Methoden im UX-Design

User Experience Dossier – Teil 2: UX Best Practices
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UX-Designer sind verantwortlich für die User Experience. Sie entwerfern nicht nur das UI-Design, sondern stellen auch sicher, dass es funktioniert. Doch mit welchen Methoden wird ermittelt, ob die gestalterischen Elemente wirklich ihre Funktion erfüllen? Und warum ist das überhaupt wichtig für Webdesigner? Mit diesen Fragen beschäftigen wir uns im zweiten Teil unserer Artikelserie.

Im ersten Teil haben wir über den Wandel des UI- zum UX-Design gesprochen und erörtert, warum sich die Entwicklung auch auf den Bereich des Webdesigns auswirkt. Manch einer mag nun erwidern, dass das mit dem Bereich des Webdesigns nicht wirklich viel zu tun hat und in erster Linie nur UI- und UX-Designer betrifft. Es geht schließlich um die Erstellung von Webseiten und nicht um den Bau von User Interfaces.

Und es stimmt: In der Regel werden von Firmen UI-Designer engagiert, um das Interface ihrer App oder ihres Produkts zu gestalten oder zu verbessern. Aber heutzutage unterscheiden sich Webseiten nicht mehr besonders stark von App-Interfaces. Üblicherweise erfolgt die Navigation per Menü. Hierbei muss den Usern intuitiv der Sinn und Zweck der Elemente bewusst als auch das Ziel der Seite oder Applikation klar sein.

“If the user is having a problem, it’s our problem” – Steve Jobs

Im Webdesign gilt also das Gleiche wie im UI-Design: Ohne die Implementierung der grundlegendsten User-Experience-Bausteine mögen die Auftraggeber zwar eine schmucke Seite oder App besitzen, müssen sich aber zugleich über eine niedrige Konversion ärgern, hohe Bounce-Raten in Kauf nehmen und sich mit verärgerten Besuchern auseinandersetzen. Deshalb suchen viele Firmen – insbesondere Startups – nach Webdesignern, die sich neben der Gestaltung visueller Elemente auch mit den Grundlagen einer guten User Experience auskennen.

Überblick zur Artikelserie: User Experience Dossier

User Experience Dossier – Teil 1: UI versus UX
User Experience Dossier – Teil 2: UX Best Practices
User Experience Dossier – Teil 3: UX Best Practices

Vom Webdesign zum Webservice

Der Einfluss der User Experience kann beschrieben werden als Entwicklung vom Webdesign zum Webservice. In den letzten fünf Jahren haben mobile Endgeräte das Surfverhalten der Nutzer entscheidend umgekrempelt. Inhalte werden nicht mehr nur von den Usern gefunden, sondern die Inhalte finden heutzutage die Anwender (Stichwort: Push-Notifications). Auch die Ausgabe von Suchergebnissen hat sich verändert. Es werden nicht mehr länger alle möglichen Treffer angezeigt, sondern gezielt userspezifische, den Kontext berücksichtigende Ausgaben generiert (Stichtwort: Siri und Google Now). Generell ist ein Trend zu beobachten, dass was auf der Page steht, deutlich wichtiger geworden ist als seine Anordnung (Stichwort: geräteübegreifender Content via APIs).

Der Schwerpunkt bei Webseiten verlagert sich von der visuellen Gestaltung hin zu End-to-End orientierten Webservice-Angeboten. Die von den Diensten angeboten Inhalte sollen nur die wichtigsten Informationen aufbereiten, nicht mit unnötigen Angaben überfordern und mit anderen Services leicht verlinkt werden können. Die eigentliche Dienstleistung stellt nicht mehr die Homepage an sich dar. Vielmehr wird die Qualität einer Webseite daran gemessen, wie einfach ihre Inhalte geräteübergreifend mit anderen geteilt werden können. Geht die Bedingung nicht intuitiv und ohne großen Zeitaufwand von der Hand, kann daran auch die beste UI nichts ändern.

Neue Arbeitsprozesse

Der Wandel vom Webdesign zum Webservice wirkt sich ebenfalls auf den Arbeitsprozess aus. Hatte sich jahrelang das klassische Wasserfallmodell in der Produktentwicklung bewährt, ist ein solcher linearer Arbeitsprozess heutzutage nicht mehr vorteilhaft. Ein Modell, bei dem erst ein Prozess abgeschlossen sein muss bevor zum nächsten übergegangen werden kann, ist für die Entwicklung einer guten User Experience nicht förderlich: Sie kann nicht einfach von einer Disziplin zur anderen weitergereicht werden.

“Think broad to get narrow.”

Selbst Offline-Produkte werden mittlerweile durch eine mobile App oder eine Webseite unterstützt, die wiederum in ein UX-Ekosystem eingebunden sind. Um ein integratives Design zu gestalten, muss das gesamte Team (Produktentwickler, Marketing-Strategen, Entwickler und Webdesigner) an jedem Punkt des Produktlebenszyklus zusammenarbeiten.

Ein gutes UX-Design ist auf einen kollaborativen Schaffensprozess angewiesen und auch die Zeichen im Bereich des Webdesigns weisen mehr und mehr in die gleiche Richtung. Statt weiterhin auf das klassische Wasserfallmodell zu vertrauen, sollte verstärkt auf T-Shaped-Skills gesetzt werden.

Die Rolle der UX im Kundenlebenszyklus

Aber nicht nur im Bereich des Produktlebenszyklus spielt die Rolle der UX eine zunehmend dominantere Rolle. Immer mehr Firmen und Unternehmen realisieren, wie wichtig es ist, in eine gute User Experience zu investieren, die ebenso den gesamten Kundenlebenszyklus umfasst. Das Hinzufügen digitaler Walkthroughs, die Optimierung von Support-Channels und die Anpassung der Inhalte an die Bedürfnisse der Nutzer sind nur einige Indizien. Auch im Kundenlebenszyklus spielt der Bereich des Webdesigns eine wichtige Rolle:

  • Kundenakquisition: Um neue Kunden zu gewinnen, ist das Design einer Webseite nach wie vor entscheidend. In der Regel erfolgt der Erstkontakt der Verbraucher mit einem Produkt über die Firmenwebseite. Vermitteln Blogeinträge, Social-Media-Posts, Werbebanner und Landingpages bei den Besuchern keine positive Resonanz, wechseln die meisten Nutzer direkt zur Konkurrenz.
  • Kundensupport: Auch im Bereich des Kundensupports gewinnen Webseiten zunehmend an Bedeutung. Viele Unternehmen lassen spezielle Homepages für den bestehen Kundenstamm anfertigen, um bei etwaigen Fragen schnell Informationen bereitstellen zu können. Das Design solcher Seiten muss einfach und übersichtlich gestaltet sein. Im Abgleich mit den demografischen Daten sollten die Inhalte so aufbereitet werden, dass die Nutzer sie schnell und ohne weitere Nachfragen per Chat oder Telefon finden können.
  • Kundenbindung: Die zukünftige Bindung der Kunden hängt von einem Webdesign ab, das besonderen Wert auf die User Experience legt. Eine gute UX fördert die Kundenzufriedenheit und führt dazu, dass die Verbraucher auch in Zukunft ihre Aufmerksamkeit auf die Produkte und Services des Unternehmens richten.

UX Best Practices

Die Entwicklungen im Bereich des Webdesigns sind noch nicht abgeschlossen. Für die meisten Designer ist es weiterhin Neuland, sich nicht nur um gestalterische Aspekte zu kümmern, sondern auch auf die Effektivität ihres Design zu achten. Oftmals wissen die meisten nicht, wie man die User Experience eines (digitalen) Produkts richtig bemisst. Feedback sammeln, Nutzer richtig erreichen und Analysedaten auswerten waren früher nicht die Aufgaben eines Webdesigners.

Das hat sich mit dem Wechsel vom UI- zum UX-Design gewandelt. Die Veränderung kann in einem Wort zusammengefasst werden: Verantwortung. Heutzutage können Webdesigner für schlechte Enwürfe verantwortlich gemacht werden, da die visuellen Elemente nicht mehr allein nach ästhetischer Präferenz angeordnet werden, sondern ein klares Ziel besitzen: eine möglichst gute User Experience.

Als Designer kann man sich der Verantwortung nur noch schwer entziehen – und wenn doch, wirkt sich das meistens nicht sehr förderlich auf den eigenen beruflichen Werdegang und die persönliche Konkurrenzfähigkeit aus. Um keinen völligen Schiffsbruch zu erleiden, lohnt sich also ein Blick auf die Best Practices einer guten User Experience.

1. Es dreht sich alles um die User

Im UX-Design dreht sich alles um die User. Man muss genau wissen, was sie frustriert, welche Einstellungen sie besitzen und wie sie denken. Von einer positiven und plattformübergreifenden Nutzererfahrung hängt der Erfolg eines Designs ab – und hierfür muss man die Anwender kennen.

  • User-Stories erstellen: User Stories stellen eine Übersicht über alle Interaktionsmöglichkeiten auf, die Nutzer mit einem Produkt machen können. Im Zuge dessen werden verbreitete Anwendungsfälle ermittelt und mit Hintergrundstories inhaltlich angereichert. Die Szenarios wiederum werden auf bestimmte Eingabemethoden und Geräte abgestimmt. Auf diese Weise sind Designteams in der Lage, bessere Rückschlüsse auf die Motivation der Anwender bei der geräteübergreifenden Nutzung der unterschiedlichen Features zu ziehen.
  • Personas entwickeln: Personas werden in der Regel auf Grundlage vorheriger User-Interviews entwickelt. Die sich aus der Befragung ergebenden Muster (demografische Faktoren, persönliche Einstellungen, Motivationen und Wünsche, verwendete Endgeräte etc.) werden in einer fiktionalen Person zusammengefasst. Solche Personas machen es einfacher, sich die Bedürfnisse und Wünsche der potenziellen Zielgruppe vor Augen zu führen und die visuellen Elemente entsprechend zu gestalten.
  • Consumer-Journey-Maps zeichnen: Eine Consumer-Journey-Map ist ein Diagramm, dass die vielseitigen Schritte der Nutzer visualisiert, die sie vor, während und nach der Interaktion mit einem Service oder Produkt machen. Sie hilft den Designer dabei, ein besseres Wissen über die Erwartungen und Emotionen der User bei der Cross-Platform-Benutzung des angebotenen Dienstes zu gewinnen. Die Technik kann bei der Entwicklung von situationsspezifischen Designlösungen eingesetzt werden, die den jeweiligen Erfahrungen der Anwender angemessen sind.

2. Interaktionen als Designstrategie

Das User Interface dient als Benutzerschnittstelle zwischen der Interaktion von Mensch und Maschine. Allerdings sind Interaktionen keine Zufallsprodukte. Sie entstehen nicht einfach, wenn User wahllos irgendwas auf einer Webseite anklicken. Das Design muss so gestaltet sein, dass den Anwendern die Interaktionsmöglichkeiten intuitiv klar werden.

  • Blueprints: Blueprints stellen alle möglichen Berührungspunkte der Konsumenten mit einer Marke dar und bilden die dazugehörigen internen Prozesse ab. Ihre Anfertigung hilft dabei, die Pfade der Kunden plattformübergreifend zu visualisieren.
  • User Flows: User Flows beziehen sich explizit auf die verschiedenen Wege, die Nutzer im Umgang mit einem Produkt einschlagen müssen, um ihre Ziele zu erreichen. Die Identifikation mit der Rolle des Anwenders macht es Designern einfacher zu bestimmen, welche Schritte verbessert oder neu gestaltet werden müssen: Eine effiziente Weg-Optimierung steht hierbei vor gestalterischer Selbstverwirklichung.
  • Mikrointeraktionen: Mikrointeraktionen entstehen immer dann, wenn User mit dem Design interagieren, um eine einzige Aufgabe zu bewältigen – so etwa, wenn visuelle Elemente ihre Farbe oder Erscheinung durch einen Like oder Follow verändern. Gut ausgearbeitete Mikrointeraktionen sorgen nicht nur für ein unmittelbares Feedback, sondern lassen das Design auch lebendiger und reizvoller erscheinen.

3. UI-Elemente testen

Das UX-Design ist keine eindeutige Wissenschaft. Manchmal reagieren die Anwender auf bestimmte Objekte anders als gedacht – und das oftmals ohne Grund. Ein richtiges oder falsches User Interface gibt es nicht: Im Webdesign ist es wichtig, zu wissen, was man vorher nicht wusste – und hierfür muss man das User Interface im Designprozess beständig testen.

  • Wireframes: Wireframes visualisieren die Seitenstruktur und vermitteln einen Eindruck von den wichtigsten Bausteinen und ihrer hierarchischen Anordnung. Sie helfen dabei, Ideen innerhalb des Teams als auch mit den Kunden auszutauschen und unterstützen auf diese Weise die Arbeit der Designer.
  • Prototypes: Prototypen simulieren die Navigation und Features einer Webseite. Häufig werden hierzu anklickbare Wireframes verwendet. Im Fokus steht der inhaltliche Aufbau sowie der User-Flow und nicht die visuelle Gestaltung. So kann das eigene Produkt schnell und einfach vor der eigentlichen Entwicklungsphase getestet und die unterschiedlichen Funktionen validiert werden.

Fazit

Was eine gute User Experience ausmacht, ist nicht in Stein gemeißelt, sondern unterliegt kontinuierlichen Wandlungsprozessen – das gilt auch für den Bereich des Webdesigns. Da heute Webservices gefragt sind, ist es für Webdesigner notwendig geworden, grundlegende Kenntnisse über eine gute UX zu besitzen. Ohne büßt man schnell seine Konkurrenzfähigkeit ein und ist bei Unternehmen nicht mehr gefragt. Um immer auf dem aktuellen Stand zu bleiben, werfen wird im dritten und letzten Teil der Artikelserie einen Blick auf die besten Ressourcen für UX-Designer.

Überblick zur Artikelserie: User Experience Dossier

User Experience Dossier – Teil 1: UI versus UX
User Experience Dossier – Teil 2: UX Best Practices
User Experience Dossier – Teil 3: UX Best Practices

Aufmacherbild: Thin line flat design via Shutterstock / Urheberrecht: Bloomua

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[…] formulieren werden. Jedoch sind UX-Designern die Hände nicht gänzlich gebunden. Sie können durch User-Personas, Usability-Tests und User-Language-Studies ausreichend gute Ergebnisse erzielen, um den Wortgebrauch sowie die häufigsten Probleme in Bezug […]

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[…] Allerdings hat die Sache einen Haken: Designer sollten nicht den Fehler machen, sich ausschließlich auf diese beiden UX-Methoden zu verlassen. Sie können zwar für eine erste Orientierung sorgen, ihre Ergebnisse sollten aber im weiteren Verlauf des Redesigns mit verlässlicheren Daten aus User-Stories, Personas und Consumer-Journey-Maps verifiziert werden. […]

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[…] wie vor geht das Scrollen durch Seiteninhalte zulasten einer guten User Experience. Geübte User benutzen in der Regel das Mausrad oder bestimmte Tastenkürzel, um durch die Page zu […]

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[…] Um die Bedürfnisse sämtlicher Anwender in den Blick zu bekommen, wird im UX-Design auf die Erstellung von Personas und die Anfertigung von User Journeys zurückgegriffen. Außerdem sorgen Wireframing, Prototyping und Usability-Tests für eine […]

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