Brauchen wir wirklich Allround-Talente in der Entwicklung?

Mythos UX-Einhorn
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UX-Einhörner entspringem dem Unicorn-Konzept. Dieses wird in letzter Zeit häufiger diskutiert und meint, dass es besser ist, wenn UX weg von Spezialisierung und hin zum Generalismus geht. Entwickler sollen also alles können, statt sich auf bestimmte Bereiche zu spezialisieren. Der vermeintliche Hintergrund: Viele Unternehmen brauchen händeringend  UX- Services, aber die Leute, die sie anbieten fehlen bzw. sind mehr als ausgelastet. Ergo: Wenn viele alles können, haben die Unternehmen mehr Leute zur Verfügung und die Experten wiederum mehr Möglichkeiten, ihre Fähigkeiten einzusetzen. Klingt soweit irgendwie schlüssig, oder?

Marshal Datkowitz war, wie er beschreibt, selbst jahrelang so ein Einhorn, machte alles vom Usability Testing bis hin zum Frontend-Coding. Zu Deutsch würde man sagen, er war die eierlegende Wollmilchsau.  Sein Arbeitgeber war zufrieden, aber die Projekte leideten aus seiner Sicht darunter. Warum? Weil im Unternehmen das Verständnis dafür fehlte, was wirklich gebraucht wird und die Zeit, die auf UX verschwendet werden durfte, entsprechend knapp bemessen wurde. Insgesamt hätten seine Projekte schneller und besser beendet werden könne, hätte er nicht permanent für seine Ziele kämpfen müssen. Und genau hier liegt die Krux: in Unternehmen, die nicht wissen, was UX eigentlich bedeutet, aber dass sie sie ganz dringend brauchen.

Was ist UX?

Datkowitz hält es für einen Mythos, dass es nicht genug UX-Experten geben soll. Viel mehr sei es so, dass Unternehmen sich scheuen, die entsprechenden Leute anzustellen und UX-Methoden mit allem was dazu gehört zu implementieren. Jobausschreibungen würden meist mit unrealistischen Erwartungen gespickt, wie sie wahrlich nur ein Einhorn erfüllen könnte, geschrieben von Leuten, die eigentlich nicht verstehen, worum es bei UX geht und was sie wirklich brauchen.

Was für gute UX nötig ist

User Experience kann nur durch ein Team aus User Researchers (Leute, die sich mit Human Factors, Anthropologie/Ethnografie, Psychologie etc. auskennen) und Designern (Grafik-, Visual-, Industrial- und UI-Designer) sichergestellt werden. Natürlich, so Datkowitz, braucht nicht jedes Projekt all diese Leute, aber ein Minimum wäre aus seiner Sicht ein User Experience Generalist und ein Visual Design Generalist. Und unterm Strich dürfte doch jedem Entwickler bewusst sein, dass man nicht alles selbst können kann, oder zumindest nicht richtig, denn dafür ist die Technologie heute wirklich viel zu facettenreich. Nicht umsonst gibt es Experten für einzelne Teilaspekte von UX: Es gibt sie, weil sie Felder abdecken, die in sich schon so komplex sind, dass kaum Zeit für einen anderen Fokus bleibt – zumindest nicht, wenn man in seinem Feld den Anspruch hat alles richtig zu machen. Natürlich schadet es keineswegs, wenn auch gewisse Kenntnisse über überlappende Themen vorhanden sind, aber es sollte doch jeder sein Steckenpferd bedienen.

Datkowitz ist heute kein Einhorn mehr und will auch nie mehr dorthin zurück. Heute, so sagt er, kann er sich als UX-Architekt auf das konzentrieren, was er am besten kann, während seine Team-Kollegen die Aspekte abdecken, die sie viel besser beherrschen als er. Zielgerichtetes Wissen und Fähigkeiten führen am Ende zum besseren Resultat und so traumhaft die Einhorn-Idee auch sein mag, sollten sich Entwickler ihr nicht unterwerfen, da sie damit nicht nur sich selbst und ihre Kunden, sondern vor allem ihren User schaden.

Aufmacherbild: Stylized Unicorn’s head in the round frame, hi-res illustration von Shutterstock / Urheberrecht:ensiferum

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