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Wie Material Design die Webvielfalt einschränkt

Material Design – Gefahr fürs Web?
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Googles Designsprache Material Design wurde ursprünglich für die Gestaltung mobiler Android-Apps vorgesehen, hat mittlerweile aber auch den Siegeszug im Webdesign angetreten. Das Layout besticht durch klare, flache Linien und ein schlichtes User Interface mit angenehmer Nutzerführung. Doch ein Problem gibt es: Alle Webseiten sehen mehr oder minder gleich aus.

Material Design ist in. Kein Wunder, steht doch eine ganze Philosophie hinter der Designsprache: Das Webdesign soll sich an den bewährten Strukturen des Printdesigns orientieren. Klare Formen und Interfaces sollen dem Nutzer helfen, sich zurechtzufinden. Gerade der Wiedererkennungswert der typischen Designelemente ist für die User Experience hilfreich. Googles Ziel ist es, das Design von Websites und Apps über alle Devices hinweg zu vereinheitlichen.

Und genau dieses Ziel führt dazu, dass unsere Weblandschaft zu einem regelrechten Einheitsbrei verkommt. Immer mehr Webseiten und Apps gleichen einander und unterscheiden sich höchstens noch durch verschiedene Farben. Aber ist das nicht traurig? Das Web steht für Vielfalt, Innovation und Experimentierfreudigkeit – nicht für Einheitlichkeit, Anpassung und Konformität.

Material Design – Gefahr fürs Web?

Google hat bereits 2014 Material Design vorgestellt, das wohl zur stärksten Veränderung im Bereich Webdesign seit der Einführung von Microsofts Flat Design 2010 geführt hat. Material Design soll die Prinzipien von gutem Design sowie den Fortschritt in Technologie und Wissenschaft in einer neuen visuellen Sprache zusammenbringen. „Material“ ist als Metapher zu verstehen: Die visuelle Sprache basiert auf den Grundlagen von Printdesign. Die haptische Oberfläche, Textur sowie andere dekorative Elemente sollen ein natürliches Verhalten der Objekte und des User Interfaces widerspiegeln und gleichzeitig dem Nutzer die bestmögliche User Experience bieten. Performance spielt dabei eine wichtige Rolle. Aus diesem Grund wird auf unnötige Elemente verzichtet. Dennoch sind Animationen und Bewegungen ein zentrales Prinzip von Material Design; Bewegungsabläufe sollten allerdings den physikalischen Gesetzen folgen.

Das hört sich alles erst einmal ziemlich gut an und vor allem für die Nutzer äußerst ansprechend und bedienfreundlich. Allerdings wird ein vereinheitlichtes Design sehr schnell zu einem Problem, wenn alle Webseiten und Apps gleich aussehen. Doch Carrie Cousins fragt sich, ob das wirklich allein die Schuld von Material Design, also Google, ist?

Gutes Design – faule Webdesigner

Gerade die Tatsache, dass alle Elemente von Material Design den Prinzipien von Responsive Design folgen, macht den Ansatz attraktiv für Designer. Auch die Integration in viele Frameworks, sowohl fürs Web als auch für native Apps, ist ein großer Vorteil. Durch die Veröffentlichung von Material Design Lite Anfang des Jahres hat sich die Attraktivität für Designer nochmals verstärkt: Das Leitmotiv heißt nämlich nun nicht mehr Mobile First, sondern „Design for all Devices“. Durch die vorgefertigten Templates, Icons und Buttons soll es Entwicklern leicht gemacht werden, eine Website oder App schnell und unkompliziert zu erstellen. Das wiederum führt dazu, dass viele Applikationen, die Material Design nutzen, wie von einem einzigen Designer erstellt aussehen.

Material Design hat sich aus dem Flat Design entwickelt und sollte Nutzern ein Verständnis von der Interaktion mit neuen, kleineren Devices vermitteln. Denn im Flat Design hatten nicht alle UI-Elemente eine klar definierte Struktur bzw. Rolle. Googles Designsprache wollte diesen Problemen Rechnung tragen, was auch gelungen ist. Und so blöd es auch klingt: Die Nutzer haben mittlerweile verstanden, was beispielsweise Buttons sind und wie sie funktionieren. Jede Evolution einer Design-Theorie lehrt User etwas Neues über die Nutzung von Devices und des Webs – und sie lernen schnell. Aus diesem Grund ist es nicht notwendig, dass sich solche Tools so lange im Webdesign behaupten.

Doch immer mehr Designer entwickeln die bestehenden Grundlagen des Material Designs bloß weiter, sodass es im Web mittlerweile von Klonen nur so wimmelt.

Common user interface elements, icons, color schemes, and typographic choices are killing aesthetic opportunity on the web. But it does not have to be that way.

Aber warum ist das so? Ganz einfach: Viele Webdesigner sind einfach faul!

Der Ansatz des Material Design ist prinzipiell vielversprechend: Besonders in Sachen Usability ist Material Design definitiv ein guter Ausgangspunkt und viele Elemente ergeben auch für Apps und Webseiten mit anderen Designkonzepten Sinn. So ist beispielsweise der Call-to-Action-Button des Material Design sicherlich auch für andere Design-Stile nutzbar; auch die Nutzerführung über gezielt eingesetzte Animationen kann gerade in komplexen Projekten sinnvoll sein. Material-Konzepte lassen sich also umsetzen, ohne dass man es sich einfach macht und immer wieder Elemente aus der Google-Dokumentation reproduziert oder das neueste UI-Kit herunterlädt. Der Einsatz aller von Google entworfenen Elemente ist also nicht notwendig, sondern optional. Eigene Kreativität ist nicht verboten!

Ein weiteres Problem ist die stupide Umsetzung von Material Design, ohne aber auf die Feinheiten zu achten. So kommt es dazu, dass die Funktionalität – die ja die Grundlage der Designsprache bildet – hintenansteht. Nicht das Material Design ist also eine Gefahr fürs Web, faule Designer sind es.

Is Material Design killing the web? – Quite simply, no.

Ein Herz für Material Design

Um dem Label „fauler Webdesigner“ zu entgehen, hat Carrie Cousins sechs Tipps zusammengestellt, die dabei helfen, Material Design richtig einzusetzen:

  1. Die komplette Farbpalette nutzen.
  2. Icons und UI-Elemente designen, die den grundsätzlichen Richtlinien des Material Designs folgen, aber nicht aus einem vorgefertigten Set stammen.
  3. Nicht 100 Prozent „Material“ designen, sondern sich Aspekte des Designkonzepts herauspicken.
  4. Die Dokumentation nutzen, um ein Verständnis für die Details und Grundlagen von Material Design zu erhalten.
  5. Verschiedene, neue Schriftarten verwenden.
  6. Genauso designen wie man es mit einem anderen Designtrend auch tun würde. Denn Material Design ist ein Trend, nicht die Designlösung schlechthin – manche Techniken eignen sich für ein bestimmtes Projekt, andere eben nicht.

Nicht Material Design führt also zu einer Gefährdung der Webvielfalt, sondern sein übermäßiger Gebrauch. Das eigentliche Problem liegt dabei im Designen um eines Trends willen und nicht für das Projekt. An erster Stelle sollten beim Webdesign die richtigen Tools und Techniken stehen – falls Material Design für das eigene Webprojekt nicht passt, dann findet sich sicher eine andere stimmige Designsprache. Entschließt man sich aber zu einer Verwendung von Material Design, sollte man darauf achten, dass man es richtig nutzt. Dann ist der Weg frei für Innovation und Experimentierfreudigkeit, und der Vereinheitlichung wird ein Riegel vorgeschoben.

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Aufmacherbild: Illustration of unusual modern material design vector background von Shutterstock / Urheberrecht: Decorwith.me

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[…] nicht. Wie schon Bootstrap zuvor, muss sich auch Googles Designsprache den Vorwurf gefallen lassen, das Internet zu vereinheitlichen. Immerhin sind die typischen Designelemente zwar sehr nützlich, besitzen aber auch einen hohen […]

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[…] darüber zu hören, dass alle Websites aussehen wie der Bootstrap-Standard, nun wird dem Material Design das gleiche vorgeworfen. Muss das wirklich sein? All diese vorgefertigten Design-Richtungen sind tolle Grundlagen, aber […]

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[…] Material Design soll die Prinzipien von gutem Design sowie den Fortschritt in Technologie und Wissenschaft zusammenbringen. „Material“ ist als Metapher zu verstehen: Die visuelle Sprache basiert auf den Grundlagen von Printdesign. Die haptische Oberfläche, Textur sowie andere dekorative Elemente sollen ein natürliches Verhalten der Objekte und des User Interfaces widerspiegeln und gleichzeitig dem Nutzer die bestmögliche User Experience bieten. Performance spielt dabei eine wichtige Rolle. Aus diesem Grund wird auf unnötige Elemente verzichtet. Dennoch sind Animationen und Bewegungen ein zentrales Prinzip von Material Design. […]

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