Startups in Deutschland und das „Tal des Todes“
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Der Branchenverband Bitkom bescheinigt der Hightech- und Startup-Branche einen Boom, dagegen hält das Analytics- und Research-Unternehmen CB Insights seinen Startups R.I.P.-Report.

Auch die EVCA-Generalsekretärin (European Private Equity and Venture Capital Association) Dörte Höppner spricht von einem Tal des Todes für viele Startups.

The Economist hat in seiner aktuellen Print Ausgabe ein Special Report über die Startup Szene veröffentlich. Demnach führt die digitale Raserei auf der ganzen Welt zu einer globalen Veränderung. Marc Andressen, ein Venture Capitalist aus Silicon Valley, formuliert sogar:“Software is eating the world”.

Als Unternehmer oder Gründungswilliger hat man es nicht leicht. Risikobereitschaft ist angesagt, ebenso wie der Mut zu Fehlern. Aber was hat es mit diesen widersprüchlichen Aussagen auf sich? Soll man sich davon gleich den Wind aus den Segeln nehmen lassen? 

Glaubt man der aktuellen Konjunkturumfrage der Bitkom, fallen die Beschäftigungspläne in der ITK-Branche 2014 noch optimistischer aus als im Jahr zuvor. Im Jahr 2013 war die Zahl der Mitarbeiter auf den Rekordwert von 917.000 gestiegen. Dieses Jahr wird mit einem Anstieg auf 100.000 gerechnet. Lediglich der Fachkräftemangel sei ein Hindernis. Nach CB Insights gilt für die meisten Tech-Unternehmen, deren Intellectual Property oder Talent nicht ausreicht, um ins Augenmerk der High-Tech-Giganten wie Google, Facebook, oder Yahoos zu fallen, die harte Realität des Scheiterns.

Auch EVCA-Generalsekretärin Höppner malt die Welt für ambitionierte Gründer nicht all zu rosig. Sie sieht das Hauptproblem in der Europäischen Startup-Ökonomie darin, dass die wenigsten Geldgeber bereit sind, Kapital über 1,2 Mio. in eine Idee zu investieren. Denn entgegen dem Klima in den USA oder Großbritannien investieren Wagniskapitalgeber, laut Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK), im Jahr 2013 in Deutschland lediglich 521 Mio. Euro und damit ein gutes Viertel weniger als im Jahr 2011. Zum Vergleich wurden in den USA im Jahr 2012 rund 27 Mrd. Dollar investiert.

Zwar erhalten Unternehmen vor allem in der Gründungsphase noch viel Unterstützung von Business Angels, Venture-Capital-Firmen (VCs) oder staatlichen Förderprogrammen, doch besonders in der späteren und entscheidenden Wachstumsphase sieht es nicht mehr so positiv aus. Höppner spricht hierbei von dem „Tal des Todes“. Lediglich wer diese Phase überlebt, beweist ein funktionierendes Geschäftsmodell. Michael Brandcamp, Geschäftsführer des High-Tech-Gründerfonds äußert ebenfalls, dass es nur wenigen Unternehmen gelingt, größere Beträge einzusammeln.

Aufgrund des Aufstrebens der Startup Szene und dem aktuellen Gründer-Boom im digitalen Bereich wird schon von einer erneuten Blase gesprochen, deren Platzen die Welt und Internetszene, wie damals in den 90ern, wieder aus den Fugen geraten lassen wird. Doch laut The Economist und vielen anderen Stimmen ist es diesmal anders. Stehen wir heute doch auf einer viel größeren und gefestigteren technologischen Basis als zu Zeiten der Dotcom-Blase.

So ist die Startup Szene prädestiniert dafür, mit der technologischen Basis zu spielen, bestehende Produkte zu testen und zu erweitern sowie neue Wege der Automatisierung von Services zu entdecken. Googles Chief Economist Hal Varian nennt das „kombinatorische Innovation“. Einige werden damit erfolgreich sein, andere eben nicht. 

Global Information Technology Startup as a Image

©Shutterstock/kentoh

Die Analysen von CB Insights lassen über die Hälfte aller Startups bereits vor dem Erreichen der Eine-Million-Marke scheitern. Laut deren Auswertung sterben 55 Prozent aller untersuchten Startups davor oder auf dem Weg dorthin und über 70 Prozent scheitern bevor sie die Fünf-Millionen-Marke erreicht haben. Diese Daten sind nicht sonderlich verwunderlich. Ist es doch gerade die risikoreiche Startphase, die es gilt zu überbrücken, um eine Geschäftsidee in ein funktionierendes und profitables Unternehmen zu überführen.

Laut CB Insights überleben 71 Prozent der Startups keine zwei Jahre (20 Monate) nach der letzten Finanzierungsrunde. Im Vergleich braucht es 2-4 Monate weniger (ca. 15 Monate), um einen Käufer zu finden. Hat ein Startup also 15 Monate nach der letzten Finanzierungsrunde weder eine neue Finanzierung erreicht, noch einen interessierten Käufer an der Hand, sehen die Dinge schlecht aus. Somit ist der Grad zwischen Überleben und Scheitern relativ gering. Die Startup Szene hat daher mit einer ständigen Gradwanderung zu kämpfen. Außerdem ist an der Auswertung interessant, dass nicht ausschließlich das fehlende Kapital zum häufigen Sterben von Gründergedanken führt.

Nach Brandcamp verhält es sich mit der Idee oder dem Team so wie in der Mathematik. „Die Idee ist die notwendige Bedingung, das Team die hinreichende.“ Kreative Menschen mit einer Hands-On-Mentalität und hohem Potential im Gründerteam zu haben, ist zwar enorm wichtig, ohne eine funktionierende Geschäftsidee kann allerdings auch nicht viel passieren oder umgesetzt werden. Laut CB Insights wird außerdem deutlich, dass gerade in den Bereichen Social, Market Place, Advertising, Sales & Marketing sowie Musik die Sterberate relativ hoch ist.

Bedingt durch die Zersplitterung des deutschen Binnenmarkts haben es deutsche Startups schwer. Häufig kann erst Kapital eingesammelt werden, wenn sich der wirtschaftliche Erfolg bereits eingestellt hat und sich das Produkt in einem finalen und damit vorzeigbaren Status befindet. Die Expanion in internationale Märkte ist besonders risikoreich. Im Vergleich zu den USA sind Geldgeber hierzulande nicht so risikobereit. Als die Deutsche Telekom den Verkauf von 70 Prozent der Anteile an den Scout24-Portalen im November 2012 bestätigte und damit 1,5 Mrd. Euro an den US Investor Hellman & Friedman bestätigte, wurde dies als möglicher Wendepunkt gefeiert. Endlich sollten große Deals wieder möglich werden und die Krise in Deutschland vorbei sein.

Nach Höppner war der aufkommende Optimismus weit gefehlt. Deutschland ist nach wie vor ein schwieriges Pflaster, wenn es um Private Equity geht. Trotz allem ist die Startup Szene in Deutschland die treibende Kraft und ein Teil einer globalen Bewegung, die sich mit rasanter Geschwindigkeit weiterentwickelt. So sind viele Studien lediglich Momentaufnahmen eines schnell agierenden und sich ausbreitenden Phänomens, das Stück für Stück die im analogen Zeitalter geschaffenen Strukturen auflöst und damit die Welt verändert.

Wer sich in der IT-Branche und Startup-Szene bewegt, spürt den Elan und die treibende Kraft, die auch die Position von deutschen Unternehmen in der Weltwirtschaft weiter vorantreibt. Zwar ist man in Deutschland im Vergleich zu anderen Industrienationen nach wie vor vorsichtiger, was Investments angeht, trotz allem beweisen Unternehmen wie Dawanda oder My Muesli, dass man es auch ohne Kapitalgeber in der kritischen Startphase weit bringen kann. Außerdem darf man die Bemühungen des Bundesverband Deutscher Startups nicht außer Acht lassen, der neben dem Abbau gesetzlicher Anlagebeschränkungen auch den Aufbau eines Börsensegments fordert. Der Weg von der anfänglichen Idee hin zu einem funktionierenden Geschäftsmodell ist in Deutschland zwar steinig und birgt auch einige Gefahren, ambitionierte Gründer sollten sich allerdings keineswegs davon abbringen lassen, ihre Ideen in die Tat umzusetzen.

Aufmacherbild: Global Information Technology Startup as a Image via Shutterstock.com/ Urheberrecht: kentoh

 

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