Quo vadis, Internet?

Werbefinanziertes Internet – Zukunft oder Vergangenheit?
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Geben wir es doch einfach zu: Das mobile Internet funktioniert nicht so, wie wir es uns wünschen. Und auch am Desktop ist nicht alles eitel Sonnenschein: Wer keinen Ad- oder Scriptblocker nutzt, wird ausspioniert und ertrinkt fast in Werbung; wer aber eine solche Lösung verwendet, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, nichts für das Internet zu zahlen. Denn Werbung ist die Web-Währung, ob wir wollen oder nicht. Paywalls, die bisher einzige echte Alternative zum werbefinanzierten Netz, erfreuen sich nämlich auch nicht allzu großer Beliebtheit. Eher im Gegenteil. So geht es also auch nicht. Dass sich etwas ändern muss, auf die eine oder andere Weise, ist aber wohl jedem klar, der häufiger mal mit dem Smartphone im Netz surft. Die Seitenladezeiten sind häufig jenseits der zehn Sekunden und somit unerträglich. Und eigentlich will man auch gar nicht wissen, woran das denn liegt – der Content kann es nämlich in den meisten Fällen eher nicht sein.

Nilay Patel hat es auf TheVerge.com sehr plakativ ausgedrückt: The mobile web sucks. Und wohl jeder wird seine Erfahrungen teilen. Das Internet kann nur am Desktop-PC wirklich bequem genutzt werden; auch dann, wenn das Smartphone eigentlich genug Leistung mitbringen würde. Die mobilen Browser, so stellt Patel fest, müssen einfach besser werden, um mit dem Internet, wie es nun einmal ist, zurechtzukommen.

Werbung als Problem …

Denn die Alternative lautet, dass virtueller Content ein Stück weniger neutral wird: Apps, herausgegeben von einzelnen Unternehmen, die das Publizieren von Content in smartphonetauglicher Form erlauben, stellen immer auch eine Hürde da. Für den Herausgeber, für den User. Zwar wird es damit erträglich, gerade redaktionelle Inhalte mobil zu konsumieren, weil sich die Werbung in Grenzen hält; User mit älteren internettauglichen Devices werden so aber doch wieder dem alten Problem überlassen. Auch haben Privatunternehmen, die Nachrichten per App smartphonetauglich machen, immer die Hoheit über die publizierten Inhalte. Manipulationen der Nutzermeinung über die geschickte Auswahl von Inhalten sind nicht kontrollierbar – und können sogar als „personalisierter Content“ verkauft werden. It’s not a bug, it’s a feature!

Andererseits ist TheVerge.com selbst gerade eines der besten Beispiele dafür, warum das mobile Internet so unbequem ist, sagt Les Orchard. Denn der vom Nutzer gewünschte Content hat eben meist wirklich nichts damit zu tun, dass eine Website langsam ist. Schuld daran sind die 20 und mehr Drittanbieter- Seiten, die im Hintergrund geladen werde. Natürlich, manche davon bieten dem Nutzer einen echten Vorteil – ein Facebook-Button kann ja richtig praktisch sein, auch wenn er zu den eher größeren Datenkraken gehört. Doch das ist bekannt. Aber wer weiß schon, was hinter den vielen anderen Seiten steckt, die der Nutzer nicht kennt und nie kennenlernen wollte? Welche Daten diese Seiten über den einzelnen Nutzer gespeichert haben, kann niemand wissen. Die Daten sind dem Nutzer nicht zugänglich, er hat kein Recht darauf, sie zu kontrollieren oder löschen zu lassen. Und darin liegt das Problem – ein Verzicht auf diese Art der Datensammlung würde das Problem der Ladezeiten also durchaus lösen können.

… oder als Lösung?

Eben diese Daten werden aber verwendet, um personalisierte Werbung einzublenden. Werbung im Netz ist nämlich eine komplizierte Sache. Kaum jemand bucht noch Anzeigen, die direkt auf einer einzelnen Website erscheinen sollen; diese Zeiten sind vorbei. Inzwischen wird Werbung über große Netzwerke geschaltet, die per Abfrage der gespeicherten Nutzerdaten im Bruchteil einer Sekunde eine mehr oder weniger passende Anzeige auswählen und einblenden. Das Problem dabei ist allerdings, dass diese Anzeigen vergleichsweise wenig wert sind – von dem damit verbundenen Ad-Betrugspotenzial mal ganz zu schweigen. Selbst auf Facebook geht es nur um einen Cent pro Stunde, die eine Anzeige einem Nutzer gezeigt werden soll. Wie wird es dann wo anders sein?

Daraus resultiert, dass der Markt immer härter um Nutzerdaten und noch genauere Profile kämpft; jedes Detail ist wichtig, um doch ein paar Cent mehr herauszuschlagen. Die Betreiber der Websites, auf denen eine Anzeige am Ende erscheint, haben längst den Einfluss darauf verloren, welche Werbung ihren Nutzern angezeigt wird. Natürlich können sie eine grobe Auswahl treffen, sodass es nur noch selten zu Fauxpas kommt wie damals, als eine Anzeige mit pornografischem Inhalt auf der Website eines Automobilkonzerns zur Erfindung der Popup-Werbung führte. Aber am Ende geht es bei den nominalen Größen von 10MB für den Abruf eines Newsartikels und mehr eben auch darum, dass Websites überleben können. Das Geld muss irgendwo herkommen – und Werbung braucht diese Daten nun mal. Am Ende könnte das aber immer noch das kleinere Übel sein.

Datensammlung mit integriertem Datenschutz und Freiheitsnutzen?

In den meisten Fällen wird durch eine Werbefinanzierung nämlich eine bestimmte Art von Daten nicht abgerufen – die, die eine unmittelbare Verbindung zur realen Person zulässt. Kreditkarten- und Adressdaten bleiben außen vor. Wer jedoch eine Paywall einbaut, damit Nutzer werbefrei und somit ohne unkontrollierte Datenerfassung fürchten zu müssen auf Services zugreifen können, muss Wege anbieten, auf denen diese Zahlung möglich ist. Zwar bietet Paypal heute bereits einen recht anonymen Zahlungsweg an; allen potentiellen Nutzern ist dieser Weg aber auch nicht möglich. Armutsregionen, junge Nutzer oder sehr alte mit geringem Vertrauen in ihre Fähigkeiten und die Technik werden so ausgesperrt. Wieder würde das Netz also ein Stück an Zugänglichkeit einbüßen.

Die Situation ist kompliziert. Einerseits liegt das Problem des langsamen mobilen Internets klar bei den Websitebetreibern, andererseits stehen dem ökonomische Zwänge und Überlegungen zur Zugänglichkeit gegenüber. Lieber langsam als gar nicht, oder? Sind also doch die Browser-Entwickler am Zug, ihre Produkte endlich so weit zu verbessern, dass sie auch mobil optimal mit großen Datenmengen umgehen können?

Lösungsideen oder alte Probleme in neuem Gewand?

In gewisser Weise wäre das mit Sicherheit eine Lösung. Das Internet lässt sich auf alten Desktoprechnern häufig Problemlos nutzen; warum sollte das also auf dem iPhone 6 nicht funktionieren? Apple scheint sich aktuell sogar in diese Richtung zu bewegen. Zwar ist der Apple-Browser Safari nicht unbedingt dafür bekannt, besonders schnell zu laden – mit Safari 9.0 wird es aber nun endlich auch bei Apple die Möglichkeit geben, Content Blocking Extensions in den Browser einzufügen. Doch auch eine Anpassung der Leistungsfähigkeit der mobilen Browser birgt Risiken. Immerhin lädt die Möglichkeit, einem Device mehr Leistung abzuverlangen, dazu ein, eben das auch zu tun – somit könnte die Idee schnellerer Browser in einen Teufelskreis führen. Kaum kann der Browser mehr, wird diese Möglichkeit so weit ausgenutzt, dass die verfügbare Leistung nicht mehr ausreicht.

An dieser Stelle wäre aber auch eine Art freiwilliger Selbstverpflichtung der Websitebetreiber denkbar. Traffic für News-Seiten, die über gewissen Grenzwerten liegt, könnte im allgemeinen als inakzeptabel angesehen werden; zu schlimme Datensammler könnten außen vor gelassen werden. Mehr Transparenz bezüglich der erfassten Daten, eine Beschränkung auf eine maximale Anzahl von Drittanbieterseiten – auch das wäre ein Ansatz,  um das Problem zu lösen. Doch wer soll das kontrollieren? Am Ende geht es um Geld, und da fällt es doch schwer, an einen freiwilligen Verzicht zu glauben.

The end of the web as we know it?

Vielleicht ist einfach das bisherige Konzept des werbefinanzierten Internets überholt. Es hat lange funktioniert und das, soviel muss doch auch der größte Kritiker zugeben, gar nicht schlecht. Das freie Internet ist zwar abhängig davon, dass wir uns die Werbung ansehen oder zumindest ausgespielt werden; die Werbekunden haben aber doch nur einen sehr begrenzten Einfluss auf das, was das Internet uns an Inhalten anzubieten hat. Und jeder, der ein internetfähiges Gerät mit einem halbwegs modernen Browser besitzt, kann diese Angebotsvielfalt nutzen. Das ist gut – und doch stößt das Modell an Grenzen, die sich nicht bestreiten lassen.

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Es ist an der Zeit, über neue Lösungen nachzudenken. Und immerhin hätte vor zehn Jahren ja auch niemand gedacht, dass wir heute Smartphones mit Smartwatches verbinden, während wir gleichzeitig auf Tablets ganz legal und schnell Serien streamen. Warum soll das Internet also nicht in wenigen Jahren auf völlig neuen Wegen finanziert werden – und dabei gleichzeitig schneller, privater und unabhängiger werden können? Mit flattr, der Idee hinter Subscribe2Web und Co sind erste Ansätze in diese Richtung schon lange vorhanden. Nun ist es an uns, den Nutzern, zu entscheiden, welchen Weg wir gehen wollen.

Aufmacherbild: New York. 32nd street intersection sign in Manhattan von Shutterstock.com / Urheberrecht: pisaphotography

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