Gute Übersetzungen sind nicht einfach – aber wichtig

Webangebote lokalisieren: Sprachauswahl und Stolpersteine
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In Zeiten der Globalisierung gehört es fast schon zum Standard, Webangebote in verschiedene Sprachen zu übersetzen, sprich: zu lokalisieren. In vielen Fällen reicht dabei das Englische aus, manchmal macht es aber auch Sinn, weitere Sprachen abzudecken. Immerhin lassen sich so noch mehr Nutzer erreichen. Eine Übersetzung bzw. Lokalisierung ist aber nichts, was mal eben so nebenbei gemacht werden kann. Die Sprachen dieser Welt sind nämlich in vielerlei Hinsicht grundverschieden.

Wie viele Sprachen gibt es wohl auf der Welt? Die Wenigsten werden einen auch nur annähernd korrekten Wert im Kopf haben. Es sind tatsächlich um die 6.000, auch wenn die Zahl kontinuierlich sinkt. Davon sind natürlich bei weitem nicht alle für die Webentwicklung relevant; viele Sprechergemeinschaften haben ja nicht einmal Zugang zum Internet. Wo verläuft nun aber die Grenze der Relevanz? Immerhin 200 Sprachen werden noch von mindestens drei Millionen Menschen gesprochen, könnten also im einen oder anderen Kontext durchaus wichtig sein.

Zielgruppen-Orientierung

Sicherlich geht es aber vor allem um die Frage, welche Sprachen denn von der Zielgruppe eines Web-Angebots gesprochen werden. So fällt Dänisch wohl nicht ins Gewicht, wenn eine süddeutsche Stadtverwaltung eine Website erhalten soll – die Seite der Stadt Flensburg muss aber natürlich auf die Grenznähe eingehen. Genau so kann es auch für auch kleinere Unternehmen im Norden Deutschlands interessant sein, an diese Bevölkerungsgruppe und vor allem den stetigen, wechselseitigen Tourismus-Strom zu denken.

Darüber hinaus kann die Zahl der Muttersprachler einer Sprache einen Anhaltspunkt dafür liefern ob es sich lohnt, Webangebote und Apps zu lokalisieren. Wikipedia liefert hier überraschende Daten: Spanisch war im Jahr 2010 weltweit eine häufigere Muttersprache als Englisch, auch wenn Englisch natürlich insgesamt weiter verbreitet ist. Das deutet daraufhin, dass auch Spanisch eine gute Wahl ist, wenn große Webprojekte mehrsprachig verfügbar gemacht werden sollen. Französisch ist außerdem historisch gesehen als ehemalige Weltsprache bedeutend und dadurch immer noch recht verbreitet.

Richtige Wahl – richtige Übersetzung

Wenn die Auswahl erst einmal getroffen ist, geht es darum, auch wirklich eine gute, nützliche Übersetzung ins Web zu stellen. Am besten ist es, Profis ans Werk zu lassen. Linguisten und professionelle Übersetzer lassen sich ihre Dienste allerdings gut bezahlen. Da ist es verlockend, einfach einen (im Übersetzen unerfahrenen) Muttersprachler zu beauftragen oder ein maschinelles Übersetzungstool zu verwenden.

Diese Tools haben sich in den letzten Jahren auch durchaus weiterentwickelt und sind nicht für jeden Zweck gänzlich ungeeignet. Die Vorteile liegen klar auf der Hand: Die Lokalisierung steht schnell zur Verfügung und kostet wenig bis gar nichts. Wenn sie danach von einem Muttersprachler der Zielsprache korrigiert wird, der auch die Ursprungssprache sehr gut beherrscht, kann dieser Weg durchaus hilfreich sein.

Vorsicht mit maschinellen Übersetzungen

Wenn es aber um User-Interfaces geht, ist immer Vorsicht angebracht. Zwar lässt sich vieles über Symbolik transportieren, aber auch diese kann in verschiedenen Kulturen unterschiedlich gedeutet werden. Eine korrekte, eindeutige sprachliche Gestaltung ist also zwingend notwendig, um eine angenehme User Experience zu gewährleisten. Falsche Übersetzungen erwecken schnell einen unseriösen Eindruck.

Hier stoßen maschinelle Übersetzungen doch oft an ihre Grenzen. Während im Englischen beispielsweise „Go“ eine durchaus übliche Beschriftung für Action-Buttons ist, wäre „Gehen“ als Übersetzung zumeist ungeeignet. Und wenn es um sprachliche Phänomene geht, die nicht der formalen Standard-Sprache angehören, enden die Möglichkeiten der automatischen Übersetzung noch schneller. So schlägt Google Translate „Good Morning“ als Übersetzung für „Moin Moin“ vor – was dann doch am Sinn vorbei geht, da dieser norddeutsche Gruß ganztägig verwendet wird und nicht nur am Morgen. Solche regionalen Sprachphänomene können aber durchaus zum Design einer Website gehören und sollten mit Bedacht angepasst werden. Meist ist es hier am besten, einen analogen sprachlichen Ausdruck in der Zielsprache zu finden.

Qualitätskriterien

Was macht aber eine gute Übersetzung bzw. Lokalisierung überhaupt aus? Das kommt immer auch auf den Kontext an. Gerade in Bezug auf User Interfaces sollte aber immer auf eine einfache Übersetzung verzichtet werden. Stattdessen sollten die Standards der Zielsprache angewendet werden, sodass jeder Nutzer eine Oberfläche vorfindet, die seinen Erwartungen entspricht.

Aber auch der Charakter eines Projekts darf nicht verloren gehen. Sprache transportiert mehr als Worte, sie weckt Emotionen und kann zum Bleiben einladen oder sofort abschrecken. Junge, frische Projekte stechen oft durch eine ebenfalls junge Sprache hervor, während Websites mit einem besonders hohen Anspruch an Seriosität niemals zu umgangssprachlichen Ausdrücken greifen würden. Das alles muss mit der entsprechenden Vorsicht auch in eine Lokalisierung übertragen werden.

Stilistische Abweichungen

Schwierig ist dabei allerdings, dass auch jeder Übersetzer seinen eigenen Stil mit ins Projekt bringt und gerade große Projekte selten nur von einer Person alleine lokalisiert werden. Auch später hinzukommende Seitenteile werden meist von neuen Übersetzern bearbeitet. Hier ist es wichtig, eine gemeinsame Richtlinie zu erarbeiten, die jedem Übersetzer bekannt ist. Außerdem macht es Sinn, bei der Auswahl des Übersetzers nach dessen persönlichem Schwerpunkt zu fragen. Soll ein sprachlich eher informelles Projekt übersetzt werden, ist ein Übersetzer mit einer besonderen Vorliebe für Grammatik vielleicht nicht die beste Wahl. Für Projekte, die mit Sprache spielen, braucht es Menschen, die nah an der realen, gelebten Sprachkultur der Zielsprache sind.

Grün oder Blau?

Außerdem unterscheidet sich auch die Kategorisierung und Benennung der Welt und der Dinge in ihr in verschiedenen Sprachen massiv. So verstehen beispielsweise das Gälische, Walisische, Japanische und einige weitere Sprachen die Farben Grün und Blau gänzlich anders als der typische Mitteleuropäer. Während das Deutsche die beiden Farben voneinander abgrenzt, werden sie teilweise als ein gemeinsamer Farbraum verstanden. In manchen Sprachen unterscheidet sich auch das Benennungsschema insgesamt und es ist die Rede von der „Farbe des Meeres“, statt von „Blau“ und „Grün“.

Lesen Sie jetzt Teil 2 dieser Artikelserie: Webangebote lokalisieren: User Interfaces testen mit Googles LQS

Das ist nun ein sehr spezifisches Phänomen und wird nur die wenigsten Webangebote betreffen; es zeigt aber doch gut, dass das Übersetzen eine Kunst ist, die gelernt sein will. Wenn nämlich doch Produktbeschreibungen in einer Sprache mit anderem Farbkonzept lokalisiert werden sollen, können schnell Missverständnisse auftreten.

Mehr als nur Sprache

Ein Blick auf verschiedensprachige Webangebote zeigt außerdem, dass es im internationalen Webdesign um mehr geht als nur die Übersetzung. Auch im Layout von Websites gibt es bedeutende Unterschiede zwischen verschiedenen Kulturen. Ein spannendes Beispiel dafür sind japanische Websites.

Was im japanischen Internet auffällt, ist, dass mit viel Text und grellen Farben gearbeitet wird. Das liegt unter anderem daran, dass die japanische Schrift (die eigentlich aus mehreren Schriften besteht) deutlich weniger Möglichkeiten zur Hervorhebung von Text bietet als das lateinische Alphabet. Eine Kursivsetzung ist im Japanischen nicht möglich, stattdessen wird sich mit kleinen Punkten über oder unter dem Zeichen beholfen, die allerdings wieder der Unterstreichung ähneln. Also wird zu Farben gegriffen. Andererseits lassen sich Inhalte im Japanischen aber schneller erfassen als in der lateinischen Schrift, sodass große Textmengen wenig problematisch sind. Auch diese Aspekte müssen bei einer Lokalisierung einer Website bedacht werden.

Optik nicht vergessen

Daneben kann aber auch die Farbgestaltung von Websites im internationalen Kontext Probleme bereiten. Farben tragen nämlich eine Bedeutung, die noch über die Wahrnehmung von Grün und Blau als gemeinsames oder getrenntes Spektrum hinaus geht. Weiß ist im Chinesischen die Farbe der Trauer, während in der westlichen Welt eher in Schwarz getrauert wird. Wer also eine helle, freundliche Website entworfen hat, die Zentral mit der Farbe weiß arbeitet, kann in China unter Umständen damit anecken.

Eine Übersetzung ist aber doch das Aushängeschild eines Webangebots im interkulturellen Kontext. Natürlich muss ein Unternehmen nicht genau so viel Arbeit in eine Übersetzung stecken wie in die heimatliche Version davon; wer am globalen Markt aber mitspielen möchte, sollte doch mit Bedacht vorgehen. Auch Namen und Adressen werden nämlich in verschiedenen Kulturen ganz unterschiedlich realisiert. Wird das übersehen, werden potenzielle Kunden unter Umständen ausgesperrt oder vor den Kopf gestoßen. Es reicht also nicht, einfach einen japanischen Text ins Web zu stellen, um der japanischen Kundschaft einen ausreichenden Anreiz zum Bestellen zu bieten. Wer international Erfolg haben möchte, muss sich schon ein wenig mehr Mühe geben.

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Aufmacherbild: Translation and dictionary foreign language interpretation process (modifiziert) via Shutterstock / Urheberrecht: Macrovector

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