In welchem Umfang sollte das Design der gewünschten Bedienung und Funktion folgen?

UX versus UI – was ist wichtiger?
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Bei unserer täglichen Arbeit begegnen wir immer wieder der Frage: Was ist wichtiger: auf die User Experience (UX) oder auf das User Interface (UI) einer Website zu achten? Eine interessante Diskussion, die es jedoch gar nicht geben dürfte.

Worum geht es?

Um es mit einer Analogie zu verdeutlichen: Was ist bei einem Auto wichtiger, die Zufriedenheit des Kunden, der das Auto nutzt, oder das Design des Cockpits und die Bedienung der verschiedenen Funktionen wie Klimaanlage, Radio und Scheibenwischer? Ein Blick auf die üblichen Bedienelemente eines Kompaktklassefahrzeugs visualisiert das Problem hinter der Fragestellung.

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Abb. 1: Wie hoch wird wohl die Zufriedenheit des Autofahrers sein, wenn er in diesem Cockpit versucht, die Klimaanlage auszuschalten? (Quelle: denk creative / Shutterstock.com)

Nach alter deutscher Ingenieurskunst wurde zwar jeder möglichen Funktion ein Taster verpasst, leider aber zu Lasten der Übersichtlichkeit und einfachen Bedienbarkeit.

Anders das Bedienkonzept eines amerikanischen Oberklassefahrzeugs:

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Abb. 2: Hier lässt sich sehr intuitiv die gewünschte Funktion finden – ohne eine überfrachtete Mittelkonsole zu haben (Quelle: Kaspars Grinvalds / Shutterstock.com)

Design Thinking

Worum es hier im Grunde geht, ist „Design Thinking“. Also die Überlegung, in welchem Umfang das Design der gewünschten Bedienung und Funktion folgen muss. Das Team bei Tesla hat nicht für jede mögliche Funktion einen Knopf definiert, sondern den Bedarf des Anwenders unterschiedlichste Funktionen zu bedienen, sowie den jeweiligen Prozess in den Vordergrund gestellt und das Design der verschiedenen Bedienelemente davon abgeleitet.

Was in der Automobilindustrie noch als revolutionär wahrgenommen wird, ist in der Web- und E-Commerce Welt gang und gäbe.

Kommen wir zurück auf die eingangs gestellte Frage, was wichtiger ist: die Anwenderzufriedenheit (User Experience) oder die Art der Bedienung einer Website (User Interface). Bereits jetzt können wir sagen, dass beide Gesichtspunkte für den Erfolg einer Website bzw. eines Onlineshops elementar wichtig sind.

Die Bedienelemente

Zum User Interface gehört ganz klassisch das Design der Website, also zum Beispiel das Aussehen der Bedienelemente wie Navigation, Buttons oder Links sowie die Darstellung der Elemente während einer User-Interaktion (Mouseover-Zustände).

Einer der wichtigsten Faktoren beim UI-Design ist die Überlegung, wie die Zielgruppe erreicht werden soll. Entscheidende Einflussfaktoren können bereits simple Aspekte wie Schriftgröße, Begriffe in der Navigation oder auch Farben sein.

Mit A/B Testing konnte beispielsweise herausgefunden werden, dass die Änderung eines Buttons mit fünf Worten, wie „Hier klicken für weitere Informationen“ in eine Beschriftung mit nur einem Wort, wie „Mehr“ die durchschnittliche Besuchszeit verdreifachen konnte.

Mutmaßlich da bei der simplen Bezeichnung wie „Mehr“ die Neugierde beim Anwender geweckt wird. Wohingegen die Beschriftung „Hier klicken für weitere Informationen“ zu viel Text darstellt und gar nicht gelesen wird.

Ein farblich ansprechender Call-To-Action-Button, der sich optimaler Weise von anderen nicht so wichtigen Klickelementen abhebt, kann zusätzlich zu einem Klick beitragen.

Vor allem ist ein konsistentes UI wichtig, um die User nicht zu verwirren.

Ein User Interface befasst sich natürlich auch mit der mobilen Umsetzung einer Website und deren Ansicht auf verschiedenen Geräten mit unterschiedlichen Displaygrößen und deren Bedienbarkeit (Responsive Design). In diesem Zusammenhang muss immer die Schriftgröße und Darstellung bestimmter Elemente überdacht werden. Teilweise kann es sogar von Vorteil sein, bestimmte Elemente auszublenden, da sie mobil nicht relevant sind. Außerdem sollte man sich über die Bedienbarkeit mittels Touch, Sprache, Gamepad oder Maus Gedanken machen und entscheiden, ob diese Eingabemethoden sinnvoll sind.

Der Gesamteindruck

Die User Experience befasst sich im Grunde mit der Frage, wie zufrieden ein Anwender bei dem Besuch und der Nutzung einer Website ist. Ob also alle seine Erwartungen erfüllt werden und welche Wahrnehmungen und Reaktionen vor, während und nach der Nutzung auftreten.

Bei der Konzeptionierung einer Website sollte genau diese Anwenderzufriedenheit über alle Bereiche hinweg im Vordergrund stehen – erst recht bei einer E-Commerce Plattform.

Denn in der Regel schließt nur ein begeisterter – oder zumindest zufriedener – Anwender einen Kauf ab, was an einer hohen Conversion-Rate erkennbar ist.

Sehr wichtig dabei ist natürlich eine leichte Bedienbarkeit des Shops. Elemente wie die Suche müssen nicht nur sinnvoll platziert und gestaltet sein, sondern vor allem gute Suchergebnisse liefern, die zum Kaufabschluss führen. Auch Zusatzfunktionalitäten, die den Anwender bei der Kaufentscheidung unterstützen und damit den Kauf erleichtern wie z. B. eine Größentabelle beim Kleiderkauf, müssen leicht erreichbar sein.

Genau wie bei einem schlecht gemachten User Interface, kann die schlechte Usability eines Shops auch schon durch Kleinigkeiten den Anwender schnell frustrieren, was zu unerwünschten Kaufabbrüchen führen kann. Ist der Anwender etwa nach der Kaufentscheidung im Warenkorb angelangt, fehlt in vielen Onlineshops jedoch die Möglichkeit, den Warenkorb wieder zu verlassen, um den Einkauf fortzusetzen. Ein „weiter einkaufen“-Button genügt, ermöglicht er doch das Verlassen des Warenkorbs, ohne dem Anwender das Gefühl zu geben, den Kauf abbrechen zu müssen.

Wie beim UI-Design steht idealerweise auch beim UX die Frage, welche Zielgruppe die Website bedienen soll, an erster Stelle. Nur wenn die Gruppe der Anwender bekannt ist, machen Überlegungen über welche Merkmale und Funktionen die Website verfügen muss, um diese Gruppe von Anwendern zu begeistern, Sinn.

Mathematisch gesehen, gilt dabei folgende Formel: Zufriedenheit = Erleben – Erwarten

Erlebt also ein Anwender bei der Bedienung einer Website weniger als er erwartet, ist die Zufriedenheit negativ, sprich er ist unzufrieden.

Zur Trennung von UI und UX

Bei der getrennten Betrachtung von UX- und UI-Aspekten geht es also nicht um einen Trend, sondern um ein zwingend notwendiges Vorgehen, wenn es um den langfristigen Erfolg einer Website geht.

Im Rahmen der Konzeption muss sich demnach ein Team um die Zielgruppe und User Experience Gedanken machen, während parallel ein zweites Team über ein ansprechendes und intuitives User Interface nachdenkt, wobei sich beide Teams stets austauschen müssen. Denn wir haben gesehen, dass eine Website, eine E-Commerce Plattform oder auch ein Produkt immer nur dann gut funktionieren, wenn das Interface und das Nutzererlebnis miteinander kombiniert werden und aufeinander abgestimmt sind.

Beim unserem obigen Beispiel des Kompaktklassefahrzeugs wurde anscheinend weder auf die intuitive Bedienung über das User Interface geachtet, noch auf die User Experience Wert gelegt. Bei dem Tesla-Modell geht beides hervorragend zusammen.

Deswegen sollten laut Rahul Varshney (Co-creator of Foster.fm) UX und UI stets zusammengebracht werden:

User Experience (UX) and User Interface (UI) are some of the most confused and misused terms in our field. A UI without UX is like a painter slapping paint onto canvas without thought; while UX without UI is like the frame of a sculpture with no paper mache on it. A great product experience starts with UX followed by UI. Both are essential for the product’s success.

 

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