Wird der Safari zum neuen Internet Explorer?

Apples Safari-Browser: ein Leben in der Vergangenheit?
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Wenn Konferenzen wie die EdgeConf rufen, kommen die Großen der Webindustrie zusammen, um über neue und aufstrebende Technologie zu diskutieren. Natürlich sind da auch alle großen Browser-Hersteller vertreten, immerhin geht es ja um Technologien für den Browser. Doch Moment – alle Browser-Hersteller?

Glaubt man Nolan Lawson, ist eines der Unternehmen, die man erwartungsgemäß auf einer solchen Veranstaltung treffen würde, eher zurückhaltend, was die Anwesenheit anbelangt – ein Fakt, der zwar nicht unbemerkt an den Webentwicklern vorbeigeht, aber trotzdem gerne totgeschwiegen wird. Der sprichwörtliche „Elephant in the Room“ sozusagen.

Die Rede ist natürlich von Apple, die schon seit Jahren eher unterschwellig ihr Interesse an der Weiterentwicklung des Webs kundtun und wenn sie APIs implementieren, das oft nur halbherzig umsetzen. Als Beispiel nennt Lawson hier die Implementierung von IndexedDB, die erst letztes Jahr in den Safari Einzug gehalten hat – zwei Jahre später also, als in allen anderen großen Browsern inklusive des Internet Explorers. Und dann war sie auch noch so schlecht umgesetzt, dass die meisten Entwickler sie als unnutzbar abgestempelt haben. Auch ein Jahr später wurden nur wenige Bugs behoben, und die Chancen, dass bald für eine bessere Implementierung gesorgt wird, stehen angesichts solcher Tweets (und der nachfolgenden Diskussion) wohl auch eher schlecht:

Safari und die „wohlwollende Vernachlässigung“ des Webs

Das Gefühl vieler Webentwickler, dass Safari immer mehr hinter den anderen Browsern zurückbleibt, ist nicht neu – und vielleicht ist es auch nicht überraschend, wenn gerade einmal im Jahr pünktlich zur WWDC eine neue Safari-Version vorgestellt wird. Dabei kann man Apple zumindest Performance-seitig nicht einmal vorwerfen, dass sie keine Verbesserungen vornehmen würde, denn dank der Implementierung von JSCore und WKWebView ist die Performance des Safaris deutlich verbessert worden.

Bei der Implementierung von Web-APIs sieht es dagegen mau aus. Weder Offline-Storage noch Push-Benachrichtigungen oder installierbare Web-Apps lassen sich im Safari finden, von der Implementierung von APIs wie Web-Components, Shadow DOM, Service Worker oder Web Manifests ganz zu schweigen – und die Liste der nicht von Safari unterstützten Technologien auf caniuse.com wird immer länger. Dabei war das nicht immer so. Noch vor fünf Jahren war es Apple, die (mit) dafür gesorgt haben, dass Web-Apps zu nativen Apps Anschluss finden können und viele der dafür entwickelten Technologien stammen sogar aus Apples eigener Hand.

In letzter Zeit lässt sich Apples Strategie zur Weiterentwicklung des Webs aber eher, so erklärt Lawson, als „benevolent neglect“ beschreiben – also als wohlwollende Vernachlässigung. Ob es daran liegt, dass man sich nicht mit dem eigenen, überaus erfolgreichen App-Store-Business-Modell ins Gehege kommen will oder dass Apple vermehrt auf die Wünsche der iOS-Entwicklerriege reagiert, sei jetzt mal dahingestellt. Letztendlich weiß sowieso nur Apple über die eigenen internen Prozesse Bescheid und versteht sich überaus geschickt darin, sie unter bestmöglichem Verschluss zu halten.

Willkommen im Web 2010

Ein solches Verhalten wie Apple es an den Tag legt, ist an sich nichts Neues und kennt man auch von anderen Browser-Hersteller. Während Microsoft aber gerade mit seinem neuen Browser Microsoft Edge endlich zur modernen Konkurrenz aufzuschließend scheint – man werfe nur einen Blick auf all die neuen Features, die der neue Microsoft-Browser mit sich bringt und von deren Implementierung im IE man lange Zeit nur träumen konnte – scheint es als mache der Safari Rückschritt um Rückschritt. Oder anders gesagt: Safari ist der neue Internet Explorer.

Wie sollen die Web-Entwickler mit einer solchen Feststellung umgehen, und – noch viel wichtig – was können sie tun? Nolan Lawson sieht dabei drei Möglichkeiten:

1. Polyfills für den Safari-Support nutzen

Sicherlich die einfachste, aber vermutlich nicht die effektivste Methode ist es, bei dem zu bleiben, was man kennt und die neuen Technologien mit Polyfills zu unterstützen. Klingt an sich ganz einfach und ist sicher für den Typ Entwickler geeignet, der neue Technologien eh erst nutzt, wenn sie Cross-Browser zur Verfügung stehen, sorgt aber vermutlich auch dafür, dass Apple erst Recht keinen Anreiz sieht, mehr zu tun, um mit der Konkurrenz mitzuhalten.

2. Stichwort Progressive Enhancement

Manchmal ist es dagegen besser, die Keule rauszuholen – sprich in diesem Fall gerade die Technologien zu nutzen, die Safari nicht unterstützt. Möglich ist das zum Beispiel beim Erstellen von Webapps, die Service Worker nutzen und hervorragend unter Android funktionieren, unter iOS dagegen eher weniger. Das Problem an der Sache: es dürfte schwierig sein, Webentwickler davon zu überzeugen, sich die Hälfte ihres Publikums durch die Lappen gehen zu lassen.

3. Der Kompromiss: bei WebKit contributen

Lösung Nummer drei wäre es also, die neuen APIs selbst zu implementieren – der Safari-Core ist immerhin Open Source verfügbar. Allerdings ist auch das keine Garantie, dass sie als neue WebKit-Features auch für den Safari deployt werden, denn die Vergangenheit hat bereits gezeigt, dass Apple sich gerne etwas mäkelig mit Contributions von außerhalb anstellt.

Die Frage bleibt also: was tun? Eine endgültige Lösung hat Lawson auch nicht, spricht sich aber dafür aus, die Annahme neuer Webtechnologien zu bewerben, egal ob Safari sie unterstützt oder nicht. Dazu sagt er:

If we can start building a vibrant ecosystem of web applications where Apple is not invited, then maybe they’ll be forced to pull a Microsoft and make their own penitent walk to Canossa. Otherwise we’ll have to content ourselves with living in the web of 2010, with Safari replacing IE as the blue-tinged icon that fills web developers with dread.

Aufmacherbild: vector silhouettes of a family gathering in a living room with an elephant in the background von Shutterstock / Urheberrecht: Robert Adrian Hillman

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