Die Coming-of-Age-Story des Webdesigns

Vom Web- zum UX-Design – das Ende der Kreativität?
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Web-Professionals beobachteten von Zeit zu Zeit mit Erstaunen, wie schwer sich manche Industrien damit tun, sich dem herrschenden Digitalisierungsdruck anzupassen. Aber auch das tägliche Arbeiten mit digitalen Medien und Produkten scheint den Blick für einschneidende Veränderungen in der eigenen Branche nicht ausreichend zu schärfen. Auch innerhalb der IT-Branche gibt es das Phänomen der Betriebsblindheit.

Das Web ist jetzt über 25 Jahre alt und hat als relativ junger Industriezweig schon den Aufstieg und Fall unterschiedlichster Branchengrößen erlebt. Kaum ein anderes Medium wandelt sich so rasch und bietet so viele Innovationen und Karrieremöglichkeiten. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch, einem permanenten Anpassungsdruck ausgesetzt zu sein. Wer hier nicht Schritt hält, fällt schnell hinten rüber. Bei all dem Tempo ist es also wenig verwunderlich, dass mancher auf der Strecke bleibt.

Nun soll es auch das Webdesign getroffen haben. Kürzlich verkündete Sergio Nouvel in seinem Artikel „Why Web Design is Dead“ das Ende des klassischen Webdesigns. Seine provokante These stieß auf ebenso viel Resonanz wie Unverständnis und motivierte zu gegenteiligen Stellungsnahmen. Nimmt man Nouvel etwas den Wind aus den Segeln und betrachtet seine Argumente mit nüchternem Blick, ist durchaus etwas dran an seiner Behauptung.

Im Webdesign gibt es kaum noch innovative Neuerungen. Responsive Design ist mittlerweile in die Jahre gekommen und auch Parallax ist mehr Spielerei und Eye-Candy als eine wirkliche Veränderung. Generell lässt sich eine gewisse kreative Einfallslosigkeit im Bereich des Webdesigns feststellen. Die meisten Webseiten ähneln sich heute stark in Struktur und Aufbau – wirkliche Unterschiede sind kaum noch auszumachen.

Kann die gestalterische Monotonie als Indiz für eine Irrelevanz des Webdesigns gewertet werden? Wie sind vor diesem Hintergrund die entrüsteten Erwiderungen von Webdesignern auf Nouvels Artikel zu bewerten? Stellen sie die letzten verzweifelten Lebenszeichen einer im Sterben liegenden Branche dar oder steht es gar nicht so schlecht um unseren Patienten?

Webdesign steckt nicht mehr in den Kinderschuhen

Vor 15 Jahren steckte die Entwicklung von Webseiten noch in den Kinderschuhen und hatte mit einer Vielzahl von Kinderkrankheiten zu kämpfen. Keiner wusste genau, wie man das Optimum aus einer Internetseite herausholte und auch die Browsertechnik war kaum ausgereift. Im Laufe der Zeit wurden innovative Lösungen für grundlegende Probleme gefunden und auch die Browsertechnologie entwickelte sich rasant weiter. Das versetzt uns heute in die vorteilhafte Lage, zu wissen, wie man Probleme im Webdesign am besten angeht und löst.

Die Entwicklung ist gegenwärtig soweit vorangeschritten, dass die meisten Seiten im Netz auf den gleichen UI-Frameworks und Services basieren. Sei es nun WordPress, Drupal oder Blogger – das Web hält für nahezu alle Bedürfnisse passende Vorlagen bereit. Webdesign ist erwachsen geworden und das ist in erster Linie von Vorteil für die User. Durch den Rückgriff auf die gleichen Frameworks wird die alltägliche Surferfahrung vereinheitlicht und Einstiegsbarrieren minimiert. So funktionieren beispielsweise Warenkörbe und Login-Formulare auf fast jeder Webseite gleich; einmal daran gewöhnt, kann der User nahezu jede Internetplattform bedienen.

Der Versuch, an diesen Stellen kreativ tätig zu werden, würde mehr Schaden anrichten als Nutzen bringen. Das ist der Grund, warum gegenwärtig wenig Innovationsbereitschaft zu beobachten ist: Die Standardisierung von Frameworks und Webpatterns führt aus funktionalen Gründen zu einer kreativen Monotonie im Webdesign – das ist aber nicht per se schlecht.

Alles sieht gleich aus

Schaut man sich einmal um im Web, kommt mal schnell zu der Einsicht, dass alles anfängt gleich auszusehen. Wir scheinen einen Stagnationspunkt erreicht zu haben, an dem einzigartige Designs Relikte einer längst vergessenen Zeit darstellen. Was auf den ersten Blick als Verlust kreativer Gestaltungsfreiheit erscheint, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen aber als Zugewinn an Handlungsfreiheit.

Zum einen erleichtern standardisierte Frameworks die Arbeit von Webdesignern, da sie eine solide Grundlage bieten, auf der aufgebaut werden kann. Webdesigner müssen weniger Zeit auf die grundsätzliche Erstellung der Website investieren und können sich ausführlicher dem Aufbau der Seiteninhalte widmen. Der Rückgriff auf eine bewährte Vorlage besitzt daneben den Vorteil, im Zweifelsfall kostengünstiger zu sein als ein speziell auf die Bedürfnisse des Kunden zugeschnittenes Design; man hat zudem die Sicherheit, dass das Framework auch funktioniert.

Zum anderen wird durch die Bereitstellung standardisierter Frameworks die Einstiegshürde in den Bereich des Webdesigns minimiert. Durch die Entfernung der technischen Barriere wird das Erstellen von Webseiten nicht länger als hochspezialisiertes Handwerk wahrgenommen, sondern als Tätigkeit, die prinzipiell von jedem ausgeübt werden kann. In diese Richtung weist auch der momentane Trend im Netz, die Erstellung von Webseiten mit Hilfe des Einsatzes von Artificial Intelligence weitestgehend zu automatisieren.

Mobile First und User Experience

Der Grund für die Standardisierung von Frameworks und Patterns im Webbereich ist im Wesentlichen auf das veränderte Surfverhalten der User zurückzuführen. Mobile First ist nicht mehr länger nur ein Buzzword innerhalb der Branche, sondern digitale Realität. Als direkte Reaktion auf das veränderte Userverhalten entwickelte sich etwa das Konzept des Mobile Webdesigns. So wichtig die responsive Gestaltung von Internetseiten auch ist; letzten Endes kann dadurch nur sichergestellt werden, dass die Page auf einen mobilen Geräte aufgerufen werden kann.

API Conference 2018

API Management – was braucht man um erfolgreich zu sein?

mit Andre Karalus und Carsten Sensler (ArtOfArc)

Web APIs mit Node.js entwickeln

mit Sebastian Springer (MaibornWolff GmbH)

Das Problem ist nur: Die User scheinen sich kaum noch für Webseiten zu interessieren. Anstatt Seiten im Browser aufzurufen, steht bei ihnen die Interaktion und Identifikation mit digitalen Marken im Mittelpunkt. Ihre Zustimmung artikulieren sie per Subscription, Follow oder Like und nur noch selten per Seitenaufruf. Mehr und mehr dient der Gebrauch von Apps als vitaler Ersatz für das mobile Surfen.

Apps punkten gegenüber mobile-friendly Webseiten durch eine deutlich bessere User Experience. Features wie Push-Notifications, Erinnerungen und Offline-Funktionalität sowie die bessere Einbindung von gerätespezifischen Funktionen und Eingabemöglichkeiten lassen die User bevorzugt zur App greifen. Um beispielsweise etwas zu suchen, muss man sich nicht länger durch eine Vielzahl unterschiedlichster Webseiten und User Interfaces arbeiten. Dienste wie Google Now oder Siri machen es bereits möglich, allein durch Sprachsteuerung das gewünschte Produkt zu finden. Darüber hinaus etablieren sich auch immer mehr Services, die nicht bloß auf Anfrage die gewünschten Suchergebnisse liefern. Durch das permanente Sammeln von userspezifischen Daten werden den Anwendern bereits vor der eigentlichen Suchanfrage Ergebnisse präsentiert, die für sie interessant sein können – so zum Beispiel bei Amazon oder Netflix.

Inhalt statt Design?

Durch die Standardisierung von Webtechnologien und die Fokussierung auf die User Experience gewinnen inhaltliche gegenüber gestalterischen Fragen immer weiter an Gewicht. Inhalte sind nicht länger an starre Webdesigns und User Interfaces gebunden, sondern können via APIs zwischen verschiedenen Geräten und Plattformen geteilt und getauscht werden. Aufgrund dieser Entwicklung von einer Irrelevanz des Webdesigns zu sprechen, ist allerdings verkehrt.

Was sich wandelt, ist das Selbstverständnis des Webdesigns. Beschreiben lässt sich dieser Wandel als Bewegung vom Web- zum UX-Design, welche wiederum direkt aus der Verschiebung von Webseiten zu digitalen Produkten und Marken resultiert. Die Aufgabe des Designers basiert nicht mehr länger allein auf der Erstellung von Webseiten, sondern erstreckt sich nun ebenfalls und in erster Linie auf die Gestaltung der Schnittstellen und Berührungspunkte der unterschiedlichen Geräte und Plattformen. Ein gutes Beispiel hierfür ist Googles Material Design Ansatz.

Zwar mag die Zeit einzigartiger und ausgefallener Designs im Web vorbei sein; zeichnen sich die jüngsten Versuche in diese Richtung zumeist durch eine unterdurchschnittliche User-Experience aus. Kreatives Design im Web ist deshalb nicht am Ende – allein das Tätigkeitsfeld hat sich geändert.

Angular Kickstart: von 0 auf 100

mit Christian Liebel (Thinktecture AG) und Peter Müller (Freelancer)

JavaScript für Softwareentwickler – für Einsteiger und Umsteiger

mit Yara Mayer (evia) und Sebastian Springer (MaibornWolff)

Aufmacherbild: Colours of Life via Shutterstock / Urheberrecht: Ollyy

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