UX-Missgeschicke und Strategien zu ihrer Vermeidung

Drei häufige Fehler im UX-Design … und wie man sie vermeidet
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Neueinsteiger sind im UX-Design zunächst vor erhebliche Probleme gestellt: Im Unterschied zum ästhetischen Fokus im Visual Design basiert das UX-Design in erster Linie auf der Meinung der Nutzer – und hier können einige Fehler gemacht werden. Die drei häufigsten Missgeschicke sowie Strategien zu ihrer Vermeidung haben wir in diesem Artikel zusammengestellt.

Im UX-Design werden Designer vor zwei große Probleme gestellt. Zum einen müssen sie sich ständig in nahezu jede beliebige Person hineinversetzen können – was nicht immer ganz leicht fällt. Zum anderen haben viele Auftraggeber und Kunden ihre ganz eigenen Vorstellungen davon, wie ein Designprozess funktioniert und was ein Designer alles leisten muss. Oftmals wird deshalb von ihnen mehr erwartet als sie eigentlich leisten können.

Insbesondere im Bereich des UX-Designs, das stark auf die unberechenbare Meinung der Nutzer setzt, kommt es häufig dazu, dass Neueinsteigern aufgrund des Erwartungsdrucks anfangs noch einige Fehler unterlaufen. Im folgenden Artikel befassen wir uns mit den drei häufigsten Irrtümern im UX-Design und diskutieren, wie man sie am besten vermeiden kann.

#1: Sich selbst in den Mittelpunkt stellen

Viele Kreative neigen dazu, sich in ihren Eigentümlichkeiten zu verlieren. Dabei gerät ihnen aus dem Blick, dass auch sie nur eine spezifische Usergruppe darstellen. Ein typisches Verhalten im kreativen Bereich: Designentscheidungen werden oftmals nur durch die eigenen Erfahrungen gefiltert.

Im UX-Design zeichnet sich ein guter Gestalter dadurch aus, dass er zwischen seinen persönlichen Anliegen und dem Ziel der Auftragsarbeit klar trennen kann – eine nicht immer ganz leichte Aufgabe. Es gehört schon einiges dazu, sich einzugestehen, dass die Zielgruppe anders denkt und sich anders verhält als man selbst.

So ist es von Vorteil, sich in andere Menschen hineinzuversetzen zu können und ein gutes Einfühlungsvermögen zu besitzen – aber man kann diese Fähigkeiten auch trainieren. Hierbei ist es wichtig, künstlerische Egozentriken hintenanzustellen. Im UX-Design ist man in erster Linie nicht sich selbst Rechenschaft schuldig, sondern besitzt eine Verantwortung gegenüber den Nutzern. Es gibt eine Reihe praktischer UX-Methoden, die dabei helfen, den Fokus von sich selbst auf die Bedürfnisse der Anwender zu lenken.

  • Personas erstellen: Das Erstellen von Personas hilft dabei, die potenziellen Wünsche und Bedürfnisse von Zielpersonen in das Design zu integrieren. Auf Grundlage realer Daten werden fingierte Persönlichkeiten entworfen, die Aufschluss darüber geben, wie echte Anwender die unterschiedlichen Design-Elemente voraussichtlich benutzen.
  • User Journeys anfertigen: Die Informationen, die man durch die Erstellung von Personas erhält, werden durch die Anfertigung von User Journeys verfeinert. Sie legen dar, wie die fingierten Personen mit den verschiedenen Bausteinen interagieren.
  • Wireframing und Prototyping: Anhand der User Journeys ist es möglich, diejenigen UI-Elemente zu lokalisieren, mit welchen die User besonders große Probleme haben. Um die User Experience solcher Bausteine zu steigern, sollte man von ihnen interaktive Wireframes und Prototypen erstellen und sie ausführlich testen.
  • Usability-Tests: Durch Usability-Tests lassen sich die Personas noch spezifischer ausarbeiten. Beispielsweise helfen A/B-Tests dabei, die Präferenzen der Nutzer im Hinblick auf die Farbgebung sowie Gestaltung der Buttons zu bestimmen. Steht genügend Budget zur Verfügung, können durch Feldstudien die genauen Vorlieben und Wünsche der User ermittelt werden. Darüber hinaus ist das Testen der Gehalte auf möglichst vielen unterschiedlichen physischen Geräten unerlässlich.

Die Psyche der Anwender richtig zu verstehen, ist wichtig, um den Grund ihrer Handlungen nachvollziehen zu können. Das ist einer der Gründe, warum im UX-Design Emotionen und Erwartungen im Vordergrund stehen. Ästhetische Gestaltungsfragen müssen sich an diesen Vorgaben ausrichten.

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Es ist also nicht verkehrt, sich ausführlicher mit der Wirkung von Farben auseinanderzusetzen, zu recherchieren, wie die Personalität der User in den Mittelpunkt gerückt wird und auf welche Weise Interaktionen besonders ansprechend gestaltet werden.

#2: UI und UX miteinander verwechseln

Der Grund, warum oftmals im Gestaltungsprozess die User vernachlässigen werden, liegt darin, dass viele die Kategorien von User Interface und User Experience miteinander vertauschen. Die Verwechselung resultiert daraus, dass UI und UX sich zwar aufeinander beziehen, aber dennoch klar voneinander abgegrenzt werden müssen.

Das User Interface bezieht sich auf das System und die Elemente, mit denen die User interagieren, um ihre Ziele zu erreichen. Die User Experience hingegen geht auf die Emotionen und Erfahrungen der Nutzer im Umgang mit einem Produkt ein.

Die User Experience ist ein Sammelbegriff und umfasst eine Fülle verschiedener Disziplinen: Visual Design, Interaktionsdesign, Usability, User Research und Content-Strategien. Eine gute UX ist immer auf ein ansprechendes User Interface angewiesen – anders herum ist das nicht notwendig der Fall.

Bevor das Arbeiten in Photoshop oder Sketch beginnt, ist es essentiell, die Wünsche und Bedürfnisse seiner User kennenzulernen. Man muss wissen, was ihre Ziele sind und wie sie sich voraussichtlich verhalten. Das User Interface hat sich daher immer an den Vorgaben der User Experience auszurichten.

Eine gute Strategie, um die UX in den Mittelpunkt zu rücken, liegt darin, den Fokus auf den Inhalt zu lenken. Der Arbeitsprozess im UX-Design kann stark vereinfacht in drei Schritte unterteilt werden.

  1. Content First: Der Inhalt bildet das Fundament jedes Designs, da die Nutzer in erster Linie aufgrund des Contents eine Seite besuchen.
  2. Testen durch Prototypen: Die Simulation durch Prototypen gibt Auskunft darüber, wie man das Klickverhalten der Nutzer durch den Content besser steuern kann.
  3. Visual Design: Die visuelle Umsetzung dient letztlich dazu, die inhaltlichen Ziele optisch zu unterstützen.

Die Relevanz des Content-First-Ansatz spiegelt sich heutzutage in zwei Designprinzipien wider, die in den letzten Jahren die visuelle Gestaltung im Webdesign entscheidend beeinflusst haben:

  • Mobile First: Der Mobile-First-Ansatz zeichnet sich dadurch aus, dass Entwürfe vom kleinsten Geräte ausgehen und dann schrittweise die Anpassung an höhere Auflösungen erfolgt. Die Reduzierung des Designs auf seine wesentlichen Elemente hat zur Folge, dass Inhalte und Navigationen so gestaltet sein müssen, dass sie für den Nutzer auf den ersten Blick Sinn ergeben und intuitiv bedient werden können. Das Hamburger-Icon als Menü-Ersatz ist beispielsweise ein Produkt dieses Ansatzes.
    mobile

    Mobile-First orientierter Internetauftritt mit Hamburger-Icon, Quelle: http://www.werkstatt.fr/

  • Simplicitiy: Ebenfalls lassen sich die Erfolge von Minimalismus und Flat Design dadurch erklären, dass sie radikal auf alle Elemente verzichten, die nicht dazu dienen, die Interaktionen der Nutzer mit dem Content zu fördern – wie etwa der Onlineshop Esme Winter:
    minimal

    Minimalistischer Seitenaufbau, Quelle: www.esmewinter.co.uk

#3: Die User überfordern

Auch wenn sich alles im UX-Design um die Bedürfnisse und Wünsche der User dreht: Man darf sie nicht überfordern. Menschen sind faul – das sagt uns nicht nur die eigene Erfahrung, sondern wird ebenfalls durch wissenschaftliche Studien belegt. Auch wenn es zunächst etwas komisch klingen mag: Eine gute User Experience bringt die Anwender möglichst wenig zum Nachdenken.

Die Kombination inhaltlicher und visueller Elemente muss deshalb so umgesetzt werden, dass den Nutzern intuitiv bewusst ist, wie sie mit ihnen interagieren sollen. Hierfür ist es wichtig, unnötige Aktionen, UI-Inkonsistenzen als auch unbekannte Funktionen zu vermeiden. Sie führen die Nutzer nicht an das gewünschte Ziel und bremsen sie in ihren Interaktionen aus. Als Faustregel gilt: Je weniger Aktionen, desto besser.

  • Bilder, Animationen und Videos richtig einsetzen: Der Content im Netz besteht nicht allein aus Text, sondern setzt sich auch aus Bildern, Grafiken, Animationen und Videos zusammen. Der Trend des Storytellings im Webdesign ist ein gutes Beispiel dafür, wie man optische Elemente richtig einsetzt, um Inhalte visuell zu kommunizieren.
    storytelling

    Visuelles Storytelling, Quelle: www.evoenergy.co.uk

  • Das KISS-Prinzip: Die Abkürzung KISS steht für „Keep it simple, stupid“. Die Forderung, den Content auf seine wesentliche Bestandteile zu reduzieren, ist nicht allein auf die Textbausteine gerichtet, sondern reicht vom Layout über die Grafik bis hin zur Typografie. Durch die Limitierung wird mehr Platz geschaffen, um Effekte wie Hero-Headers oder ausdrucksstarke Typografien einzubinden, die in der Lage sind, die Aufmerksamkeit der Nutzer gezielt auf sich zu ziehen.
    typoheader

    Kombination von ausdrucksstarker Typografie und Hero-Header, Quelle: www.indigy.org

  • Die Chunking-Methode: Eine weitere nützliche Methode zur Reduzierung des Contents liegt im Chunking. Komplexe Inhalte werden in mehrere kleine Sektionen unterteilt, damit ihre Aussagen von den Nutzern besser erschlossen werden können. Solche Maßnahmen sorgen dafür, dass sich die User beim ersten Besuch einer Seite nicht überfordert fühlen und bereitwilliger mit den Inhalten interagieren.
  • Design-Patterns mit Bedacht einsetzen: Design-Patterns sind hilfreich, um den Wiedererkennungswert und Usability der eigenen Webseite zu steigern. So ist auf E-Commerce-Seiten die Funktion des Einkaufswagens für die meisten User intuitiv zu verstehen. Der Vorteil von Patterns ist aber zugleich ihr Nachteil: Ohne klare individuelle Note verliert die Page schnell ihre Attraktivität und droht im Einerlei des Netzes unterzugehen. Deshalb muss hier eine gute Balance zwischen Usability und Persönlichkeit (Stichwort: Storytelling) gefunden werden.

Ein gutes Beispiel, warum die Aktionen auf ein Minimum beschränkt werden sollten, liefert das amerikanische Online-Reisebüro Expedia. Durch die Entfernung eines einzigen Eingabefeldes (Angabe des Unternehmens) im Buchungsprozess hat die Firma ihren Gewinn quasi über Nacht um zwölf Millionen Dollar gesteigert. Der Grund für die Verwirrung lag darin, dass viele Kunden in das „Unternehmen“-Feld den Namen ihrer Bank eingetragen haben. Das führte letztlich bei der Bezahlung zu erheblichen Problemen.

Der Grenzwert möglicher Interaktionen ist also eine quantitative Größe und kann berechnet werden. Allerdings gibt es keine magische Zahl, sondern die Anzahl der Klicks ist abhängig von den Produkten und Usertypen. Bei der Ermittlung des Idealwerts führt wiederum kein Weg am Testing vorbei. Aber auch wenn die Wünsche und Bedürfnisse das A und O im UX-Design sind: Man sollte nicht vergessen, dass auch die Geschäftsziele von Unternehmen entscheidend in die Kalkulation hineinspielen.

Fazit

Menschen machen Fehler und gerade in einem so unüberschaubaren Bereich wie dem UX-Design ist es keine Schande, sich Fehlgriffe zu erlauben. Stehen Geschäftziele und Userwünsche im Konflikt miteinander, sollte man sich immer von den Bedürfnissen der Nutzer zu den unternehmerischen Vorgaben zurückarbeiten. Der Kurs mag durch Business-Entscheidungen bestimmt sein; gesteuert werden kann er aber nur durch eine gute User Experience.

Aufmacherbild: Vector man facepalm via Shutterstock / Urheberrecht: Pretty Vectors

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