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Ist Konformitätsstufe A ausreichend?
Nach WCAG 2.0 können Anbieter – sofern natürlich gesetzlich oder vertraglich keine anderen Bedingungen bestehen – die Konformitätsstufe selber festlegen. Dennoch:

Ist Konformitätsstufe A ausreichend?

Nach WCAG 2.0 können Anbieter – sofern natürlich gesetzlich oder vertraglich keine anderen Bedingungen bestehen – die Konformitätsstufe selber festlegen. Dennoch: Lassen Sie es nicht bei Stufe A bewenden! Sofern Nutzer nicht aus Spaß oder zur Übung eigene Styles oder Scripts für Webseiten oder gar ganze Websites schreiben, sondern Userstyles und -scripts, Browser- oder Systemeinstellungen verwenden müssen, reden wir über einen notwendigen Einsatz assistiver Techniken. Diese assistiven Techniken, z. B. der Einsatz eines Stils für den sichtbaren Fokus, führen zwangsläufig dazu, dass auf Original-Layouts verzichtet werden muss und die User Experience eine andere ist bzw. der Zugang zu den Inhalten nicht mehr gleichwertig ist.

Gerade für Anbieter sollte es interessant sein, die Webseiten möglichst vielen Menschen und auf möglichst gleichwertige Art und Weise zur Verfügung zu stellen. Nebenbei profitieren von einem sichtbaren Fokus alle Tastaturbenutzer und von deutlichen Kontrastverhältnissen nicht nur Menschen mit Sehschwächen, sondern und abhängig von den Lichtverhältnissen auch Nutzer mobiler Endgeräte.

Die Eingangsfrage lässt sich also so beantworten: Das Setzen auf Konformitätsstufe A ist nach WCAG 2.0 zwar möglich, sollte jedoch nicht als ausreichend angesehen werden. Mithin setzen die Länder, die die WCAG 2.0 in nationale Gesetzgebungen übernommen haben, auf Konformitätsstufe AA und auch in den Dokumententwürfen des Mandats 376 für Ausschreibungen im ICT-Bereich wurde Stufe AA als Maßstab festgelegt.

Konformitätsstufe AAA – ein unerreichbares Ideal?!

Aspekte der Barrierefreiheit der Konformitätsstufe AAA werden oft als „(nicht erreichbares) Ideal“ bezeichnet; andere wiederum können leicht realisiert werden. Zu den komplexesten und in der Umsetzung schwierigsten Aspekten gehört die Verständlichkeit von Texten. Sie macht beim Auflösen von Abkürzungen (EK 3.1.4) und dem Verzichten auf oder Erläutern von ungewöhnlichen Wörter (EK 3.1.3) noch nicht halt. Je mehr Autoren beteiligt sind, desto mehr Personen müssen sich von manch liebgewordener Schreibweise trennen. In unserer kompositafreudigen Sprache betrifft dies lange Begriffe und Wörter, die von Schopenhauer als Wortdreimaster und von Mark Twain als „Prozessionen aller Buchstaben des Alphabets“ bezeichnet wurden. Nun hatten beide den Vorteil, dass sie die Wörter oder Begriffe zumindest verstanden. Für Menschen mit Lernschwierigkeiten hingegen ist eine komplizierte Sprache sozusagen eine Art Fremdsprache, und wer sich jemals mit dem Amtsdeutsch beschäftigt hat, wird, was diese Textsorte angeht, hier einstimmen können.

Viele weitere Aspekte der Verständlichkeit von Texten nach WCAG 2.0 spielen nicht nur im Web eine Rolle, sondern gehören zum Repertoire der so genannten „Kontrollierten Sprache“ in der Technischen Dokumentation und allgemein zu Empfehlungen für verständlichere Texte.

Wann sind die Konformitätsstufen erfüllt?

Im Unterschied zur deutschen Barrierefreien Informationstechnik 2.0 (BITV 2.0) geben die WCAG 2.0 in Konformitätsbedingung 1 klare Vorgaben, wann eine Konformitätsstufe (Conformance Level) erfüllt ist:

  • Eine Webseite hat Konformitätsstufe A erreicht, wenn alle Erfolgskriterien dieser Stufe vollständig erfüllt sind oder eine konforme alternative Version zur Verfügung steht.
  • Eine Webseite hat Konformitätsstufe AA erreicht, wenn alle Erfolgskriterien der Stufen A und AA vollständig erfüllt sind oder eine konforme alternative Version zur steht.
  • Eine Webseite hat Konformitätsstufe AAA erreicht, wenn alle Erfolgskriterien der Stufen A, AA, AA vollständig erfüllt sind oder eine konforme alternative Version zur steht.

Die WCAG 2.0 folgen also dem Prinzip „ein bisschen schwanger gibt es nicht“, wobei sich klar auf Einzelseiten bezogen wird. Die konforme, alternative Version sieht auf den ersten Blick wie ein Schlupfloch aus. Gemeint ist hier jedoch nicht eine schnöde Textversion für eine gesamte Website – auch dann nicht, wenn sie als so genannte „barrierefreie Version“ daherkommt. Alternative Versionen sind u. a. für folgende und durchaus realistische Szenarien gedacht:

  • Historische Dokumente, z. B. Briefwechsel: Eine akzeptable, alternative Version wäre eine ergänzende Fassung dieser zumeist grafisch vorhandenen Dokumente als Text.
  • Diagramme: Sie visualisieren komplexe Daten und machen diese verständlicher; eine alternative Version für blinde Nutzer wäre eine zusätzliche Aufbereitung der Daten in Form einer Datentabelle, die auf einer separaten Seite oder der gleichen Seite zur Verfügung gestellt wird.

Neben weiteren Aspekten wie gleiche Informationen und Funktionen müssen alternative Versionen selber die Erfolgskriterien der gewählten Konformitätsstufe erfüllen. Wären die Texte einer alternativen Version nicht kontrastreich genug, dann könnte noch Konformitätsstufe A erfüllt sein, aber nicht mehr AA. Wäre der Aufbau der Datentabelle nicht standardkonform, dann wäre Erfolgskriterium 1.3.1 nicht erfüllt und damit Konformitätsstufe A ebenfalls nicht vollständig.

Dass Techniken so eingesetzt werden sollen, dass sie nicht stören, versteht sich von selber. Und: Wer hat sich nicht schon über automatisch ablaufende Musik oder Videos geärgert? Für blinde Nutzer sind solche „Spielereien“ nicht nur ärgerlich, sondern stören die Sprachausgabe und das Lesen der eigentlichen Inhalte.

Nun geben die WCAG 2.0 nur Evaluierungskriterien für Webseiten und Prozesse vor. Bei einzelnen Webseiten muss jedes Erfolgskriterium der gewählten Konformitätsstufe erfüllt sein und bei Prozessen (z. B. Bestellungen in Online Shops) jedes Erfolgskriterium der gewählten Konformitätsstufe auf jeder Seite, die Teil des Prozesses ist. Was aber bedeutet das für die formale Attestierung der Barrierefreiheit von Websites, und welche Konsequenzen lassen sich generell für eine WCAG-2.0-Testmethode ableiten? Mit dieser Frage beschäftigt sich die „Evaluation and Methodology Task Force“, einer Untergruppe der WCAG Working Group. Die knapp 30 Experten diskutieren und erarbeiten seit August 2011 die WCAG Evaluation Methodology (WCAG-EM), eine Methode für das Prüfen von Barrierefreiheit nach WCAG 2.0.


Themen der folgenden Seiten

  • Ist Konformitätsstufe A ausreichend?
  • Die Techniken – ein Quell von Missverständnissen
  • Ein einfaches Beispiel
  • Verstehen, was man tut
  • Die Senioren werden’s richten
  • Ausschreibungen und Verträge
  • Unterschiede zwischen WCAG 2.0 und BITV 2.0
  • Was ist mit PDF?
  • Ausblick
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