WCAG 2.0 verstehen

Web Content Accessibility Guidelines umsetzen
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Die WCAG 2.0 sind für Webentwickler, Screendesigner und Onlineredakteure sowie für Gesetzgeber relevant, aber auch Projektleiter und Entscheider profitieren vom Grundlagenwissen dieses im Dezember 2008 veröffentlichten Webstandards. Im Zuge europäischer Entwicklungen sowie der bevorstehenden Veröffentlichung als ISO-Norm wird ihre Bedeutung in den kommenden Jahren zunehmen. Dieser Beitrag gibt eine Einführung in das Konzept der WCAG 2.0, ihrer Bedeutung im Kontext von Ausschreibungen und erläutert das Zusammenspiel der verschiedenen WCAG-2.0-Teildokumente.

Die Web Content Accessibility Guidelines 2.0 (WCAG 2.0) bilden zusammen mit den Authoring Tools Accessibility Guidelines (ATAG) und den User Agent Accessibility Guidelines (UAAG) sozusagen das Dreigestirn der Standards zur Barrierefreiheit. Dabei sind die UAAG unter anderem an Browser- und Screenreader-Hersteller gerichtet, während die ATAG und die WCAG das Thema „Webinhalte“ aus zwei Perspektiven angehen [1]:

  • Die ATAG zeigen, wie Autorenwerkzeuge, z. B. Content-Management-Systeme, standardkonform und barrierefrei erstellt werden und richten sich damit an Backend-Entwickler [2].
  • Die WCAG 2.0 sind der Webstandard für barrierefreie Webinhalte und umfassen alle Dateien und Dokumente, die Nutzer auf einem Webangebot finden (können) [3].
Aufbau der WCAG 2.0

Richtlinien gehörten zugegebenermaßen noch nie zu den prickelndsten und erbaulichsten aller Themen – selbst dann nicht, wenn ihnen zwei Songs gewidmet sind [4]. Sie erzeugen im harmlosesten Fall Gähnen, werden oft als (unnötig) formalistisch und Hemmschuh oder als papier- oder besser: dateigewordene Spaßverderber angesehen. Haben sie – wie die WCAG 2.0 – dann noch einen stattlichen, gedruckten Umfang von mehreren hundert Seiten, mit einer leider nicht sehr eingängigen Sprache, winken viele schnell ab. Dennoch: Die WCAG 2.0 werden die Webentwicklung der nächsten Jahre begleiten und stehen kurz vor ihrer Anerkennung als ISO/IEC DIS 40500 [5]. Auch im Kontext EU-weiter Ausschreibungen werden sie aufgrund der Arbeit des Mandats 376 an Bedeutung gewinnen [6].

Normativ und informativ – Was ist der Standard?

Die WCAG 2.0 sind in normative und informative Teildokumente aufgeteilt, von denen nur die normativen Dokumente zum eigentlichen Standard gehören. Normativ sind:

  • Prinzipien
  • Richtlinien
  • Glossar
  • Konformitätsbedingungen

Diese Dokumente sind zwar nicht in Stein gemeißelt, aber zumindest bis zu einer neuen Version unveränderlich und normativ. Zwar erfahren die WCAG 2.0 durch die zuständige Arbeitsgruppe des W3C jährliche Updates, davon sind jedoch nur die informativen Dokumente betroffen. Zu ihnen gehören Erklärungen zum Verstehen der Richtlinien und Erfolgskriterien sowie das umfangreiche Technikendokument. Das letzte Update wurde im Dezember 2011 veröffentlicht und enthielt unter anderem Techniken für barrierefreie PDFs sowie überarbeitete und ergänzende Erläuterungen zum Charakter der Techniken.

Verfolgt man die Arbeit der zuständigen Arbeitsgruppe, z. B. über die öffentlich einsehbaren Mailinglistenarchive des W3C, dann dürfen wir uns zum nächsten Update wahrscheinlich über HTML5-Techniken, weitere ARIA-Techniken sowie überarbeitete und neue Techniken für die Barrierefreiheit von PDF freuen. Übrigens ist die Arbeit an den informativen Dokumenten der WCAG 2.0 keine Aufgabe einer geschlossenen Gesellschaft. Fragen, Vorschläge oder auch notwendige Korrekturen können als Public Comments von jedem gestellt, eingereicht und verfolgt werden [7].

Prinzipien, Erfolgskriterien und Konformitätsstufen

Perceivable, Operable, Understandable und Robust (POUR) sind die vier Prinzipien, auf denen die WCAG 2.0 aufsetzt. Zu Deutsch: Wahrnehmbar, bedienbar, verständlich und robust, was in unserer Sprache leider weder ein attraktives noch leicht merkbares Akronym abgibt. Jedem Prinzip sind Richtlinien (Guidelines) zugeordnet, und diesen wiederum Erfolgskriterien, die zu einer der drei Konformitätsstufen A, AA, AAA gehören.

Der Aufbau der Konformitätsstufen zeigt, dass Barrierefreiheit ein Prozess ist: Mit jeder Stufe steigen die Anforderungen und zugleich profitieren mehr Nutzer, was letztlich auch zu einer größeren Reichweite des Webangebots führt. Auf Konformitätsstufe A stehen vor allem Aspekte der Barrierefreiheit, bei denen sich Nutzer nicht selber helfen können. Zwei Beispiele:

  • Werden Alternativtexte für (verlinkte) Grafiken nicht oder falsch verwendet (EK 1.1.1), dann können blinde Nutzer bzw. Hilfsmittel wie Screenreader diese Barrieren nicht selber kompensieren. Zu diesen Barrieren gehören nicht nur grafische Links sondern auch die berühmt-berüchtigten CAPTCHAs – zumindest sofern keine Alternativen in Form von Audio-CAPTCHAs oder einfachen Rechen-CAPTCHAs vorhanden sind.
  • Haben Videos keine Untertitle (EK 1.2.2) bzw. Audiodeskriptionen oder mindestens Alternativen (EK 1.2.3), dann sind gehörlose und schwerhörige bzw. blinde Menschen außen vor und können sich die Informationen nicht mehr selbständig und ohne fremde Hilfe erschließen.

Auch die Tastaturbedienbarkeit (EK 2.1.1) muss bereits auf der niedrigsten Konformitätsstufe A problemlos funktionieren. Einzige Ausnahme ist, „wenn die zugrunde liegende Funktion Eingaben verlangt, die vom Pfad der Bewegung des Benutzers und nicht nur von den Endpunkten abhängig sind.“ [7]. Gleichfalls auf Stufe A muss gewährleistet sein, dass sehende und blinde Tastaturbenutzer nicht vor einer Tastaturfalle stehen (EK 2.1.2). Tastaturfallen gehören zusammen mit Audio-Steuerelement (EK 1.4.2), Grenzwert von dreimaligem Blinken (EK 2.3.1) oder weniger und Pausieren, Beenden, Ausblenden (EK 2.2.2) nicht nur zu Erfolgskriterien der Stufe A sondern außerdem sozusagen zu den K.O.-Kriterien. Selbst wenn eine Webseite jedes andere Erfolgskriterium jeder anderen Stufe erfüllt hätte: Bei einer Tastaturfalle wäre sie nach WCAG 2.0 zu keiner Stufe konform. Auf Konformitätsstufe AA folgen u. a. Erfolgskriterien wie:

  • Sichtbarer Fokus beim Durchtabben einer Seite (EK 2.4.7)
  • Mindestwerte für Kontrastverhältnisse (EK 1.4.3)

Dies vermittelt den Eindruck, als seien Belange sehender Tastaturbenutzer oder sehbehinderter Menschen nach WCAG 2.0 weniger relevant. Schaut man sich diese Aspekte der Barrierefreiheit im Kontext möglicher Browsereinstellungen an, dann wird klar, dass Nutzer nicht „völlig ausgeliefert“ sind, sondern – sei es über Browsereinstellungen, eigene Style Sheets bzw. in Browsererweiterungen gegossene Userstyles und Userscripts – Einfluss nehmen können.


Themen der folgenden Seiten

  • Ist Konformitätsstufe A ausreichend?
  • Konformitätsstufe AAA – ein unerreichbares Ideal?!
  • Wann sind die Konformitätsstufen erfüllt?
  • Die Techniken – ein Quell von Missverständnissen
  • Ein einfaches Beispiel
  • Verstehen, was man tut
  • Die Senioren werden’s richten
  • Ausschreibungen und Verträge
  • Unterschiede zwischen WCAG 2.0 und BITV 2.0
  • Was ist mit PDF?
  • Ausblick
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