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Schwindel und Übelkeit durch Animationen

Die virtuelle Reisekrankheit durch Animationen
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Barrierefreiheit ist nicht nur dann ein wichtiges Thema, wenn es um Treppen und Aufzüge geht. Auch und gerade im Internet muss viel bedacht werden, damit Websites für jeden User gleichsam zugänglich und nutzbar sind. Im Gegensatz zum Einbau eines Fahrstuhls ist Barrierefreiheit im Internet aber eigentlich leicht zu erreichen. Häufig fehlt es jedoch noch am Bewusstsein dafür, was alles unter diesen Begriff fällt. Denn es geht um weitaus mehr, als nur die Gestaltung von Websites, die per Screenreader benutzt werden können.

Auch Animationen können zur großen Barriere werden. Sie sind eigentlich eine tolle Sache: sie lenken die Aufmerksamkeit des Nutzers und können so dazu beitragen, Websites und Apps leichter nutzbar zu machen. Sieht der User, wie sich ein Element von einem Platz auf der Website an einen anderen verschiebt, muss er nicht danach suchen; wird er durch eine Animation auf ein wichtiges Eingabefeld hingewiesen, braucht er weniger Zeit um es zu finden. Auch zur Vermittlung großer Mengen an Informationen eignen sich beispielsweise Karussells sehr gut. Ohne dass der Nutzer etwas tun muss, wird ihm präsentiert, was die Website zu bieten hat.

Scrolljacking als Barriere

Als Apple jedoch das Scrolljacking eingeführt hat, wurde das Thema der Animationen auf eine ganz neue Ebene gehoben. Statt sich auf bestimmte Bereiche einer Websites zu beschränken, bestehen manche Websites nun gefühlt nur noch aus Bewegungen – und zwar vornehmlich unvorhersehbaren. Beim Scrollen können sie sich in jede erdenkliche Richtung bewegen, gerne auch in mehrere gleichzeitig.

Besonders problematisch sind solche Webdesigns für Menschen mit Gleichgewichtsstörungen, Migräne oder Epilepsie. Sie können aufgrund der großen, weitläufigen Bewegungen am Bildschirm unter starken Schwindelattacken oder Kopfschmerzen leiden, die auch lange nach dem Schließen der Seite weiterhin bestehen. Aber auch gesunde Nutzer empfinden solche Animationen häufig als unangenehm. Das Betrachten solcher Websites löst bei manchen Menschen eine Art Reiseübelkeit aus.

Barrieren betreffen viele Nutzer!

Daran wird auch ersichtlich, warum Barrierefreiheit zunehmend nicht mehr als Thema der Randgruppen wahrgenommen werden sollte, sondern ins Zentrum des Webdesigns gehört. Das Feld der barrierefreien Webgestaltung ist nämlich so groß, dass es sich nicht nur auf wenige User beschränkt; im Gegenteil. Es lohnt sich also, die eigene Website in dieser Hinsicht genauer unter die Lupe zu nehmen.

Nun wäre es aber zu hoch gegriffen, Animationen im Web grundsätzlich zu verdammen. Bewegte Elemente einer Website erfüllen einen bestimmten Zweck und machen durchaus Spaß, das sollte niemandem genommen werden. Wichtig ist allerdings, auf die Ausmaße sowie die Ausrichtung von Animationen zu achten. Sehr große, weiträumige Animationen bereiten häufiger Schwierigkeiten als einzelne animierte Objekte wie Buttons. Bewegt sich der gesamte Anzeigebereich des Bildschirms, ist das ein Indikator dafür, dass manche Nutzer Probleme damit haben könnten.

Problematische Animationen

Auch die Bewegungsrichtung ist wichtig. Wenn Elemente sich entgegen den Erwartungen der Nutzer bewegen, kann das auch über die Problematik des Schwindels hinaus irritierend sein. Eine solche Animation mag zwar Aufmerksamkeit erregen, kann aber auch zum Ärgernis werden. Wenn User auf Websites nach unten scrollen, erwarten sie, dass sich der Website-Inhalt nach oben verschiebt. Eine dem entgegen gesetzte Bewegung sollte gut überlegt sein.

Darüber hinaus kommt es auch hier auf die Masse an: Wenn ein kleines Element in die falsche Richtung wandert, ist das weniger problematisch, als wenn die Website sich gleichzeitig nach oben, unten, rechts und links verändert. Allerdings können auch solche Animationen sinnvoll sein, wenn sie richtig eingesetzt werden.

Eine Alternative für User zu schaffen, die damit nicht zurechtkommen, ist an dieser Stelle aber wichtig. Je mehr Elemente sich bewegen, desto bewusster sollten Entwickler sich der Tatsache sein, dass sie damit eine Nutzergruppe ausschließen. Eine Idee wäre es, Websites Buttons hinzuzufügen, mit denen Animationen verlangsamt oder komplett deaktiviert werden können. Das ist allerdings mit viel Aufwand verbunden – und abhängig vom Bewusstsein der Webentwickler.

Lokale oder globale Lösungen?

An diesem Bewusstsein scheint es allerdings häufig zu fehlen, auch wenn es um viel banalere Anforderungen der Barrierefreiheit geht. Obwohl eine Unterstützung für Programme, die die Inhalte von Websites für Menschen mit Sehbehinderungen zugänglich machen, sogenannte Screenreader, schon lange zum Standard gehören sollten, fehlen die entsprechenden Tags im Code noch häufig. Insofern wäre es hinsichtlich der Animationen wohl interessant, nach übergreifenden Lösungen zu suchen.

Ein Ansatz für eine solche Lösung könnte die Implementierung einer Funktion zum Anhalten von Animationen im Browser sein. Bisher ist das nur über Add-ons möglich, von denen jedoch die meisten nur den einen oder den anderen Typ von Animationen abdecken. Gerade für technisch nicht allzu versierte Nutzer kann es also zu einer großen Herausforderung werden, die richtige Kombination an Plugins zu finden. Sind weitere Bedienungshilfen notwendig, kann dieser Weg gänzlich blockiert sein.

Einfache Lösungen

Besser wäre es, wenn Browser ein eingebautes Feature zur usergesteuerten Kontrolle von Animationen mitbringen würden. Diese Idee ist auch gar nicht so abwegig, immerhin ist das mit dem Web Animations API in Chrome und Firefox bereits über die Entwicklertools möglich. Das API müsste nur mit einem User Interface für den Durchschnittsnutzer versehen werden.

Abgesehen davon schadet es aber grundsätzlich auch nicht, wenn Entwickler und Designer etwas mehr über die Bedürfnisse von Nutzern mit der einen oder anderen Einschränkung nachdenken würden. Um die eigene Website auf ihre Barrierefreiheit zu überprüfen, ist es nämlich gar nicht notwendig, sich mit allen Details der Thematik vertraut zu machen. Dafür stehen zahlreiche Tools wie WAVE zur Verfügung, die nicht nur anzeigen, wo Fehler liegen, sondern auch, wie diese ausgebessert werden können. Barrierefreie Websites sind nämlich gar nicht so schwer zu erstellen!

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