Twitters Sündenfall: Der Anfang vom Ende eines Kommunikationstools für Entwickler
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Die Twitter-Community ist in offener Revolte. Grund dafür sind Berichte über das, was viele als „Sündenfall“ Twitters ansehen: Die chronologische Timeline soll durch algorithmisch berechnete Tweets

Die Twitter-Community ist in offener Revolte. Grund dafür sind Berichte über das, was viele als „Sündenfall“ Twitters ansehen: Die chronologische Timeline soll durch algorithmisch berechnete Tweets durchbrochen werden. Zu sehen wären also nicht nur Tweets von Personen, denen man folgt, sondern auch solche, die Twitter als „relevant“ aus seinem Big-Data-Pool herausrechnet. Zum Teil ist dies bereits geschehen – nach welchen Kriterien, bleibt Twitters Betriebsgeheimnis.

Twitters Sündenfall

Macht Twitter jetzt auf Facebook?, fragten sich viele, insbesondere nachdem das Wall Street Journal über die weiteren Pläne Twitters berichtet hatte, neben der gefilterten Timeline auch eine „intelligente“ Suchengine und die Möglichkeit von Gruppenchats einzurichten. Die Community reagierte mit Protest-Tweets, in Deutschland sogar mit einem 2-stündigen #twitterstreik, der zu 50% weniger Twitter Traffic geführt haben soll.

Doch dem nicht genug: Heute folgt die Hiobsbotschaft, dass der seit Jahren operierende Foto-Dienst Twitpic auf Druck von Twitter hin dicht machen wird: Offenbar hatte Twitter die Betreiber aufgefordert, einen Antrag auf Schutz des Markennamens zurückzuziehen und mit der Sperre zu den Twitter APIs gedroht.

Twitter vergrault die Kerngruppe

Aus Entwickler-Sicht ist das Gebaren Twitters nach seinem Börsengang im letzten Jahr höchst bedenklich. Gerade in der Entwickler-Community hatte Twitter nach seinem Start im Jahr 2006 seine treuesten Mitglieder. Erst nach diesen „Early Adopters“ von Web-affinen Geeks hatte Twitter den Sprung in den Consumer-Mainstream geschafft und feiert heute zweifelhafte Auftritte in Fußball-Übertragungen und TV-Shows.

Doch aufgrund dieser Entstehungsgeschichte gibt es heute kaum ein IT-Projekt, das seine News und Updates nicht über Twitter unter die Community bringt. Kommt es tatsächlich soweit, wie es ein Gigaom-Artikel an die Wand malt, dass Twitter nicht nur ab und zu einen „fremden“ Tweet einblendet, sondern auch als „irrrelevant“ identifizierte Tweets ausblendet, könnten einem unter Umständen Updates seines Lieblingsframeworks entgehen.

Twitter droht, seine Kerngruppe zu vergraulen und sich als Kommunikationstool für Entwickler zu verabschieden.

Keine anderen Götter neben mir

Ein zweiter Stein des Anstoßes ist Twitters Verhalten gegenüber Drittanbieter-Tools. Immer wieder hatte Twitter Diensten in der jüngsten Vergangenheit den Zugang zu seinen APIs verweigert. Beispielsweise heißt es aktuell auf http://twopcharts.com/:

Unfortunately, after 5 years of providing you with Twitter data, we were now informed by Twitter that Twopcharts is suspended from interacting with the Twitter API for violating the Twitter Terms of Service. At this moment we do not know if and when this situation will be remedied, but for the moment we cannot provide you with data and analytics from Twitter.

Und in diese Logik fällt auch die restriktive Haltung von Twitter gegenüber Twitpic. Am 25. September stelle Twitpic seinen Dienst ein, schreibt Twitpic-Gründer Noah Everett auf dem Firmenblog und schildert, wie die eigenen Bemühungen, die Marke Twitpic zu schützen, nach langen Vorarbeiten endlich kurz vor der Vollendung standen – bis Twitter Einspruch erhob. Ein Schock sei dies gewesen, da der Antrag zum Markenschutz bereits auf das Jahr 2009 zurückgehe.  

Twitter kommentierte zwar auf CNBC, man habe Twitpic die weitere Nutzung des Namens erlaubt, müsse aber auf den Schutz der eigenen Marke beharren. Dennoch ist klar, dass die kommerziellen Interessen von Twitpic behindert wurden, was letztlich zur Kapitulation des Fotodienstes geführt hat:

Unfortunately we do not have the resources to fend off a large company like Twitter to maintain our mark which we believe whole heartedly is rightfully ours. Therefore, we have decided to shut down Twitpic. Noah Everett

Wohin steuert Twitter?

Viel wird darauf ankommen, wie genau Twitter seine neuen Pläne umzusetzen gedenkt. Immerhin wird Twitter CFO Anthony Noto in einem Forbes-Artikel so zitiert, dass niemand über Nacht eine komplett algorithmisch gesteuerte Timeline vorfinden werde. Forbes geht davon aus, dass die Algorithmus-basierte Timeline in Form einer neuen Stream-Option, ähnlich wie die „Activity“ oder „Discover“ Streams, eingeführt wird.

Twitter sei nicht dumm und werde den „Traditionalisten“ keinen Grund geben, Twitter zu verlassen, schreibt Jeff Bercovici von Forbes, ohne allerdings Gründe für sein Vertrauen in Twitter anzugeben. Er fährt fort: Schließlich gebe es auch in Facebook noch die Option, alle Posts in chronologischer Reihenfolge zu sehen.

The road map for making a change like this is well established, and Twitter has already been using it. Jeff Bercovici

Dass die Twitter-Roadmap indes vorsehen könnte, wie Facebook irgendwann die chronologische Ansicht hinter langen Klickstrecken zu verstecken und die Algorithmus-View zum Default zu machen, scheint in Anbetracht der offensichtlichen Anleihen zu Facebooks Geschäftsgebaren nicht unwahrscheinlich.

Und spätestens dann, wenn tausende von Entwicklern nicht mehr ihr Framework updaten, weil sie den entsprechenden Tweet des Projektes nicht mehr ausgespielt bekommen, ist Twitters Kerngruppe weg. Schon sucht man nach Alternativen:

Die Frage allerdings, die sich Twitter stellen wird, ist:

Was soll’s? 

Besser die kleine Kerngruppe von Entwicklern verlieren, als die kommerziellen Aussichten durch die Ausbeutung der ungleich größeren Masse an Consumern zu verschlafen.

Twitter ist schließlich nicht dumm.

Aufmacherbild: Hand sketching bird holding a hashtag symbol von Shutterstock / Urheberrecht: Ivelin Radkov

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