Wie man die Langeweile von Mobile-Usern für Push Notifications nutzen kann

Langeweile als UX-Faktor
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Sei es der Fernseher, das Smartphone oder der Kühlschrank – heutzutage ist alles miteinander vernetzt. In Zeiten permanenter Reizüberflutungen durch digitale Technologien ist es schwer geworden, das Interesse der User auf das eigene Produkt zu lenken. Aufmerksamkeit ist insbesondere im Mobile-Bereich zu einer knappen Ressource geworden. Viele Unternehmen versuchen daher durch gezielte Push Notifications die Nutzer auf sich aufmerksam zu machen. Das Problem ist nur: Ob eine solche Benachrichtigung wirklich ihren Zweck erfüllt oder nicht, ist nur schwer feststellbar.

Gerade in Bezug auf eine gute User Experience wird es immer wichtiger zu wissen, wann und unter welchen Umständen User bereit sind, bestimmten Inhalten ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Zu viele Push Notifications zur falschen Zeit werden von den meisten Nutzern nicht als Bereicherung, sondern als Belästigung wahrgenommen und führen in der Regel zu negativen Bewertungen.

Ablenkung durch Smartphones

Allerdings ist das nicht immer so. Wenn die User ihre Smartphones aus der Tasche ziehen, um Zeit totzuschlagen, verkehrt sich ihre Aufmerksamkeitsspanne ins Gegenteil. Durch die ständige digitale Reizüberflutung stellt sich Langeweile meistens nur dann ein, wenn die Anzahl neuer Eindrücke spürbar sinkt. In solchen Situationen wollen die meistens nur eines: neue Anreize.

„A bored person is not just someone who does not have anything to do; it’s someone who is actively looking for stimulation but it is unable to do so“

Um sich kurzweilig abzulenken, wird oftmals das Smartphone benutzt. Ob in der U-Bahn, an der Bushaltestelle oder in der Schule; überall wird bei der Suche nach neuen Stimuli auf mobile Geräte zurückgegriffen. Auffällig ist hierbei, dass in solchen Momenten eine Vielzahl von Usern ihr Smartphone nahezu „planlos“ verwenden: Sie wollen zwar ihre Aufmerksamkeit auf etwas richten, wissen jedoch nicht auf was.

Keine knappe Ressource

Wenn User sich langweilen und auf der Suche nach neuen Anreizen sind, ist ihre Aufmerksamkeit also keine knappe Ressource mehr. Um ihrem Zustand zu entkommen, sind sie aktiv auf der Suche nach neuen Inputs und sogar dankbar für neue Vorschläge.

„The cure to boredom is curiosity“

Will man die User Experience von Push Notifications verbessern, ist es also sinnvoll, hier anzusetzen. Da die Nutzer offen für neue Inhalte sind, muss man nicht länger um ihre Aufmerksamkeit konkurrieren. Das Problem ist nur: Wie kann man feststellen, dass sie sich langweiligen?

Denkbar wäre die Entwicklung eines Service, der sich ihre „Planlosigkeit“ zunutze macht. Ein solcher Dienst müsste ermitteln können, ob sie auf der Suche nach Ablenkung sind oder nicht gestört werden wollen. Die Idee dahinter ist simpel: Nutzer sollen nur dann mit Benachrichtigungen versorgt werden, wenn ihnen langweilig ist, und in Ruhe gelassen werden, wenn sie beschäftigt sind.

Um die Betroffenen nicht unnötig zu stören, wäre es ebenfalls von Vorteil, wenn man sie nicht direkt auf ihre Stimmung ansprechen müsste. Besser wäre es, wenn man durch ihr mobiles Nutzungsverhalten Rückschlüsse auf ihren derzeitigen Gemütszustand ziehen könnte. Doch ist so was technisch überhaupt möglich? Und stimmt es eigentlich, dass User auf der Suche nach neuen Anreizen sind?

Langeweile als Forschungsthema

Zu dieser Thematik hat vor Kurzem ein Forscherteam ausführliche Daten geliefert, das sich aus Mitgliedern der Universität Stuttgart und der Telefonica Research Abteilung des Mobilfunkbetreibers o2 zusammensetzt. In der Studie wurde untersucht, ob eine positive Korrelation zwischen dem sozialen Phänomen von Langeweile und der Benutzung von Smartphones nachgewiesen werden kann. Zudem suchte das Team nach Beweisen für die These, dass Nutzer eher bereit sind, vorgeschlagene Inhalte anzunehmen, wenn sie nicht beschäftigt sind.

Erste Testrunde: Indikatoren

In einer ersten Testrunde gaben die Teilnehmer der Studie über einen Zeitraum von zwei Wochen mehrmals am Tag per App an, wie sie ihre Situation einschätzen. Die Antworten wurden mit den mobilen Benutzungsprofilen der Probanten abgeglichen. Gemessen wurde zum Beispiel, wie häufig das Smartphone am Tag insgesamt benutzt wurde und welche Apps zu welchem Zeitpunkt aufgerufen worden sind.

Die Forscher kamen zu folgenden Ergebnissen:

  • Wenn User Personen anrufen und per Messenger oder SMS kontaktieren, ist ihnen langweiliger als wenn mit ihnen Kontakt aufgenommen wird.
  • Langweilig ist Nutzern immer dann, wenn sie ihr Smartphone intensiv benutzen. Sie öffnen mehr Apps, entsperren häufiger ihr Smartphone, überprüfen regelmäßiger Benachrichtigungen und laden mehr Daten hoch.

Die Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass es grundsätzlich möglich ist, auf Grundlage des Nutzungsverhaltens von Smartphone-Usern herauszufinden, ob sie sich langweilen oder nicht. Allerdings schränkten sie ihre Ergebnisse auch ein.

So hatten nicht nur gerätespezifische Funktionen Einfluss auf die Testergebnisse, sondern auch kontextabhängige und demografische Faktoren. Das Verhalten der Probanten hing auch von der Tageszeit und ihrem Alter ab. Je später es wurde, desto mehr versuchten sich die Teilnehmer abzulenken. Zudem trat das Phänomen häufiger bei männlichen Testpersonen auf. Ebenfalls konnte es öfters in Gruppen beobachtet werden, die zwischen 20 und 30 beziehungsweise 40 und 50 Jahren alt waren, als bei Personen in ihren Dreißigern.

Zweite Testrunde: Verifizierung

In einer zweiten Testrunde wurde versucht, den Algorithmus, der auf Grundlage der Daten des ersten Testdurchgangs entwickelt wurde, zu verifizieren. Hierzu entwickelten die Forscher eine zweite App, die nun automatisch Rückschlüsse auf das Userverhalten zog. Stufte die App einen User als „gelangweilt“ ein, sendete sie dem Betroffenen eine Benachrichtigung über interessante Artikel auf BuzzFeed.

Die Applikation wurde von einer neuen Studiengruppe zwei Wochen lang genutzt. Die Untersuchung ergab, dass gelangweilte User die vorgeschlagenen Artikel öfters anklickten und für längere Zeit lasen. So öffneten 20 Prozent von ihnen die empfohlenen Beiträge und 15 Prozent beschäftigten sich länger als 30 Sekunden mit den Inhalten. Wurden die Benachrichtigungen wahllos verschickt, reagierten nur acht Prozent auf die Meldungen und nur vier Prozent blieben länger als 30 Sekunden auf der Seite.

Die Forscher hatten somit auch Beweise für ihre zweite These gefunden. Wie die Daten belegen, ist es wahrscheinlicher, dass User eher vorgeschlagene Inhalte annehmen, wenn sie auf der Suche nach Ablenkung sind, als Personen, die mit anderen Sachen beschäftigt sind.

Die Zukunft von Push Notifications

Ihre Resultate stuften die Forscher als vorläufige Ergebnisse ein, die noch durch weitere Untersuchungen bestätigt und untermauert werden müssen. So kritisiert zum Beispiel Assistenz-Professor M. Ehsan Hoque der Universität von Rochester die Art der Fragestellung. Seiner Meinung nach können mentale Zustände nicht direkt erfasst, sondern nur unterbewusst wahrgenommen werden. Die Nutzer zu fragen, wie sie ihren Gemütszustand einschätzen, führe daher nicht zu den gewünschten Ergebnissen. Sinnvoller wäre es laut Hoque, die User regelmäßig zu einem Spiel aufzufordern. Gemessen werden sollte dann, wie oft die Probanten auf den Vorschlag eingehen und wie viel Zeit sie investieren. So könnte besser ermittelt werden, ob die User sich wirklich langweilen oder nicht.

Dennoch vermitteln die Ergebnisse einen guten Eindruck davon, wie die User Experience von Push Notifications in Zukunft verbessert werden kann. Die Analyse des Nutzungsverhaltens von Smartphone-Usern wird künftig immer wichtiger werden, um zu festzustellen, wann der richtige Zeitpunkt für den Versand einer Nachricht gekommen ist. Der Vorteil der Methode liegt auf der Hand: Man muss nicht mehr um die Aufmerksamkeit der User konkurrieren. Einen Haken hat die ganze Sache allerdings auch: Wie soll man User davon überzeugen, eine App zu installieren, die nur den Zweck verfolgt, nutzerspezifische Daten zu sammeln?

Triggerhood

Dass das alles trotzdem keine reine Zukunftsmusik mehr ist, beweist das New Yorker Startup „Triggerhood“. Das Unternehmen entwickelt eine spezielle Software, die Entwickler in ihre eigene App integrieren können. Das Programm ermittelt die Nutzungsdauer sowie den Zeitpunkt des Öffnens und Schließens einer Applikation. Abgeglichen werden die Daten mit Positions- und Sensordaten mobiler Geräte, die Aufschluss über das das Verhalten der User geben. Die Werte werden anonym an die Server von Triggerhood gesendet. Mittels eines Algorithmus wird ermittelt, ob der Zeitpunkt gut oder schlecht ist, um eine Benachrichtigung an die Nutzer zu verschicken.

Es ist also bereits möglich, userbasierte Daten mittels der eigenen App zu sammeln. Die Anwender brauchen hierfür gar kein zusätzliches Programm installieren. Es muss sich allerdings noch zeigen, ob die heimliche Aufzeichnung des Nutzerverhaltens ein angemessener Preis für die Verbesserung der User Experience von Push Notifications ist. Vielleicht ist es ratsamer, auf transparentere Methoden bei der Datensammlung zu setzen.

Aufmacherbild: Bored business man via Shutterstock / Urheberrecht: jesadaphorn

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