Web Content Accessibility Guidelines umsetzen
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Die Senioren werden’s richten
Warum überhaupt Barrierefreiheit, geht’s da nicht um Randgruppen? Dieses Vorurteil ist sozusagen unkaputtbar. Zwar sind viele der derzeit immerhin ca. 10 Millionen Menschen

Die Senioren werden’s richten

Warum überhaupt Barrierefreiheit, geht’s da nicht um Randgruppen? Dieses Vorurteil ist sozusagen unkaputtbar. Zwar sind viele der derzeit immerhin ca. 10 Millionen Menschen mit einer Behinderung ältere Menschen und möglicherweise nicht im Web aktiv. Untersuchungen zeigen aber, dass gerade Menschen mit Behinderung sehr webaffin sind. Aufgrund des demografischen Wandels wird zudem die Zahl der älteren Nutzer generell steigen und gerade, aber nicht nur, Betreiber von Online Shops sollten sich darauf einstellen. Wer sind diese Senioren? Hier denkt man schnell an die, die bereits heute unter Begriffen wie „Silver Surfer“ zusammengefasst werden. In Wahrheit reden wir aber auch über uns. Wer möchte schon gerne in ein paar Jahren auf das Surferleben verzichten, sich ärgern oder für alles und jedes eigene Styles oder Scripts basteln. Bereits ab einem Alter von ca. 45 Jahren gilt: Je älter, desto Strg++. Schön, wenn dann bis zu einer Vergrößerung von 200 Prozent das Layout nicht zusammenbricht und noch alle Texte verfügbar sind, ohne dass sie von anderen Bereichen überlagert werden (EK 1.4.4).

Wenn Sie zu den 8 bis 10 Prozent der Männer mit Rot-Grün-Schwäche gehören, dann wissen Sie sicher bereits jetzt eine Informationsvermittlung nicht nur über Farbe zu schätzen – auch, wenn es nicht nur um den Klassiker „Drücken Sie den grünen Button, nicht den roten“ geht. Sollten Sie über 35 sein, dann fallen Ihnen vielleicht bereits jetzt erste Veränderungen in der Farbwahrnehmung auf [8].

Ausschreibungen und Verträge

Falls Sie denken: „Barrierefreiheit betrifft mich trotzdem nicht“, dann könnte die EU Sie mit den oben bereits erwähnten „European Accessibility Requirements for Public Procurement of Products and Services in the ICT Domain“ des Mandats 376 eines Besseren belehren.

Ein leider oft vernachlässigter Aspekt folgt nach dem Gewinn einer Ausschreibung: Das Verfassen von Verträgen. Weder als Entwickler oder Agentur noch als Auftraggeber sollten Sie Ihre jeweiligen Vertragspartner im Unklaren lassen. Nicht geeignet sind solche Formulierungen: „Das Webangebot/die Applikation soll barrierefrei sein“ oder „Wesentliche Aspekte der Barrierefreiheit müssen erfüllt sein“. Die vermeintliche Freiheit kann sich bei Beschwerden schnell ins Gegenteil verkehren. Hier sorgen klare Verträge dafür, dass alle Beteiligten wissen, was zu tun ist und deutlich ist, wer – sofern etwas nicht beachtet wurde – die Rechnung zahlt.

Unterschiede zwischen WCAG 2.0 und BITV 2.0

In Europa klafft eine Lücke zwischen Harmonisierungsbestrebungen der EU und nationalen Gesetzgebungen, denn nicht alle Länder der EU haben die WCAG 2.0 1:1 übernommen. Einen Sonderweg ist Deutschland mit der Barrierefreien Informationstechnik Verordnung 2.0 gegangen. Zu erwarten ist zudem, dass nicht alle Bundesländer die BITV 2.0 1:1 übernehmen werden und damit weitere Fragmentierungen entstehen. Die Folge: Barrierefreiheit bedeutet nicht überall das gleiche. Die BITV 2.0 wartet mit mehreren Unterschieden zu den WCAG 2.0 auf. Der deutlichste ist der Unterschied in der Bewertung des Charakters der Techniken. Nach WCAG 2.0 sind diese – wie oben dargestellt anwendbar und optional – nach BITV 2.0 jedoch „anzuwendende“ Techniken. In der Begründung zur BITV 2.0 heißt es: „Die anzuwendenden Techniken zur Umsetzung der WCAG 2.0 und entsprechend die Techniken zur Umsetzung der Anlage 1 zur BITV 2.0 sind in den „Techniques“ zur WCAG 2.0, einem veränderbaren Dokument, zusammengefasst.“ Hier wird die Zukunft weisen, welche Bedeutung diese Sichtweise für die Webentwicklung in Deutschland hat, denn immerhin befindet sich dieser Passus in der nicht-rechtsverbindlichen Begründung. Entwickeln Sie für die Privatwirtschaft, dann empfiehlt es sich, auf WCAG 2.0 und hier auf die Konformitätsstufe AA zu setzen und damit einen eigenen Beitrag zur Harmonisierung zu setzen.

Was ist mit PDF?

In Sachen PDF hat sich in den letzten Jahren einiges bewegt und wird sich weiter mit dem PDF/UA-Standard bewegen. Mit axesPDF gibt es zumindest für den Fall, dass das Dokument aus Word kommt, ein sehr erfolgversprechendes Tool und mit dem PDF Accessibility Checker ein Prüftwerkzeug, das deutlich besser als die integrierte Prüfung der Adobe Software ist.

Wann ist PDF ein Thema? – Eigentlich immer, denn so lange PDF nicht explizit und ausschließlich für den Druck gedacht ist, wissen Sie nicht, ob es nicht vielleicht doch im Web „landet“. Sobald ein PDF im Web ist, wird es Webcontent und somit Thema für die WCAG 2.0. In diesem Fall muss das PDF natürlich alle Erfolgskriterien der gewählten Stufe erfüllen. Für PDF-Techniken gilt selbstverständlich das Gleiche wie für alle Techniken: Sie sind optional und der PDF-UA-Standard wird weitere Techniken für barrierefreie PDF bieten.

Um nur einen Punkt herauszugreifen: Natürlich empfiehlt es sich in jedem Format auf eine logische Überschriftenstruktur zu achten. Weder die HTML-Spezifikation noch die WCAG 2.0 schreiben jedoch vor, dass es nur eine H1 geben dürfe. Nach PDF/UA dagegen darf die H1 nur einmal verwendet werden. Wenn eine Spezifikation sagt, verwende nur eine Überschrift und verschachtele die Elemente entsprechend der Spezifikation, dann wäre zwar EK 1.3.1 bei einem Dokument, das dem nicht folgt, erfüllt, aber nicht 4.1.1.

Ausblick

Barrierefreiheit ist Webstandard und Qualitätsmerkmal, kann nicht in Phase 2 ausgelagert werden und ist angesichts von weltweit mehr als 450 Mio. Menschen sowie einer alternden Gesellschaft kein Add-on. Wie Sie heute entwickeln, bestimmt wie Sie selber Webinhalte zukünftig vorfinden werden.

Kerstin Probiesch ist seit zehn Jahren beruflich im Bereich der Barrierefreiheit unterwegs. Sie prüft und berät, schult Entwickler und Onlineredakteure und engagiert sich bei den Webkrauts für ein besseres Web. Als Koautorin zeichnet sie sich verantwortlich für das Buch „Barrierefreiheit verstehen und umsetzen“ sowie für zahlreiche Artikel zu verschiedenen Aspekten der Barrierefreiheit im Web. Frau Probiesch ist Invited Expert des W3C und arbeitet in der Evaluation und Methodology Task Force an der Entwicklung einer Testmethode für die WCAG 2.0.
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