Interview Felix van de Sand

User Experience: „Erfolgreiche digitale Produkte erzählen eine Geschichte“
Keine Kommentare

Die User Experience (UX) hat unmittelbaren Einfluss auf die Zufriedenheit des Nutzers. Im mobilen Bereich fasst UX alle wichtigen Aspekte zusammen, die ein Nutzer bei der Interaktion mit einer App hat. Was eine gute UX ausmacht und welche UX-Faktoren für digitale Produkte entscheidend sind, verrät uns Felix van de Sand, Designstratege bei COBE und Sprecher auf der MobileTech Conference 2019, im Interview.

Was macht eine gute UX aus?

Entwickler: User Experience spielt in der Mobile-Entwicklung eine wichtige Rolle. Was zeichnet eine gute User Experience für dich aus?

Felix van de Sand: Eine gute UX fühlt sich für den Nutzer einfach „richtig“ an. Produkte mit einer guten UX bieten dem Nutzer zur richtigen Zeit und im richtigen Kontext das richtige Feature und lösen passende Emotionen aus  – zum Beispiel ein Gefühl der Sicherheit, der Inspiration oder der Empathie. Das bedeutet, dass eine gute UX eine hohe Qualität sowohl auf funktionaler Ebene als auch auf emotionaler Ebene hat. Ein Produkt oder ein Service muss seinen „Job möglichst schnell und einfach erledigen“, das ist sozusagen der Hygiene-Faktor. Dies nennt man die pragmatische Qualität.

Der Nutzer muss sich aber auch auf der Ebene seiner Bedürfnisse und Motive angesprochen fühlen. Und das geschieht in der Regel unterbewusst. Dies nennt man die hedonische Qualität. Nur wenn pragmatische und hedonische Qualität hoch sind, haben digitale Produkte und Services heute eine Erfolgschance.

Ein Produkt muss seinen Job möglichst schnell und einfach erledigen.

Entwickler: In deiner Session auf der MobileTech Conference 2019 sagst du, dass erfolgreiche digitale Produkte eine Geschichte erzählen. Wie geht das?

Felix van de Sand: Wir nehmen die Eigenschaften von digitalen Produkten hauptsächlich unterbewusst wahr und ordnen sie für uns ein. Farben, Formen, Typografie, Animationen, etc. lösen in unserem Gehirn gelernte Assoziationen aus. Vereinfacht gesagt, assoziieren wir mit warmen Farben und runden Formen Wärme und Weichheit, mit kühlen Farben und eckigen Formen Präzision und Qualität.

Jedes einzelne Gestaltungselement, z.B. ein Button oder ein Bild, löst eine solche Assoziation aus, und die Einzelteile fügen sich zu einem Gesamtbild zusammen. Das ist die Geschichte, die ein digitales Produkt erzählt. Und wir entscheiden sehr schnell, ob diese Geschichte zu uns passt oder nicht – und somit, ob wir ein Produkt weiterhin nutzen werden oder eben nicht.

webinale 2019

A year with Progressive Web Apps

mit Antonio Peric-Mazar (Locastic)

SEO 2019: Wie man in einem kompetitiven Markt wächst

mit Matthäus Michalik (Claneo GmbH)

Damit die Geschichte passt, sollte sie deckungsgleich mit der Geschichte sein, die die Marke eines Unternehmens auf all seinem Marketing-Kanälen in den Markt ruft. Denn die Positionierung und Kommunikation einer Marke ist in der Regel auf die Bedürfnisse und Motive einer Zielgruppe zugeschnitten. Nur wenn Markenwahrnehmung und Nutzererlebnis aufeinander abgestimmt sind, wenn Brand Experience und User Experience die gleiche Geschichte erzählen, entsteht im Kopf des Konsumenten ein schlüssiges Bild, und er kann zu dem Produkt und der dahinterstehenden Marke eine emotionale Bindung aufbauen.

Entwickler: Welche Schritte müssen durchlaufen werden, um ein digitales Produkt erfolgreich zu machen? Welche Vorgehensweisen sind dafür wichtig? Und geht das mit allen Projekten?

Felix van de Sand: Wie gesagt, erfolgreiche Produkte verfügen über eine hohe pragmatische und hedonische Qualität. Eine hohe pragmatische Qualität erreicht man mit Methoden wie Design Thinking oder User Centered Design. Eine hohe hedonische Qualität erreicht man mittels der UXi-Methode, die wir entwickelt haben. Mit ihr können Markenwerte in einen konkrete Designsprache übertragen werden. Solange man Zugriff auf eine Handvoll potentieller Nutzer für Nutzertests und eine ordentliche Markenpositionierung hat, kann diese Vorgehensweise auf jedes Projekt angewendet werden.

Auch gilt es, eine gute Balance zwischen Business Needs und User Needs zu finden.

Entwickler: Auf dem Weg zum erfolgreichen digitalen Produkt liegen so manche  Stolpersteine. Worauf sollte man achten?

Felix van de Sand: Der größte Stolperstein ist meist, dass man als Gestalter nicht objektiv genug ist. Man projiziert die eigenen Wünsche und Bedürfnisse in einen fiktiven Nutzer und gestaltet möglicherweise nicht entsprechend der tatsächlichen Nutzerbedürfnisse. Auch gilt es, eine gute Balance zwischen „Business Needs“ und „User Needs“ zu finden. Beide haben ihre Berechtigung und müssen in den Gestaltungsprozess einfließen. Für all das benötigen alle am Gestaltungsprozess Beteiligten das gleiche nutzerzentrierte Mindset. Hier besteht oft noch Nachholbedarf.

Entwickler: Zum Abschluss ein Blick in die Zukunft: Die Digitalisierung ergreift immer mehr Bereiche unseres Alltags. Wo bewegen wir uns hin?

Felix van de Sand: Ich glaube, wir sind auf dem Weg zu einer „humanistischeren“ Welt, zumindest was das Digitale angeht. Unternehmen verstehen mehr und mehr, dass es nicht nachhaltig ist, seine Nutzer auszunutzen, sie zum Beispiel möglichst oft und lange in der eigenen App zu haben und mit Push-Nachrichten zu bombardieren.

Vielmehr wird es in Zukunft darum gehen, Nutzern zur richtigen Zeit am richtigen Touchpoint den passenden Service auf eine Art und Weise zur Verfügung zu stellen, die sich für ihn richtig anfühlt, und somit sein Leben ein bisschen angenehmer und schöner zu machen. Das ist nicht so einfach, wie es sich anhört, da wir es heute mit einer Vielzahl an Interaktionsmöglichkeiten, oft in Echtzeit und mit hoher Komplexität, zu tun haben. Wenn wir aber bei jedem Touchpoint auf eine hohe pragmatische und hedonische Qualität achten, sind die Erfolgschancen hoch.

Entwickler: Vielen Dank für das Interview!

Felix van de Sand ist Co-Founder und Managing Partner beim Customer-Experience-Design-Spezialisten COBE. In dieser Position leitet er aktuell ein Team aus 45 Mitarbeitern an den Standorten München und Osijek, Kroatien. Van de Sand entwickelte mit seinem Team die agentureigene User-Experience-Identity-(UXi-)Methode, die Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der Verhaltensökonomie auf das Gebiet des User-Experience-Designs überträgt. Zusammen mit drei Partnern gründete van de Sand COBE im Jahr 2012. Zuvor war er mehrere Jahre als Designstratege bei designaffairs tätig, einer der größten Designagenturen Europas. Den Grundstein für seine berufliche Laufbahn legte er mit seinem Studium im Produktdesign an der Bauhaus-Universität Weimar.
Unsere Redaktion empfiehlt:

Relevante Beiträge

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

avatar
400
  Subscribe  
Benachrichtige mich zu:
X
- Gib Deinen Standort ein -
- or -