Visual Studio-MVP Sven Hubert im Gespräch
Kommentare

Das neue Visual Studio 2010 enthält zahlreiche Neuerungen in fast allen Bereichen. Aber sind sie auch wirklich alle hilfreich und erleichtern sie die tägliche Arbeit der Entwickler? Wir haben mit Sven

Das neue Visual Studio 2010 enthält zahlreiche Neuerungen in fast allen Bereichen. Aber sind sie auch wirklich alle hilfreich und erleichtern sie die tägliche Arbeit der Entwickler? Wir haben mit Sven Hubert, Microsoft Most Valuable Professional (MVP) für Visual Studio darüber gesprochen.

dotnet.de: Herr Hubert, Ihnen wurde vor wenigen Tagen Visual Studio MVP-Titel verliehen, mit denen Microsoft besondere Verdienste um die Community ehrt. Was sind für Sie die wichtigsten Verbesserungen in Visual Studio 2010?

Sven Hubert: Visual Studio 2010 umfasst nicht nur das Entwicklungswerkzeug zum Erstellen von Code. Mit der neuen Version wurden ebenfalls Team Foundation Server 2010 und .NET 4.0 freigegeben. Damit steht eine ganzheitliche Entwicklungsplattform bereit, die vom kleinen Community-Projekt bis zum internationalen Konzern skaliert und damit kleinen wie großen Teams hilft Qualität und Produktivität in der Software-Entwicklung zu steigern. Den Team Foundation Server kann man in der Basic-Variante auf einem Entwicklungsrechner innerhalb einer halben Stunde installieren und so von Bug-Tracking und Versionsverwaltung in kleinen Teams profitieren. Wächst das Team, kann ohne weiteres auf ein Server-System oder gar eine Server-Farm umgezogen werden. Entsprechend kann TFS 2010 auch den Anforderungen eines Konzerns mit mehreren 1000 Nutzern standhalten. Die neuen Funktionen des Team Foundation Servers können sich jedenfalls sehen lassen. Angefangen bei der visuellen Verfolgung von Code-Änderungen innerhalb der Branch-Hierarchie über die Verwaltung virtuellen Testumgebungen, hierarchische Work Items bis zum unternehmensweiten Build-Workflow sind alle Aspekte in einer Datenbank integriert und stehen zudem über ein zentrales Berichtswesen zur Auswertung bereit. Für Projekte in denen Architekten und fachliche Tester vertreten sind, bietet Visual Studio in den höheren Editionen interessante Möglichkeiten. UML-Modellierung, Reverse-Engineering, automatisierbare Oberflächentests, Lasttests sowie Testverwaltung und manuelle Testausführung, um Beispiele zu nennen. Zudem werden Architekturvalidierung und Anforderungsmanagement integriert. Aber auch in der Bedienbarkeit hat Visual Studio zugelegt. Die Oberfläche setzt auf Windows Presentation Foundation und bietet damit zum Beispiel fast grenzenloses Zoomen und allerlei Schmankerl für grafische Editoren an. Viele Kleinigkeiten bei der Nutzerinteraktion wurden bedacht und verbessert, wie zum Beispiel der Referenzdialog, der direkt die Liste der Projekte meiner Solution anzeigt und nicht erst mehrere Sekunden alle .NET-Assemblies zusammensammelt. Code-Snippets lassen sich einfacher erstellen und im Team verteilen. Es gibt noch zahlreiche weitere Neuerungen, darüber könnte man noch Tage referieren.

dotnet.de: Mit Visual Studio 2010 präsentiert Microsoft seine erste große Anwendung, die auf WPF setzt. Zugleich wurde WPF mit dem .NET-Framework 4.0 aufgefrischt. Noch reagieren aber z.B. Visual Basic-Entwickler zurückhaltend. Woran liegt das?

Sven Hubert: Ich denke, dass das nicht nur ein Phänomen in der Visual Basic-Entwicklergemeinschaft ist. Visual Basic-Entwickler haben aber meist einen anderen Hintergrund als viele C#-Entwickler, die aus der C++ und MFC-Welt kommen. Da ist die Einarbeitung in das vollständig objektorientierte .NET schon eine größere Hürde. Wenn dann noch neue Oberflächentechnologien ins Spiel kommen, deren Paradigmen den bislang Bekannten nicht entsprechen, steht man plötzlich vor einem riesigen unbekannten Berg. Wir kennen das aus unseren Trainings, Architektur-Workshops und Entwicklungsprojekten in denen wir zusammen mit den Entwicklern des Kunden bestehende Lösungen um neue Funktionen erweitern bzw. durch neue Systeme ablösen – natürlich auf Basis der aktuellen Microsoft-Technologien.

Da WPF viele Freiheitsgrade für die Umsetzung lässt, ist gerade der Anfang – die Definition der Grundstruktur der Oberfläche und die unterliegende Architektur – eine Herausforderung, bei der man dann gerne auf externe Hilfe und bekannte Ansätze wie das Model-View-ViewModel-Pattern zurückgreift. Zudem ist das Thema Usability und UI-Design nicht unbedingt das Schwerpunktthema eines Entwicklers. Um den Ansprüchen an Bedienoberflächen moderner Applikationen gerecht zu werden, sollte ein gemischtes Team aus Architekten, Designern und Entwicklern mit der Entwicklung betraut werden. Wir haben das Ende der Neunziger mit dem Aufkommen des Internets und HTML gesehen. Damals wurden alle Möglichkeiten für blinkende, neonfarbige Lauftexte ausgereizt. Mittlerweile werden Webauftritte durch professionelle Designer und Entwickler erstellt. In der Visual Studio-Produktfamilie stehen mit der Expression-Serie mächtige Tools für Designer zur Verfügung, die sich nahtlos in Prototyping und Produktentwicklung einreihen. Wir sehen aber auch, dass auf Produktmanagement und Tester komplexere Aufgaben bei Produktdefinition bzw. Verifikation zukommen. Bedienabläufe müssen genauer definiert und in Form von Prototypen evaluiert werden. Tester müssen und können die Oberfläche früher und umfangreicher testen. Die neuen Funktionen für Oberflächentests von Visual Studio Test Professional und Visual Studio Premium bieten hierfür Möglichkeiten der Automatisierung. Die durch WPF bedingten Freiheitsgrade bei der Oberflächendefinition stellen also nicht nur die Entwickler vor neue Herausforderungen.

dotnet.de: In der Vergangenheit gestaltete sich die SharePoint-Entwicklung mit Visual Studio aufgrund mangelnder Unterstützung als schwierig. Ist mit VS 2010 die SharePoint-Entwicklung aus Ihrer Sicht nun leichter geworden?

Sven Hubert: Entwickler wissen sich immer zu helfen und so entstanden zahlreiche Community-Projekte zur Sharepoint-Entwicklung. Microsoft hat mit Visual Studio 2010 viele dieser Ideen aufgegriffen und direkt ins Produkt gebracht. Neben den nützlichen Projektvorlagen für verschiedenste Sharepoint-Aspekte wie zum Beispiel Web Parts oder Workflows, bietet Visual Studio Funktionen, um bestehende Lösungen für die weitere Entwicklung zu importieren. Mit den Sharepoint-Erweiterungen im Server Explorer und dem neuen Feature Designer bekommt der Entwickler visuelle Werkzeuge an die Hand, die ihm helfen schneller Informationen einzusehen sowie Ergebnisse bereitzustellen. Ebenfalls vereinfacht wurden Build und Deployment. Nach dem Build kann ein Web Part direkt aus dem Visual Studio heraus auf dem Server bereitgestellt werden.

dotnet.de: Mit Visual Studio 2010 sind auch eine Reihe von anderen Features veröffentlicht worden, wie etwa die Version 2.0 der funktionalen Programmiersprache F# – wird diese Ihrer Meinung nach in Zukunft weiterhin an Bedeutung gewinnen?

Sven Hubert: Funktionale Programmiersprachen werden sicher an Bedeutung gewinnen, nur muss man genauer differenzieren, wo die Anwendungsfelder für derartige Paradigmen liegen. Eine Ablösung der objektorientierten Programmierung durch funktionale Sprachen ist nicht zu erwarten. Wir werden Sprachen wie F# verstärkt für Prototypen sowie im Bereich der dynamischen Konfiguration und für Erweiterungen und nutzerspezifische Anpassungen von Applikationen sehen. In einzelnen Domänen wie der Web-Entwicklung werden funktionale Programmiersprachen aber sicher eine wesentliche Rolle spielen. Auch hier gilt es, vor dem Einsatz in der Breite genau hinzuschauen um von den Vorteilen beider Welten – Objektorientierung und funktionaler Programmierung – zu profitieren.

dotnet.de: In aller Kürze: Was müssen Visual Studio-Nutzer beim Umstieg auf Visual Studio 2010 besonders beachten?

Sven Hubert: Für die Nutzer wird es positive Änderungen in der Bedienung geben. Beim Umzug von Projekten aus früheren Visual Studio Versionen ist vor allem auf den Build zu achten, denn mit dem neuen Visual Studio kommt ebenfalls eine neue Version des .NET-Framework – 4.0. Man muss sich entscheiden, ob die Projekte gegen das neue Framework gebaut werden sollen oder ob per Konfiguration weiterhin frühere .NET-Versionen verwendet werden sollen. Hier sollte man sich die Änderungen von .NET 4.0 im Hinblick auf Framework und Common Language Runtime näher anschauen bevor man das Vorgehen zur Umstellung festlegt. Im C++ Umfeld, kann nun auch MSBuild als vollständige Buildumgebgung eingesetzt werden. Bei stark angepassten Bestandsprojekten kann das ebenfalls einen höheren Migrationsaufwand bedeuten. Ein weiterer, umfangreicherer Aspekt ist die Umstellung auf die neue Version des Team Foundation Server. Hier kommen Aspekte wie Infrastruktur, Build-Umgebung, Prozessanpassung usw. in Betracht.

dotnet.de: Herr Hubert, vielen Dank für das Gespräch!

Sven Hubert ist Senior Software Consultant, MVP (Microsoft Most Valuable Professional) für das Visual Studio 2010 und Projektleiter bei der AIT AG. Er hat sich agilen Prozessen wie z.B. Scrum verschrieben.

Unsere Redaktion empfiehlt:

Relevante Beiträge

Meinungen zu diesem Beitrag

X
- Gib Deinen Standort ein -
- or -