Gute Übersetzungen sind nicht einfach – aber wichtig! Teil 2

Webangebote lokalisieren: User Interfaces testen mit Googles LQS
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Wer die Übersetzung einer Website in Auftrag gibt, kann in vielen Fällen nur darauf hoffen, ein gutes Ergebnis zurück zu bekommen. Während Englisch nämlich noch leicht überprüfbar ist, wird kaum ein Auftraggeber beispielsweise selbst Japanisch sprechen. Gerade bei User Interfaces ist es jedoch unverzichtbar, wirklich gute Übersetzungen zu verwenden. Ansonsten kann es dem Nutzer nämlich schwer fallen, die Seite zu bedienen. Um herauszufinden, wie gut eine Übersetzung ist, hat Google nun den Language Quality Survey entwickelt.

YouTube ist in mehr als 60 Sprachen verfügbar. Natürlich beauftragt Google immer Experten mit der Übersetzung. Trotzdem gab es immer wieder Hinweise auf Probleme mit der einen oder anderen Sprachversion des User Interface. Um diesen auf den Grund zu gehen, ist der Language Quality Survey (LQS) entstanden.

Testen ist schwer

Das Problem am Testen von Übersetzungen des User Interface einer Website ist, dass es dafür kein einfaches, gutes Verfahren gibt. Einerseits kann natürlich die Sprache an sich formal auf Fehler geprüft werden; andererseits können Experten befragt werden. Die Suche nach Tippfehlern gibt aber keine Auskunft darüber, ob die verwendeten Begrifflichkeiten dem entsprechen, was der Nutzer erwartet. Und auch die Rückmeldung von Linguisten kann das reale Userverhalten und die damit einhergehenden Verständnisprobleme nicht vollständig vorhersagen.

Gewisse Schwierigkeiten lassen sich aber natürlich auch anders erkennen. Wenn eine Heatmap und die Auswertung der Suchstatistiken zeigen, dass die Nutzer einen bestimmten Button einfach nicht benutzen, obwohl sie offenbar danach suchen, könnte ein sprachliches Problem vorliegen. Auch dann, wenn bestimmte Themen in einer bestimmten Sprache kaum gelesen werden oder der Support immer wieder wegen derselben, in anderen Sprachen nicht auftretenden Probleme kontaktiert wird, zeigt das, dass etwas nicht stimmt.

Aufwändige linguistische Verfahren

An anderen Stellen sind Probleme allerdings nicht so einfach ersichtlich. Um zu verstehen, wo genau Schwierigkeiten mit dem Verständnis von Texten und Interfaces auftreten, würden Linguisten nun versuchen, das Nutzerverhalten live zu beobachten. Durch die Aufnahme von Blickbewegungen können Schwierigkeiten erkannt werden; wenn eine Versuchsperson jedes mal einen Knopf drücken soll, sobald sie über ein untypisches oder unverständliches Wort stolpert, ist auch das eine sehr akkurate Messmethode.

Aber natürlich sind derartige Methoden nicht für die Untersuchung von Schwierigkeiten mit vielsprachig verfügbaren User Interfaces im Web geeignet. Solche Tests sind mit großem Aufwand und hohen Kosten verbunden und stehen somit zumeist in keinem Verhältnis zum erhofften Ergebnis. Stattdessen bietet sich die Befragung von Nutzern an, die bereits einige Erfahrung mit dem jeweiligen Interface gesammelt haben. Eine solche Befragung hat allerdings auch ihre Nachteile. Einerseits sind die Rückmeldungen ungenauer als beim direkten Testen während des Lesens, andererseits nehmen nur interessierte Nutzer überhaupt an der Befragung teil. Dadurch ist nie gänzlich klar, ob die Gruppe der Teilnehmer repräsentativ für die gesamte Nutzerschaft ist.

Fragebögen richtig erstellen

Auch die Erstellung aussagekräftiger Fragebögen ist mit einigen Schwierigkeiten verbunden. So ist es wichtig, eindeutige Fragen zu stellen, die nicht zu viel Interpretationsspielraum lassen. Außerdem dürften die gestellten Fragen keine Tendenz zur Beantwortung vorgeben, sondern müssen offen gestellt werden. Anreize wie die Verlosung von Gutscheinen können dabei helfen, ausreichend viele Nutzer zur Teilnahme zu motivieren; sie können dadurch aber auch eher uninteressierte Teilnehmer anlocken, die nur zu mehr Aufwand in der Datenbereinigung führen, weil sie durchgängig dieselbe Antwortoption auswählen.

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Für den von Google nun veröffentlichten Survey wurden zehn Fragen von Linguisten entwickelt, die die Bereiche der Lesbarkeit und der sprachlichen Richtigkeit umfassen. Zur ersten Kategorie gehören Fragen nach der Freundlichkeit, Professionalität, Natürlichkeit, Schwierigkeit und Angemessenheit der Sprache der im User Interface verwendeten Texte. In der zweiten Kategorie wird abgefragt, wie häufig Nutzer Fehler in der Grammatik oder Tippfehler bemerken, wie oft sie Texte sehen, die keinen Sinn ergeben und wie häufig nicht übersetzte Wörter im User Interface auftauchen. Zusätzlich wird abgefragt, wie zufrieden die Nutzer insgesamt mit der Sprachqualität der Website sind.

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Gibt ein Nutzer eine Antwort auf dem negativen Ende der Bewertungsskala, wählt also beispielsweise aus, dass er häufig über Tippfehler stolpert, kann er dafür in einem Freitextfeld Beispiele benennen. Dadurch kann in der Auswertung nicht nur eine Aussage über die allgemeine Sprachqualität getroffen werden, sondern es ist auch ersichtlich, wo genau Nutzer Schwierigkeiten verorten.

LQS: Sprachvergleichend verwendbar

Der von Google entwickelte LQS ist vor allem dann sinnvoll nutzbar, wenn er in mehreren Sprachen parallel durchgeführt wird, da es sich primär um ein statistisches Instrument handelt. Am wichtigsten ist dabei die Untersuchung der Ursprungssprache, um einen Vergleichswert zu haben. Im Normalfall sollten hier die wenigsten Probleme auftreten. Sobald also bekannt ist, wie gut das User Interface in der Ursprungssprache abschneidet, können Übersetzungen dem gegenübergestellt werden.

Wichtig ist auch, dass die erfassten Daten nach der Befragung gut bereinigt werden. Nutzer, die erstmalig auf einer Website sind und an einer solchen Befragung teilnehmen, können keine aussagekräftigen Antworten geben. Auch spielt die Sprachkompetenz eine große Rolle. Muttersprachler haben ein anderes Sprachverständnis als Menschen, die eine Sprache erst später erlernt haben. Nicht-Muttersprachler und Erstbesucher sollten darum am Ende aus dem Datensatz entfernt oder zumindest gesondert betrachtet werden. Auch das Alter spielt eine wichtige Rolle für die Auswertbarkeit der Befragung. Ältere Menschen besitzen häufig ein geringeres technisches Know-How, sodass sie eher Probleme mit User Interfaces bekommen als junge Nutzer.

Abwägungssache

Diese Faktoren wurden auch von Google bei der Untersuchung der Sprachqualität der Übersetzungen des YouTube User Interfaces mit einbezogen. Wer eine noch genauere Auswertung wünscht, kann außerdem Aspekte wie das Bildungsniveau oder die Beschäftigungsbranche der Befragten erfassen, um die jeweilige sprachliche Kompetenz in etwa einschätzen zu können. Diese Einordnung ist allerdings eher ungenau.

Auf YouTube angewendet konnten mit dem LQS interessante Ergebnisse erzielt werden, die offenbar tatsächlich Aufschluss über die Nutzbarkeit des User Interface in verschiedenen Sprachen geben. So fand Google heraus, dass ein Drittel der Übersetzungen des YouTube UI unterhalb der Qualität der Ausgangssprache liegen. Basierend auf den von den Befragten angegebenen Beispielen konnten einige Problemquellen identifiziert werden, beispielsweise in der Originalsprache belassene Screenshots auf anderssprachigen Hilfe-Seiten. In der Auswertung wurde jedoch auch festgestellt, dass die herangezogenen Linguisten nicht jedes von den Nutzern benannte Problem als solches empfinden.

Mehrdimensionale Problemlösung

Wichtig ist allerdings zu beachten, dass die Sprache nur ein Faktor ist, der die Qualität eines User Interface mitbestimmt. Auch kulturelle Design-Unterschiede können zu Schwierigkeiten führen, die nicht über eine Befragung zur sprachlichen Qualität einer Übersetzung erkannt werden können. Insofern stellt der LQS nur ein Werkzeug dar, das vor allem im Kontext eines Gesamtpakets zur Internationalisierung von Websites herangezogen werden kann. Bislang ist der LQS auch nur für Desktop-Websites getestet worden, nicht für Apps. Die Fragen sind aber über die veröffentlichte Entwicklungs-Studie zum Language Quality Survey verfügbar, sodass die Methode künftig allgemein verwendet werden kann.

Websites so zu gestalten, dass sie weltweit gleichermaßen gut genutzt werden können, ist nicht einfach. Sprache und Kultur müssen beachtet werden, eine gute Regionalisierung ist ebenso wichtig wie der richtige Tonfall. Wenn es aber an der Sprache hapert, hat das beste Design keine Chance. Insofern ist es durchaus sinnvoll, den frei verfügbaren LQS einmal genauer zu betrachten und vielleicht anzuwenden.

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Aufmacherbild: Foreign languages learn and translate education concept via Shutterstock / Urheberrecht: cybrain

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