beispielsweise mit vollmundigen Martktprognosen – herbeizureden.

Denn sind wir mal ehrlich: Nicht viele Apple-Watch-Besitzer wissen überhaupt, was sich wirklich sinnvolles mit der Uhr anstellen lässt. Und wer bereits eine Smartwatch hat, braucht nicht unbedingt noch ein Fitness-Armband oder smarte Bekleidung, die jeden Schritt misst und auswertet. Dass Google sein Glass-Projekt halb auf Eis gelegt hat und nur noch halbherzig verfolgt, weil es in der Bevölkerung viel Widerstand gab, ist ebenfalls ein Indikator dafür, dass wir es mit einem Hype zu tun haben – vorläufig zumindest.

Innerhalb der First Round Capital Studie wurden die Teilnehmer ebenfalls befragt, welchen Startup-Sektor sie für einen Hype halten und welcher Bereich hingegen eher unterschätzt werde. Zu viel Aufmerksamkeit bekämen demnach Wearables, Bitcoin-Lösungen und auch Virtual Reality. Viel zu wenig Aufmerksamkeit werde hingegen auf den bestehenden Bedarf im Mobile-Geschäft gelegt. Weil die Branche immer den Blick auf „das nächste große Ding“ richte, würden bereits erfolgreiche Konzepte gerne übergangen.

Wer hat das Sagen?

Ein weiteres Problem sehen viele darin, dass der Einfluss und die Kontrolle über junge Unternehmen zusehends aus den Händen der Gründer gerissen und in die Hände der Investoren übergehe. Rückblickend sahen sich Startups im Machtgefälle zu 63 Prozent auf der überlegenen Seite. Für die nächsten Jahre prognostizieren die Befragten jedoch, dass nur noch 46 Prozent der Unternehmer das Sagen behalten werden.

Anhand der Startup-Umfrage ließe sich nun folgern, dass die Branche insgesamt kritischer gegenüber sich selbst und ihren Perspektiven geworden ist. Die Gründe liegen auf der Hand: weniger Chancen auf Investitionen, dafür aber mehr Einfluss der Geldgeber und zu allem Überfluss noch das stets drohende Platzen einer Hype-Blase.

Dennoch sollte nicht außer acht gelassen werden, dass die Startup-Szene immer wieder für Überraschungen gut ist, weil sie sich durch ihre Flexibilität von der bestehenden Industrie abhebt. Enterprise-Lösungen scheinen auf der sichereren Seite zu sein, doch wirklich neue Innovationen kommen aus den anderen Sektoren. Der Markt ist umkämpft, aber aussichtsreiche Ideen sind keineswegs aussichtslos. So ist wie sie oft einfach nur Durchhaltevermögen gefragt, bis sich der Mainstream auf Neuerungen einlässt.

Viele weitere Ansichten und und Zahlen zu Startup-relevanten Details befinden sich in der ausführlichen Umfrage-Auswertung.

 

Aufmacherbild: Three Businessmen Hands Playing Wooden Tower Game on Top of a Rustic Wooden Table. Conceptual of Teamwork, Strategy and Vision. via Shutterstock, Urheberrecht: Gajus

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