„Nicht nur Usability, auch die User Experience ist entscheidend“ – Interview mit Cindy Waldinger

Interfacedesign, Usability und User Experience
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Besonders bei Start-ups ist das Budget begrenzt. Doch kein Grund, auf Usability zu verzichten. „Guerilla HCI“ und „Discount Usability“ sind die Zauberwörter. Doch was verbirgt sich dahinter?

Das Bewusstsein für Usability und User Experience wächst – und das ist wichtig für ein erfolgreiches Interfacedesign. Vor allem in den letzten Jahren hatte der Faktor Mobile großen Einfluss auf die Art und Weise, wie Interfaces designt werden, und immer mehr UIs von Desktopapplikationen orientieren sich an mobilen Vorbildern. Wie passt das aber mit dem Thema Usability und User Experience zusammen? Darüber sprachen wir mit Cindy Waldinger, Interfacedesignerin und zertifizierter Usability-Consultant für Mobile- und Softwarelösungen.

Usability & Mobile

Frau Waldinger, Sie sind Interfacedesignerin und beschäftigen sich unter anderem mit Mobile-Lösungen. Welchen Einfluss hatte der Faktor Mobile in den letzten Jahren auf das Design von Interfaces?

Cindy Waldinger: Der Faktor Mobile ist aus der Welt des Interfacedesigns nicht mehr wegzudenken. Nahezu jeder besitzt mittlerweile ein Smartphone, und jedes Interface, dem wir begegnen, wird daran gemessen. Das mentale Modell der Menschen ändert sich dahingehend, dass wir von nahezu jedem Gerät erwarten, dass es sich ähnlich verhält wie ein Smartphone. Egal ob Fahrkartenautomat am Bahnsteig oder Steuerungsanlage in der Industrie, stets erwarten wir eine Bedienung wie bei unserem alltäglichen digitalen Begleiter. Und je älter die Generation der Digital Natives wird, desto mehr verstärkt sich der Effekt natürlich noch.

Aktuell gewinnt man den Eindruck, dass sich das UI von Desktopapplikationen und Betriebssystemen immer mehr an mobilen Vorbildern orientiert. Stimmt das?

Cindy Waldinger: Ja, definitiv. Die Übergänge verschwimmen immer mehr, die Abgrenzung zwischen Mobile und Desktop verschwindet. Für den Nutzer spielt das Gerät immer weniger eine Rolle als die eigentlichen Informationen, die er erhalten möchte.

Mehr zum Thema in unserem Artikel The Year in User Experience.

Welche Rolle spielt die User Experience beim Design von User Interfaces … und wie macht sich das in Ihrem Arbeitsalltag bemerkbar?

Cindy Waldinger: User Experience spielt ebenso wie Usability eine ganz entscheidende Rolle in meinem Arbeitsalltag bei UCDplus. Natürlich hängt es immer vom Projektkontext ab, woran eine gute User Experience festgemacht wird. Wenn wir beispielsweise ein Interface für eine Industriesteuerung erstellen, konzentriert sich die User Experience eher auf sachliche Aspekte, während bei Consumerprodukten die emotionalen Faktoren überwiegen.

Eine positive Entwicklung ist, dass immer mehr Unternehmen aus der Industrie verstehen, dass auch bei ihnen nicht nur das Produkt wichtig ist, sondern eben auch das Nutzererlebnis, das die Nutzer damit verbinden.

Usability im Start-up-Umfeld

Auf der webinale beschäftigen Sie sich mit dem von Nielson geprägten Begriff der „Discount Usability”. Was genau meint Nielson damit?

Cindy Waldinger: Interessanterweise thematisierte Nielson den Begriff bereits vor fast dreißig Jahren. Er sprach sich dafür aus, anstatt viel Zeit, und dadurch letztendlich auch Geld in aufwendige Methoden zu investieren, lieber auf simplere Methoden zu setzen. Vereinfachtes User Testing und Papierprototypen sind hier die Schlüsselwörter. Um gute Ergebnisse zu erzielen, müssen Methoden nicht teuer sein. Um es mit den Worten von Nielson zu sagen: „Bad user testing beats no user testing.“ Da stimme ich ihm absolut zu. Es nützt die beste Methode nichts, wenn sie letztendlich aus Kostengründen nicht durchgeführt wird. Genau aus diesem Grund stellen wir bei UCDplus stets ein indiviuelles Methodenset zusammen – passend zum Produkt und Budget des Auftraggebers. So können wir auch mit kleineren Budgets mittels erprobter Methoden saubere Ergebnisse liefern.

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Gerade für Start-ups also ein gangbarer Weg. Wie bewerten Sie generell das Thema Usability im Start-up-Umfeld?

Cindy Waldinger: Gerade für Start-ups, die ja doch noch einmal mehr auf das Budget schauen müssen, sind solche kleinen Methoden optimal. Aus meiner Sicht ist Usability besonders für Start-ups wichtig. Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen und sagen, nicht nur Usability, sondern auch die User Experience ist entscheidend. Start-ups mit guten Ideen gibt es mittlerweile wie Sand am Meer. Doch letztendlich entscheidet der Nutzer über Erfolg oder Niederlage. Er muss das Produkt lieben! Da bringen eine gute Usability und User Experience den entscheidenden Wettbewerbsvorteil.

Betrachtet man neue und junge Projekte, fällt auf, dass sich dennoch viel getan hat – wo werden Ihrer Meinung nach dennoch die typischsten Fehler begangen?

Viele Start-ups sind sehr vernarrt in ihre eigene Idee.

Cindy Waldinger: Ich glaube, viele Start-ups sind sehr vernarrt in ihre eigene Idee. Natürlich ist die Leidenschaft für das eigene Projekt wichtig, aber das birgt natürlich auch Gefahren. Man erliegt dann schnell dem Irrglauben, genau zu wissen, was die Bedürfnisse des Nutzers sind. Viele lassen sich zu stark von Annahmen leiten. Ganz schnell stehen dann plötzlich interne Interessen und das Produkt selbst im Mittelpunkt. Dabei sollte der Nutzer im Mittelpunkt stehen. Fairerweise muss ich aber anmerken, dass ich im Projektalltag oft erlebe, wie in diese Falle getappt wird. Das passiert nicht ausschließlich im Start-up-Umfeld.

Auch wenn Usability und User Experience keine neuen Themen sind, legen Unternehmen erst seit relativ kurzer Zeit vermehrt Wert darauf, diese Bereiche weiter voranzutreiben. Tun sich große, etablierte Unternehmen damit schwerer?

Cindy Waldinger: Da muss man ganz klar sagen: Es kommt darauf an. Große Unternehmen sind oftmals eingefahrener im Bezug auf Prozesse und weniger flexibel als kleinere. Da neue Methoden einbringen zu wollen, kann schon mal zu einer langwierigen Angelegenheit werden. Auf der anderen Seite ist der Budgetrahmen bei diesen Unternehmen meist deutlich größer, was wiederum mehr Raum für Möglichkeiten bietet. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Schwierigkeit in der nötigen Einsicht der Auftraggeber liegt, produktrelevante Entscheidungen an den Nutzer abzugeben. Das lässt sich aber sicherlich nicht pauschalisieren und allein das wachsende Bewusstsein für Usability und User Experience ist natürlich großartig.

 

Cindy Waldinger

Cindy WaldingerCindy Waldinger ist Interfacedesignerin und zertifizierter Usability-Consultant für Mobile- und Softwarelösungen. Seit mehr als fünf Jahren konzipiert und realisiert sie effiziente und zukunftsweisende Interfaces für mobile Anwendungen und Software im Industriekontext. So finden sich ihre Arbeiten in Produkten der Volkswagen Aktiengesellschaft, der Daimler AG, aber auch bei der Sparkassen Finanzgruppe oder beim Optikerausstatter Ollendorf Mess-Systeme.

 

Aufmacherbild: Pictograph of justice scales von Shutterstock / Urheberrecht: iDesign

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