Feedback ist wichtig, gutes Feedback wichtiger

Warum Webdesigner Mentoren brauchen
2 Kommentare

An den großen Kunstschulen gibt es ein Ritual namens „the Crit“. Der begabte Nachwuchs muss seine Kunstwerke vor einer Gruppe aus Experten und Mitschülern präsentieren, die dann Feedback geben. Die Technik, die Originalität, alles kommt auf den Prüfstand. Das kann zur Zerreißprobe für die Nerven werden, aber auch sehr hilfreich sein. Auch Webdesigner und Entwickler bekommen im Rahmen ihrer Ausbildung ständig Feedback. Aber was ist, wenn das Studium vorbei ist? Gerade in der Webentwicklung und dem Design ist der Lernprozess junger Absolventen mit der Ausbildung noch lange nicht beendet.

Gutes Feedback ist wichtig, um sich stetig verbessern zu können. Im Arbeitsalltag kommt das allerdings oft zu kurz. Die Vorgesetzten haben eigentlich gar keine Zeit für eine ausführliche Rückmeldung, die Kollegen arbeiten vielleicht an anderen Projektteilen und können die Leistung gar nicht so genau beurteilen. Und am Ende ist ja auch fraglich, wessen Aufgabe es überhaupt ist, Feedback zu geben. Gutes Feedback ist nämlich mehr als ein kurzes „war okay“.

Kritik ist nicht gleich Kritik

Konstruktiv zu kritisieren ist gar nicht so einfach. Wer sich selbst in seiner Expertise nicht allzu sicher ist, wird eher verhaltene Kritik üben. Wer sich zu sicher ist, wirkt vielleicht überheblich. Beides hilft jedoch gerade Anfängern nicht. Falsches Feedback kann großen Schaden anrichten.

Das Problem ist auch aus dem eingangs genannten Ritual der Kunstschulen bekannt. Läuft ein „Crit“ nicht gut, verliert der Aspirant am Ende vielleicht das Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten und ist künftig in der Ausübung seiner Kunstform gehemmt, entwickelt Ängste. Es soll sogar Fälle gegeben haben, in denen eine solche Veranstaltung zum Abbruch der ganzen Ausbildung führte.

So geht es besser

Darum ist wichtig, richtig zu kritisieren, und zwar nicht nur an Kunstschulen. Zu einem guten Feedback gehört es, persönliche Sichtweisen klar von objektiven Fehlern zu trennen; auch die Ausdrucksweise des Kritikers ist dabei von Bedeutung. Wer sich auf eine persönliche Ebene begibt, kann leicht ungewollt verletzend werden. Das führt jedoch nur zu einer Abwehrreaktion des Kritisierten, statt in einen offenen, produktiven Austausch. Kritik sollte immer wohlwollend formuliert werden.

Kritiker dürfen außerdem nicht vergessen, dass Feedback nicht nur aus negativen Aspekten besteht. Im Arbeitsalltag kommt es oft genug vor, dass gute Leistungen als selbstverständlich betrachtet werden und unter den Tisch fallen. Wer aber gezielt um Feedback gebeten wird, sollte sich auch dazu äußern können. Es ist ja auch wirklich (so gut wie) nie alles nur schlecht! So entsteht eine angenehme Atmosphäre, die eine gute Grundlage für konstruktive Verbesserungsvorschläge bildet.

Kritik sollte außerdem immer zeitnah zu einem Projekt gegeben werden. Wer weiß schon, was er vor einem halben Jahr genau gemacht hat? Auch hilft es, wenn Kritik nicht zu vorsichtig formuliert wird. Natürlich sollte die Ausdrucksweise nicht verletzend sein; wo genau nun das Problem liegt, muss aber klar erkennbar sein.

Mentoren als Helfer auf dem Karriereweg

Webdesigner sind Künstler, auch wenn ihre Kunstform digital ist und ihre Ausbildung keine „Crits“ umfasst. Das Ritual hat jedoch an den Kunstschulen durchaus seinen Sinn: Viele jungen Künstler profitieren sehr von der Kritik und finden dadurch oft sogar Mentoren, deren Meinung für ihre Arbeit besonders hilfreich ist; so können Verbindungen entstehen, die über das Studium hinaus bestehen bleiben.

Solche Mentoren können auch Web-Entwicklern und –Designern dabei helfen, ihre Fähigkeiten zu verbessern. Es ist jedoch häufig schwierig, den richtigen Mentor zu finden. Feedback ist in Zeiten des Internets nämlich erst einmal leicht zu bekommen; fundierte Meinungen von Experten lassen sich aber nicht so leicht kriegen. Große Foren und Communitys bilden trotzdem eine gute erste Anlaufstelle für Rückmeldungen zu den eigenen Werken.

Das Web als Kritik-Falle

Während an Kunstschulen jedoch jeder Schüler seine Mitschüler kennt, und deren Meinungen dadurch einschätzen kann, fehlt es daran im Web oft. Ein Blick in die Werke eines Kritikers kann dabei helfen, dessen Meinung in einen Kontext zu stellen. Problematisch ist allerdings bei diesem Weg des Feedbacks auch, dass das Web oft als Plattform zum Ausleben von Aggressionen missverstanden wird. Die Grenze zwischen ernsthafter, negativer Kritik und böswilligen Äußerungen kann schwer zu ziehen sein, gerade wenn es um etwas subjektives wie das Design geht.

Sinnvoller kann es hier sein, einzelne User großer Communitys anzuschreiben und um Rückmeldungen zu bitten. Designer, die selbst noch ganz am Anfang ihrer Karriere stehen, sind dabei oft hilfsbereiter, verfügen aber gleichzeitig selbst über wenig Erfahrung. Der Austausch kann trotzdem sinnvoll sein – besser sind aber diejenigen geeignet, die sich in der Szene bereits einen Namen gemacht haben. Zumindest dann, wenn sie auch noch die Regeln des guten Feedbacks beherrschen.

Open-Source-Projekte für gute Kritik nutzen

Gelingt es, auf diesem Weg einen erfahrenen Designer oder Entwickler als Mentor zu gewinnen, kann das ein großer Vorteil für die weitere Karriere sein. Alternativ kann aber auch die Mitarbeit an Open-Source-Projekten dabei helfen, gutes Feedback zu erhalten. Hier arbeiten immer gleichzeitig einige Anfänger als auch fortgeschrittene Entwickler und Designer an einem Projekt zusammen. Dadurch, dass die eigene Arbeit dem gleichen Projekt zugute kommt, an dem auch der potenzielle Mentor arbeitet, sind diese oft motivierter, sich Zeit für Anfänger zu nehmen.

Im Rahmen von Open-Source-Projekten werden außerdem immer auch unfertige Arbeiten bewertet. Das ist etwas, was viele Designer ansonsten eher scheuen; sie möchten harte Kritik vermeiden und zeigen darum nur die allerbesten ihrer Leistungen vor. Der Rest fällt unter den Tisch. Doch gerade aus den Vorstufen, den verworfenen Entwürfen und Zwischenschritten  kann sich viel hilfreiches Feedback ergeben – beispielsweise dazu, dass es gar nicht nötig ist, alles bis zur Perfektion auszuarbeiten oder dazu, wie sich ein Arbeitsprozess verbessern lässt.

Online-Kurse mit Mentoren

Einen weiteren Weg um an gutes Feedback zu kommen und einen Mentor zu finden, stellen bezahlte Mentorenprogramme dar. Diese sind häufig an bestimmte Online-Kurse gebunden, die der Schüler dann mit Hilfe eines Mentors absolviert. Das ist natürlich einer der besten Wege, die eigenen Fähigkeiten zu verbessern.

DesignLab bietet solche Onlinekurse für Webdesigner an, die optional von Mentoren begleitet werden. Ximena Vengoecha, einer der dortigen Mentoren, berichtet, dass die Kursteilnehmer im Durchschnitt nur 35 Prozent des Lehrmaterials eines Kurses bearbeiten, wenn sie auf die Unterstützung eines Mentors verzichten. Nehmen sie diesen Service in Anspruch, liegt die Quote bei 84 Prozent. Diese Zahlen sprechen klar dafür, dass Mentoren einen großen Einfluss auf den Lernerfolg haben.

Vorteile für die Mentoren

Der Ansatz des Mentoring hat allerdings nicht nur für die Studenten Vorteile; auch die Mentoren selbst profitieren davon. Jeder wird das aus der Schulzeit kennen: Wer anderen etwas erklären kann, hat es wirklich verstanden und muss sich keine Sorgen um die nächste Prüfung machen.

Nun geht es natürlich im Arbeitsleben nicht mehr um Prüfungen – das eigene Wissen noch einmal bewusst hervorzuholen, um es im Rahmen eines Mentorenprogramms zu vermitteln, hilft aber trotzdem dabei, fit auf dem eigenen Gebiet zu bleiben. Durch die Bewertung der Arbeit anderer sowie die Beantwortung von Fragen kann das eigene Spezialgebiet noch einmal aus einer ganz anderen Richtung betrachtet werden. Dadurch ergeben sich neue Perspektiven und Ideen.

Neues Lernen

Wer schon lange in der Berufspraxis angekommen ist, kann außerdem häufig auch selbst etwas im Rahmen einer Mentorenschaft lernen. Neue Ansätze und Strömungen der eigenen Fachrichtungen sind der jungen Generation unter Umständen geläufiger als den alten Hasen. Darüber hinaus kann es aber auch einfach Freude bereiten, einen jungen Kollegen beim Einstieg in die Berufswelt zu begleiten. Und manchmal entstehen so auch gleich Netzwerke, die später allen Beteiligten nutzen. Wer  heute als Anfänger einen Mentor sucht, könnte in wenigen Jahren ja bereits selbst zur Elite gehören.

Nicht jeder Entwickler oder Designer benötigt einen Mentor, um vorwärts zu kommen. Wichtig ist jedoch für jeden, der in einer kreativen Branche arbeitet, dass er sich immer wieder Feedback geben lässt. Seine eigene Arbeit kann nämlich niemand objektiv beurteilen. Von wem diese Rückmeldung dann aber kommt, ist natürlich absolut von den persönlichen Vorlieben abhängig. Aber eigentlich spricht auch wenig dagegen, sich einmal nach einem Mentor umzusehen oder selbst als solcher zu fungieren.

webinale 2019

A year with Progressive Web Apps

mit Antonio Peric-Mazar (Locastic)

SEO 2019: Wie man in einem kompetitiven Markt wächst

mit Matthäus Michalik (Claneo GmbH)

Aufmacherbild: positive feedback concept von Shutterstock / Urheberrecht: StockPhotosLV

Unsere Redaktion empfiehlt:

Relevante Beiträge

Hinterlasse einen Kommentar

2 Kommentare auf "Warum Webdesigner Mentoren brauchen"

avatar
400
  Subscribe  
Benachrichtige mich zu:
trackback

[…] sich gut in einer Programmiersprache auskennt, kann außerdem selbst Fragen beantworten oder zum Mentor für Anfänger werden. Auch das stärkt die eigenen Fähigkeiten – See one, Do one, Teach one, wie es im […]

trackback

[…] sich gut in einer Programmiersprache auskennt, kann außerdem selbst Fragen beantworten oder zum Mentor für Anfänger werden. Auch das stärkt die eigenen Fähigkeiten – See one, Do one, Teach one, wie es im […]

X
- Gib Deinen Standort ein -
- or -