Gibt es den goldenen Schnitt im Webdesign?
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Egal ob in der Kunst, in der Architektur oder im Design – überall besitzt die Idee des Goldenen Schnitts eine enorme Bedeutung. Seit der Renaissance versuchen Künstler und Architekten ihre Werke an den „goldenen“ Proportionen auszurichten.

Es wird angenommen, dass der Goldene Schnitt ein natürliches und universelles Verhältnis repräsentiert, das als besonders ästhetisch und harmonisch von dem Menschen wahrgenommen wird. Die richtige Aufteilung und ein ansprechendes Erscheinungsbild sind auch für das Layout der eigenen Internetseite von großer Bedeutung. Fehlen beide Elemente, halten sich die User in der Regel nicht sehr lange auf der Homepage auf und sehen auch von weiteren Besuchen ab. Besonders praktisch wäre es da, wenn die Regeln des Goldenen Schnitts auch auf den Bereich des Webdesigns übertragen werden könnten – und so abwegig scheint die Idee gar nicht zu sein. Im Webdesign begegnen einem überall mathematische Proportionen: angefangen bei den simplen Maßen von Containern über die Größe von Grafiken hin zu den Auflösungen und Seitenverhältnissen der Bildschirme von Smartphones oder Tablets. Gibt es also den goldenen Schnitt im Webdesign?

Was ist der Goldene Schnitt?

Was hat man sich unter dem Goldenen Schnitt überhaupt vorzustellen? Folgendes Beispiel kann als Erklärungshilfe dienen. Angenommen eine Strecke a wird in zwei Teile b und c geteilt, wobei b größer ist als c. Als Goldener Schnitt gilt dasjenige Teilungsverhältnis, bei dem das Verhältnis von a zu b, dem Verhältnis von b zu c entspricht. Durch die Division der Größen erhält man wiederum die sogenannte Goldene Zahl: Sie beträgt 1,618.

Die Goldene Zahl und Responsive Design

Doch wie hilft der Quotient 1,618 bei der Beantwortung von Designfragen weiter? Ein möglicher Weg könnte darin bestehen, die Responsiveness des eigenen Designs mit dem Teilungsverhältnis des Goldenen Schnitts zusammenzubringen. Denkbar wäre es, die prozentuale Größe der Spalten des Layouts so zueinander in Beziehung zu setzen, dass sie den Quotienten von 1,618 ergeben. In Bezug auf unser Beispiel könnte das Ganze dann so aussehen: a stellt die gesamte Größe des Layouts dar – der kleinere Teil c könnte etwa als Menu und der größere Teil b als Bereich für den Content verwendet werden. Man hätte so zwar die prozentualen Größen von c und b bestimmt; aber die Größe von a wäre weiterhin nicht festgelegt. Aber auch hier ist es möglich, den Quotienten der Goldenen Zahl zur Hilfe zu ziehen.

Ein kurzes Beispiel soll diese Annahme veranschaulichen. Angenommen, wir müssten uns entscheiden, ob unser Layout entweder für ein Seitenverhältnis von 4:3 oder von 16:9 optimiert werden soll. Zieht man die Quotienten der beiden Verhältnisse hinzu, kommt man zu folgendem Ergebnis: Ein Seitenverhältnis von 4:3 besitzt einen Quotienten von 1,3; ein Seitenverhältnis von 16:9 demgegenüber einen von 1,7. Aus mathematischer Sicht liegt 1,7 näher dran an der Goldenen Zahl als 1,3. Insofern sollten wir unser Design an eine Auflösung von 16:9 zu optimieren (1).

Ist wirklich was dran am Goldenen Schnitt?

So oder so ähnlich könnte man versuchen, das eigene Webdesign mit Hilfe des Goldenen Schnitts zu gestalten, sodass es die User automatisch anspricht und zum Verweilen auf der eigenen Seite animiert. Und wenn selbst Künstler und Architekten seit Jahrhunderten auf diese Methoden schwören, dann muss ja auch was dran sein an der Idee des Goldenen Schnitts – oder?

Alles totaler Quatsch – behauptet nun allerdings John Brownlee in seinem Artikel „The Golden Ratio: Design’s Biggest Myth“. Seiner Meinung nach ist die Idee des Goldenen Schnitts eine urban legend. Viele Designer würden diese Methode überhaupt nicht in Betracht ziehen; und wenn sie es täten, würden sie der Idee des Goldenen Schnitts keine übermäßige Bedeutung zukommen lassen. Insbesondere gäbe es nach Meinung von Brownlee keine wissenschaftlichen Beweise, die die Theorie unterstützen würden. So stelle die Goldene Zahl nur eine Annäherung dar, da sie in Wirklichkeit eine irrationale Zahl sei. Sie könne nicht genau mit 1,618 angegeben werden, sondern führe sich endlos fort. Die Vorstellung eines natürlichen Gegenstandes, der die exakten Proportionen des Goldenen Schnitts verkörpert, ist für ihn deshalb ebenso unmöglich wie die Existenz eines perfekten Kreises in der wirklichen Welt. Laut einer unveröffentlichten Studie der Universität Stanford hätten Versuche mit Testpersonen sogar ergeben, dass der Mensch keine ästhetische Präferenz für den Goldenen Schnitt besäße.

Warum die Menschen trotzdem der Idee des Goldenen Schnitts Glauben schenken? Laut Brownlee fürchtet sich der Mensch schlicht und einfach davor, dem Zufall in ästhetischen Fragen einen Vorrang einzuräumen. Wir seien von Natur aus darauf programmiert, überall Muster zu erkennen und diese mit einem gewissen Sinn zu versehen – ohne hierfür allerdings die mathematischen Fähigkeiten zu besitzen. Sein Urteil: “You see the golden ratio in your favorite designs, you’re probably seeing things”.

Tatsächlich alles Humbug?

Ist also wirklich nichts dran an der Idee des Goldenen Schnitts? Symbolisiert die Goldene Zahl bloß den Wunsch des Menschen nach Regelmäßigkeit und Sinn im Umgang mit ästhetischen Werken? Im Hinblick auf unser – zugegeben – sehr konstruiertes Anwendungsbeispiel lautet die Antwort: Ja. Das Beispiel zeigt: Als feste Regel in Layoutfragen führt die Verwendung des Goldenen Schnitts nicht automatisch zu einer verbesserten Wahrnehmung und Akzeptanz seitens der User. Das Design einer Website wird für User nicht allein deshalb ansprechender, weil es für eine Auflösung von 16:9 optimiert wurde. Damit ein Design Anklang findet, sind noch weitere Schritte von Nöten, die sich nicht allein auf ästhetische Frage reduzieren lassen. Sie umfassen zum Beispiel ebenfalls die Optimierung von Design und Content auf Zugänglichkeit, Anpassbarkeit und Performance. Das Beispiel des Goldenen Schnitts zeigt: Patentrezepte für das perfekte Webdesign scheint es nicht zu geben.

Links & Literatur

(1) Beispiel inspiriert von: http://www.smashingmagazine.com/2008/05/29/applying-divine-proportion-to-web-design/

Aufmacherbild: Golden section via Shutterstock / Urheberrecht: Victoria Kalinina

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