Zen-Jahre später: ein Regelwerk ist immer noch aktuell!

Das Zen of Palm für UI-Designer
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Im Mobilcomputermarkt können sich intelligenter designte Systeme eine gewisse Zeit lang gegen wesentlich schnellere Computer durchsetzen. Palms Kampf gegen Windows CE und Co. ist ein Klassiker. Die Amerikaner setzten seinerzeit dabei auf ein als „Zen of Palm“ bezeichnetes Regelwerk, das auch heute aktuell ist.

Pebble dient als aktuelles Beispiel zum Thema. Die Uhren des per Kickstarter finanzierten Unternehmens sind den Produkten von Apple, Google und Co. haushoch unterlegen, verkaufen sich aber trotzdem wie geschnitten Brot. Das liegt daran, dass sie die an sie gestellten Aufgaben perfekt bewältigen.

Weniger ist mehr

Heutige Handcomputer bieten mit Workstations vergleichbare Rechenleistung: MediaTeks aktuelle Achtkernprozessoren rechnen Kreise um jeden Pentium IV. Leider wirkt sich dies nur wenig auf das Benutzerverhalten aus: Handhelds werden nach wie vor nur kurzfristig verwendet (Abb. 1).

Abb. 1: PDAs werden oft eingeschaltet – die eigentlichen Sessions dauern nur sehr kurz (Quelle: Palm)

Abb. 1: PDAs werden oft eingeschaltet – die eigentlichen Sessions dauern nur sehr kurz (Quelle: Palm)

Dies lässt sich anhand der Beobachtung der Umgebung beweisen. In Straßenbahnen sieht man viele Handys, aber nur wenige Notebooks. In Hochgeschwindigkeitszügen sind Notebooks wesentlich weiter verbreitet, die vergleichsweise lange Fahrzeit amortisiert den Bootprozess.

Benutzer von Handcomputerapplikationen gehen davon aus, dass sie die Bearbeitung von anstehenden Aufgaben zu jedem Zeitpunkt unterbrechen und später wieder fortsetzen können. Androids Implementierung von jederzeit „abschießbaren“ Activities ist aus diesem Blickwinkel betrachtet suboptimal – ein Thema, dem wir uns an anderer Stelle zuwenden können.

Für Entwickler ist dies insofern ärgerlich, als das Hinzufügen neuer Funktionen nicht immer zu mehr Kundenzufriedenheit führt. Der in Abbildung 2 gezeigte Verlauf gilt auch heute noch – steigende Rechenleistung wirkt sich nur insofern aus, als dass das Plateau „breiter“ wird.

Abb. 2: Der von DJ Shadow besungene Point of Diminishing Return lebt! (Quelle: Palm)

Abb. 2: Der von DJ Shadow besungene Point of Diminishing Return lebt! (Quelle: Palm)

Integration ist (k)ein schmutziges Wort

In der Anfangszeit der Handcomputertechnik wurden auch vergleichsweise kleine Apps mit einem umfangreichen Handbuch ausgeliefert. Entwickler gingen davon aus, dass die Nutzer das Manual zumindest kurz überfliegen: bei einem Kaufpreis von rund 10 US-Dollar pro App konnte man diesen Grad an Interesse voraussetzen.

Studien ergeben, dass die Lebensdauer von Apps immer kürzer wird. Kostenlose Apps werden nach dem Download oft nur ein einziges Mal ausgeführt, um danach im digitalen Orkus zu verschwinden. Für Sie als Entwickler bedeutet dies, dass Sie Ihre Nutzer so schnell wie möglich mit Ihrem Produkt vertraut machen müssen. Wenn die App im Rahmen der ersten Nutzung „Werte schafft“, so hat sie eine realistische Chance auf einen zweiten Anlauf.

Wenn sich der Kunde dabei mit dem Benutzerinterface herumärgern muss, so ist der erste Eindruck schlechter. Daraus folgt ein mächtiges Werkzeug zur Verbesserung des GUIs: Ihre User nähern sich Ihrer App mit vorgefassten Meinungen, die aus der Umgebung stammen. Wenn 99 Prozent der auf einem Telefon installierten Programme einen Neu-Button enthalten, so sollte Ihr Programm nicht mit einem Erstellen-Knopf antanzen.

Spieleentwickler begegnen diesem Problem gern durch ein in die ersten Spielminuten integriertes Tutorial, das alle wichtigen Aspekte des Gameplays kurz vorstellt. Es ist sinnvoll, die Einführung überspringbar zu gestalten. Wer das Genre schon kennt, freut sich mitunter nicht darüber, eine Anfängerschulung abarbeiten zu müssen. Falls Ihr Spiel nicht das erste seiner Art ist, so können Sie bei Ihrem Konkurrenten wertvolle Inspiration beziehen.

Entwickler von Apps haben es insofern leichter, als sie sich am Design der vorinstallierten Produkte orientieren können. Alle Betriebssystemhersteller bieten als „Human Interface Guidelines“ bezeichnete Spezifikationsdokumente an, die die zu beachtenden Designparadigmen spezifizieren. Wer sein Programm in die Umgebung integriert, profitiert nicht nur von höherer Kundenzufriedenheit; wer sich nicht an die Designvorgaben hält, wird oft von Promotionmaßnahmen ausgeschlossen.

Handcomputerzentrischer Design-Flow

Aufgrund der bis hierher besprochenen Besonderheiten des Handcomputers ist die Weiterverwendung von am Desktop funktionierenden Designs nur in den seltensten Fällen möglich. Die Erstellung von am Handy lauffähigen Prototypen artet in Arbeit aus, was zu Widerständen gegen Änderungen führt.

In der Praxis hat sich die Verwendung von Papierprototypen als ideal herausgestellt. Dazu müssen Sie Konzeptpapier in bildschirmgroße Stücke zerschneiden, auf denen daraufhin die einzelnen Formulare der Applikation gezeichnet werden. Mit etwas Phantasie wird dieser Papierstapel zu einem digitalen Prototyp des Programms, mit dem die einzelnen Flows durchgespielt werden.

Analysieren Sie dabei die Anzahl der bei wichtigen Flows anfallenden Taps. Die gesammelten Informationen können direkt in den Papierprototyp eingebunden werden. Ersetzen Sie nicht mehr notwendige oder veraltet gewordene Karten schnell und unbürokratisch durch eine neu gezeichnete.

Das Minimieren der zur Erledigung von Aufgaben notwendigen Taps darf keinesfalls als Einladung zum Vollstopfen von Formularen dienen. Achten Sie stets darauf, dass die einzelnen Szenen nicht überladen erscheinen und nach Möglichkeit ohne Scrolling auskommen.

Symbole, nein danke!

Designer führen gern Horden von Symbolen ein. Da die Erstellung jedes Sprites zusätzliche Einnahmen generiert, ist dies ein verständliches Verhalten. Die praktische Erfahrung lehrt, dass textuelle Beschreibungen meist besser funktionieren – das Entziffern eines nicht weit verbreiteten Symbols kann eine nicht unerhebliche intellektuelle Herausforderung darstellen.

Ein Argument für Symbole ist die Reduktion des für die Darstellung benötigten Bildschirmplatzes: ein Diskettensymbol ist wesentlich kleiner als der Text „Save“. Dies ist nur in den seltensten Fällen im Interesse des Benutzers; Steve Jobs sorgte mit dem stiftlosen iPhone für den Niedergang der Genauigkeit. Auf kapazitiven Bildschirmen lassen sich Elemente erst ab rund einem Quadratzentimeter Fläche zuverlässig selektieren; wer seine Nutzer mit kleineren Widgets nervt, muss sich über Fehleingaben nicht wundern.

Im Unternehmen des Autors werden Symbole nur dann verwendet, wenn sie an anderer Stelle im Betriebssystem vorkommen oder aufgrund weltweiter Verbreitung einwandfrei verständlich sind. Die meisten Systeme enthalten eine Gruppe von Symbolen, die als bekannt vorausgesetzt werden dürfen – mathematische Zeichen wie die „Welle“ der Quadratwurzel fallen in die zweite Kategorie.

Die Idiotenkurve

Beim Design von Benutzerschnittstellen müssen Sie sich an den Bedürfnissen der Zielkundschaft orientieren. Das Cockpit eines Luftfahrzeugs ist nicht leicht verständlich – für die PVO war dies insofern kein Problem, da jeder Pilot eine Grundlagenschulung durchlaufen musste.

In Branchen etablieren sich Symbole und Abkürzungen, die danach universalverständlich sind. Rüstungselektroniker erkennen einen Widerstand aus fünf Metern Entfernung, während ein Edelmetallassekurant das charakteristische Ahornblatt einer kanadischen Münze wahrscheinlich sogar im Schlaf richtig zuordnet.

Für Sie als Entwickler ergeben sich daraus zwei wichtige Regeln. Erstens können nur für Poweruser geeignete Funktionen ruhig versteckter sein; wenn Otto-Normal-User nicht darüber stolpert, so stellt er keine Supportanfragen zu einem für ihn sowieso unverständlichen Feature. Zweitens sollten Sie Mitglieder der Zielkundschaft so früh wie möglich in den Entwicklungsprozess einbinden. Wenn Sie in facheinschlägigen Foren keine Tester finden, so deutet dies normalerweise auf einen gravierenden Fehler im Programmkonzept hin. Interessante Applikationen bekommen normalerweise gut ein Dutzend Tester, von denen allerdings mehr als 70 Prozent im Laufe der Zeit das Interesse an der meist anstrengenden und nur wenig bezahlten Arbeit verlieren.

Teste früh!

Die Codierung von Benutzerschnittstellen ist eine repetitive und bei Entwicklern trotz ihrer Einfachheit unbeliebte Tätigkeit. Daraus ergibt sich eine nicht unerhebliche Resilienz gegen Änderungen. Dem Autor sind aus der Consultingpraxis mehrere Unternehmen bekannt, die sich aus Kostengründen gegen wichtige Änderungen am Aufbau des GUI sträuben.

Diesem Problem lässt sich nur durch permanente Tests begegnen. Achten Sie dabei immer darauf, dass die zum Test eingespannten Personen nicht in die Entwicklung des GUI involviert sein dürfen; wer die dahinterstehenden Gedanken kennt, mutiert zum Akzeptanztester. Normale Tester sind von diesem Phänomen ebenfalls betroffen, die in Abbildung 3 gezeigte Kurve beschreibt, wie Tester im Laufe der Zeit „verbrennen“.

Abb. 3: Akzeptanztester sind nur mehr für die Prüfung der Korrektheit von Features zuständig

Abb. 3: Akzeptanztester sind nur mehr für die Prüfung der Korrektheit von Features zuständig

Trick und Track

Zu guter Letzt sei ein hilfreicher Hinweis erlaubt. Die ersten Sekunden der Programmnutzung sollten so detailreich wie möglich instrumentiert werden, senden Sie die Daten im Idealfall sofort nach dem Auftreten von Eingaben an Ihren Server.

Werten Sie die so gesammelten Informationen danach regelmäßig aus, um Informationen über den Absprungpunkt der Kunden zu erhalten. Das Verbessern der „Konversionsrate“ ist eine der wichtigsten Maßnahmen zur Steigerung der Profitabilität.

Fazit

Palm mag mittlerweile untergegangen sein. Die im Dokument postulierten Designrichtlinien waren daran mit Sicherheit nicht schuld. Das rund fünfzigseitige PDF ist ein Must Read für alle, die sich mit Handcomputer-GUIs befassen.

User Interface Design ist eine Kunst für sich. Der olympische Gedanke ist trotzdem relevant: Wer sich vor der Implementierung seiner Benutzerschnittstelle Gedanken macht, erzeugt intelligentere Interfaces. Im immer härter werdenden Marktumfeld der Handcomputerbranche kann dies über Erfolg und Misserfolg eines Unternehmens entscheiden.

Mobile Technology

Mobile TechnologyDieser Artikel ist im Mobile Technology erschienen. Mobile Technology ist der Wegbegleiter für alle, die sich professionell mit der Entwicklung für mobile Devices und den Möglichkeiten, die der Markt des Mobile Business und Marketing bereithält, beschäftigen.

Natürlich können Sie das Mobile Technology über den entwickler.kiosk auch digital im Browser oder auf Ihren Android- und iOS-Devices lesen. In unserem Shop ist das Mobile Technology ferner im Abonnement oder als Einzelheft erhältlich.

Aufmacherbild: Leaves Of Palm With Zen Pebbles von Shutterstock / Urheberrecht: skywing

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