Besser lernen

Blended Learning – die Krönung des E-Learning?
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Begünstigt durch den technischen Fortschritt, insbesondere durch die zunehmende Anbindung von mobilen Endgeräten an das Internet, ist seit einigen Jahren ein großes Interesse am Thema E-Learning zu verzeichnen. Grund genug, dass wir uns mit dem Thema aus inhaltlicher – nicht technischer – Perspektive auseinandersetzen.

Die Gründe für das gestiegene Interesse am elektronischen Lernen sind vielfältig und lassen sich durch die erhofften Vorteile wie folgt beschreiben:

  • Erhöhung der Flexibilität: Traditionelle Lernformen sind durch statische Raum- und Zeitvorgaben gekennzeichnet. In Verbindung mit der Notwendigkeit eines lebenslangen Lernens ergeben sich veränderte Anforderungen in räumlicher und zeitlicher Hinsicht. Nicht immer ist es den Teilnehmern möglich bzw. ist es gewünscht, die Lernangebote vor Ort wahrzunehmen. E-Learning erlaubt einen Wissenserwerb unabhängig von diesen Restriktionen.
  • Kosteneinsparungen und Individualisierung: Trotz Anspruch einer Individualisierung der Lernangebote ist es eine wichtige Aufgabe, die Kosten der Wissensvermittlung zu begrenzen. Ein Ansatz ist die Verminderung der Präsenszeiten der Dozenten bzw. deren effektiverer Einsatz.
  • Erhöhung der Lernerfolges: E-Learning kann und soll in den wenigsten Fällen traditionelle Lernangebote vollständig ersetzen. Vielmehr ist es das Ziel, in bestimmten Bereichen die Art und Weise des Lernens zu ergänzen, zu erweitern und, wo sinnvoll, auch teilweise abzulösen.

Mit der Nennung dieser Ziele des E-Learnings wird auch dessen interdisziplinäre Ausrichtung deutlich. E-Learning tangiert primär die Wissensgebiete der Informatik/Wirtschaftsinformatik und der Bildungswissenschaften. Die Informatik stellt dabei die technologischen Voraussetzungen in Form von Hard- und Software bereit und kann auf Grund der hohen Dynamik in diesem Bereich auch als „Motor“ aufgefasst werden. Anderseits ist die didaktische Aufbereitung der Lehrinhalte die zwingende Voraussetzung für erfolgreiche E-Learning-Projekte. Es gilt zu identifizieren, wie die Inhalte an die organisatorischen und technischen Aspekte dieser Lernform anzupassen sind. E-Learning selbst ist ein Oberbegriff für eine Reihe von unterschiedlichen Lernformen. Dabei ist auffällig, dass die Begriffe weder einheitlich verwendet noch die Lernformen zueinander vollständig überschneidungsfrei sind (Tabelle 1). Eine besondere Stellung nimmt das so genannte Blended Learning ein. Darunter versteht man eine Lehrmethode, bei der die Vorteile von Präsenzveranstaltungen und E-Learning systematisch kombiniert werden. Das Konzept verbindet die Effektivität und Flexibilität elektronischer Lernformen (online) mit den sozialen Aspekten des gemeinsamen Lernens (Face to Face).

Tabelle 1: Übersicht über Lernformen

Tabelle 1: Übersicht über Lernformen

Blended Learning

Der Zusatz „blended“ kann im Kontext von E-Learning mit den Begriffen „vermengt“, „vermischt“, „integriert“ oder „hybrid“ übersetzt werden. Das Konzept des Blended Learnings besteht darin, dass sich Präsenzphasen und E-Learning-Phasen abwechseln. Dabei sollen die Vorteile von Präsenzveranstaltungen und virtuellem bzw. Onlinelernen miteinander kombiniert werden. Neue Informations- und Kommunikationsmedien sind systematisch einzusetzen. Die konkrete Ausgestaltung des Lernkonzeptes, d. h. die Kombination der Phasen kann dabei unterschiedlich ausgestaltet sein. Insgesamt wird der Begriff sehr häufig inkonsistent verwendet. Ziel ist es, den Lernenden in den Mittelpunkt des Geschehens zu rücken, das heißt, über Blended Learning sollen unterschiedliche Zugangsweisen zum Lerngegenstand ermöglicht werden. Blended Learning kann damit weitläufig auch mit „Variation“ in Verbindung gebracht werden. Um Empfehlungen für die Konzeption des Blended Learnings bzw. für die Gestaltung der Lernumgebung abzuleiten, ist es notwendig, sich mit dem Lernprozess unter anderem aus didaktischer Ebene auseinanderzusetzen. Die Frage danach, wann ein Sachverhalt verstanden bzw. gelernt wurde, kann beispielsweise mit dem 3-E-Konzept von Ortner beantwortet werden. Dieses Konzept beinhaltet die Elemente Erfahren, Einsehen und Einprägen. Ortner beschreibt den Vorgang des vollständigen Lernens wie folgt: „Unter vollständigem Lernen verstehe ich den Vorgang, der Individuen dazu befähigt, ein bestimmtes Wissen […], über das es vor dem Beginn des Lernprozesses noch nicht verfügte, in einem zukünftigen Falle anzuwenden. Dieser sozial beeinflusste, aber individuell realisierte komplexe – und mühevolle – Prozess läuft in (mindestens) drei Stufen bzw. auf drei Ebenen ab: Zunächst muss der Lernende etwas wenigstens subjektiv Neues erfahren. […] Im zweiten Schritt, […]versucht der Lernende die Information zu „verstehen“. Dazu verknüpft er sie mit dem bereits Gelernten: das neu Erfahrene wird in das bereits vollständig Gelernte eingeordnet. […]. Es fehlt noch die dritte Stufe, […] das Erfahrene und Eingeordnete muss nämlich noch eingeprägt werden, es muss in das Mittel-, besser noch in das Langzeitgedächtnis des Individuums übertragen, es muss individuell und intern gespeichert werden. Andernfalls ist nämlich eine spätere Anwendung ausgeschlossen […]. Wenn wir uns das Erfahrene und Eingeordnete nicht auch einprägen, dann haben wir nur unvollständig gelernt und können in der Zukunft auch nichts Neues anwenden, was ja das erklärte Ziel des (vollständigen) Lernens ist.“

Die Merkmale des Lernprozesses werden von Reinmann-Rothmeir und Mandl beschrieben:

  • Lernen ist ein aktiver Prozess, d. h. Wissen kann nur über eine selbstständige, aktive Beteiligung des Lernenden erworben werden; diese Erkenntnis stützt die Aussage von Ortner, nach der vollständiges Lernen neben der Erfahrung auch die aktiven Phasen des Einsehen und Einprägens benötigt
  • Lernen ist ein konstruktiver Prozess: Wissen kann nur erworben werden, wenn es in vorhandene Strukturen integriert werden kann
  • Lernen ist ein emotionaler Prozess: Positiv für die Effektivität und den Erfolg des Lernprozesses ist es, wenn der Lernende dabei Freude empfindet; negative Auswirkungen werden dagegen durch Stress und Angst produziert
  • Lernen ist ein selbstgesteuerter Prozess: Den Lernprozess muss man selbst planen, kontrollieren und überwachen
  • Lernen ist ein sozialer Prozess: Wissenserwerb basiert auf der Interaktion mit anderen
  • Lernen ist ein situativer Prozess: Das Lernen ist an die Situation/den Kontext gebunden

Aus diesen Erkenntnissen der Didaktik lassen sich Gestaltungsvorschläge für Blended Learning-Umgebungen ableiten:

  1. Authentizität und Anwendungsbezug: Die Lernumgebung ist so zu gestalten, dass sie reale Probleme abbildet
  2. Multiple Kontexte/Perspektiven: Die Inhalte sollen aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden
  3. Soziales Lernarrangements: Kooperatives Lernen und Problemlösen soll unterstützt werden, beispielsweise durch interaktive Diskussionsforen oder Bereitstellung von Gruppenarbeitstools
  4. Exakte Anweisungen und Unterstützung: Die Aufgaben müssen so exakt beschrieben werden, dass sie einer direkten Lösung zugänglich sind

Die erfolgreiche Nutzung von Blended-Learning-Angeboten setzt voraus, dass die Nutzer über eine gewisse Mindestkompetenz in der Anwendung verfügen. Das umfasst sowohl den sicheren Umgang mit der Technik als auch Erfahrungen mit der grundsätzlichen Struktur des Onlinelernens, zum Beispiel die Fähigkeiten bei der Informationssuche. Zusammenfassend ist zu sagen, dass Blended Learning eine lerndidaktisch bestmögliche Kombination von Präsenzphasen und E-Learning bilden soll. Wie dieser Wechsel zu gestalten ist, dazu gibt es bisher einige Ansätze, aber noch keine gesicherten Erkenntnisse. Gleichwohl ist die Technik zu integrieren und damit bestmöglich lernunterstützend zu nutzen (Abb. 1).

Abb. 1: Komponenten des Lernerfolgs im Blended Learning

Abb. 1: Komponenten des Lernerfolgs im Blended Learning

Technische Voraussetzungen und Entwicklungsmöglichkeiten

Die Möglichkeiten des E-Learnings (und des Blended Learnings) werden in hohem Maße durch die technischen Entwicklungen beeinflusst. Zu unterteilen ist in Hard- und Software. Die Anfänge des E-Learnings gingen in Richtung multimedialer Unterstützung bei der Wissensvermittlung. Lernsoftware musste dazu auf einen Computer des Nutzers – beispielsweise von einer CD – installiert werden. Mit der omnipräsenten Verfügbarkeit des Internets zeichnet sich jedoch der Trend ab, die Lernumgebung von der Hardware zu entkoppeln. Lerninhalte (Content) können sowohl über das Internet bereitgestellt als auch nur bei Bedarf aktualisiert, ansonsten aber lokal vorgehalten werden. Ebenfalls können die administrativen Daten (Ergebnisse, Lernfortschritt, aktueller Bearbeitungsstand) – unter Berücksichtigung der Bestimmungen des Datenschutzes – auf einem entfernten System zentral gespeichert werden. Für den Anwender ergibt sich der Vorteil, dass er kein separates Programm installieren muss – der Browser genügt. Eine Durchführung des E-Learnings ist dann orts- und geräteunabhängig möglich. Für den Anbieter ergeben sich Kosteneinsparungen für die Administration und Bereitstellung der Umgebung. Mit der Entwicklung und Verbreitung von Apps für Betriebssysteme mobiler Endgeräte (Tablet-PC, Smartphones) ergeben sich weitere Möglichkeiten. Apps bieten den Bedienkomfort klassischer Applikationen, sind für den mobilen Einsatz prädestiniert und zeichnen sich durch einen gewollten ständigen Internetzugriff aus.

Nutzung und Bekanntheitsgrad

Zu den Zeiten der Einführung des Blended Learnings prognostizierte man, dass bereits 2005 über 50 Prozent der Studierenden in virtuellen Universitäten eingeschrieben sind. Das hat sich bis heute nicht so entwickelt. Dennoch sind das E-Learning im Allgemeinen und das Blended Learning im Speziellen als Lernform eingeführt und erlangen zunehmende Akzeptanz. Interessant ist auch die Nutzung im Umfeld von Unternehmen, u. a. als Unterstützer für Weiterbildung. Eine Studie der Unternehmensberatung CEGOS aus dem Jahr 2010 liefert die in Abbildung 2 dargestellten Ergebnisse und zeigt deutlich, dass für Deutschland noch Entwicklungspotenzial im internationalen Vergleich vorhanden ist.

Abb. 2: Nutzung von E-Learning in Unternehmen im Jahr 2010

Abb. 2: Nutzung von E-Learning in Unternehmen im Jahr 2010

Beispiele für Blended Learning

Ein Beispiel für den kombinierten Einsatz von E-Learning und Präsenzveranstaltungen ist der weiterbildende Masterstudiengang Kriminologie der Universität Hamburg. Die Module des Studiengangs bestehen jeweils aus einer zweitägigen Präsenzveranstaltung und einer sich daran anschließenden vier- bis fünfwöchigen vertiefenden Onlinephase. Während der Onlinephasen können die Lernenden in der Lernplattform zeit- und ortsunabhängig miteinander über die vorgegebenen Texte und Aufgaben kommunizieren. Die Aufgaben werden freigeschaltet und können bearbeitet werden. Die Lernplattform basiert technisch betrachtet auf einer Anwendung im Browser mit entsprechender Zusatzsoftware (Java-Plug-in, Flash Player, QuickTime) für die multimedialen Elemente.

Als Blended-Learning-Ansatz können auch moderne Formen der Ausbildung zum Erwerb des theoretischen Führerscheins aufgefasst werden. Die Grundlagen werden in Seminarform – meist in Kleingruppen – durch den Fahrlehrer in einigen Präsenzstunden vermittelt. Je nach gewählter Fahrzeugklasse sind unterschiedliche Inhalte, zum Beispiel das Straßenverkehrssystem und Vorfahrtsregeln, Gegenstand des Unterrichts. Da die theoretische Prüfung heute an einem Computer durchgeführt und dabei eine Auswahl von Fragen eines amtlichen Fragenkatalogs präsentiert wird, bietet sich das Einüben ebenfalls mithilfe einer Lernumgebung an. Beispielsweise werden dem Lernenden in einer onlinebasierten Umgebung die Fragen – sortiert nach Themenkomplexen – zum Üben, beliebig häufigen Wiederholen und zur Simulation einer Prüfung angeboten. Die Plattform myFührerschein ist ein Beispiel für ein solches System. Durch die Verfügbarkeit über das Internet ist für die Lernenden der Zugang über jedes internetfähige Endgerät möglich, eine Softwareinstallation ist entbehrlich. Der Anbieter muss bei notwendigen Änderungen (Anpassungen des amtlichen Fragenkatalogs) die Lerninhalte nur zentral auf dem Server anpassen. Lerndidaktisch kann ein solches E-Learning-Angebot gut in das gesamte Ausbildungskonzept integriert werden, beispielsweise kann der online erzielte Lernfortschritt durch den Fahrlehrer in der nächsten Präsenzveranstaltung geprüft werden und erst bei dessen Bestätigung die Anmeldung zur Prüfung erfolgen (Abb. 3).

Abb. 3: Konzeption des Blended Learning im theoretischen Fahrschulunterricht

Abb. 3: Konzeption des Blended Learning im theoretischen Fahrschulunterricht

Aktuelle Herausforderungen und Fazit

Die aktuellen Herausforderungen des Blended Learnings können wie folgt umschrieben werden:

  • Erfolgreiche Implementierung und Anpassung der didaktischen Konzepte an diese Lehrmethode
  • Aufbau von Vertrauen zur verstärkten Akzeptanz bei den Lernenden
  • Effektive Nutzung der technischen Möglichkeiten, insbesondere der Entwicklung von Mobile Computing
  • Vereinfachte Konzeption von E-Learning-Angeboten durch Weiterentwicklung von Standards

Insgesamt ist festzustellen, dass sich Blended Learning schon in einigen Bereichen etabliert hat. Der „Motor“ der Entwicklung bleibt der technische Fortschritt, insbesondere die hohe Verfügbarkeit und Anbindung an das Internet. Herausfordernd ist die Umsetzung von didaktischen Konzepten, um eine höhere Akzeptanz und Nachhaltigkeit bei den avisierten Nutzergruppen zu erhalten.

Aufmacherbild: Keyboard with E-learning button, internet concept von Shutterstock / Urheberrecht: Leszek Glasner

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