Interview mit Paul Bakaus

"Wir müssen dringend ein effektives Distributionsmodell für Web-Apps und das Mobile Web finden"
Kommentare

Paul Bakaus hat gewechselt – von Zynga zum Google Chrome Team. Wir haben die Situation genutzt und ihm ein paar Fragen gestellt.

Paul blickt auf eine aufregende Karriere im Web zurück – zuletzt war er beim Spielegiganten Zynga und hat mit dem W3C an Spezifikationen gearbeitet. Nun verfolgt er all seine Ziele bei einem neuen Arbeitgeber. Wir wollten wissen, was ihn treibt, wie er die Entwicklung des Webs selbst erlebt hat und was die nächsten großen Schritte sein werden.

PHP Magazin: Paul, Anfang des Jahres hast du auf deinem Blog verkündet, dass du Zynga verlässt, um fortan das Google Chrome Team als Developer Advocate zu unterstützen. Eine tolle Neuigkeit, vor allem, wenn man sich deinen Werdegang ansieht: Mit Dextrose habt ihr es euch damals zur Aufgabe gemacht, eine Game Engine in HTML5 zu entwickeln. Danach der Schritt zu Zynga – und jetzt quasi an die Quelle, zu einem der wichtigsten Treiber im Bereich der Webtechnologien. Inwiefern hat dich all das auf deine künftige Position vorbereitet?

Paul Bakaus: Bei Zynga habe ich nicht nur eine interne Game Engine und später Spiele für’s Mobile Web entwickelt, sondern war quasi der „HTML5-Mann für alles“. Also habe ich als Studio CTO bei Zynga schon viele Themen behandelt, die auch in meiner neuen Rolle bei Google essentiell sind: Präsentationen auf Spielekonferenzen geben, mit dem W3C an Spezifikationen arbeiten, Open Sourcing und natürlich Partner Relations – unter anderem mit dem Chrome Team. Mein Ziel war es schon immer, das Web „fit“ zu machen für Spiele, und so ist der Schritt zu Google – selbst Hersteller eines populären Browsers – nachvollziehbar. Vor allem wenn man bedenkt, dass ich jetzt nicht nur einem Unternehmen dabei helfen kann, geniale Web-Apps und Games zu bauen, sondern allen.

PHP Magazin: Wo wir gerade dabei sind –wie genau wird eigentlich deine Aufgabe im Google Chrome Team aussehen?

Paul: Ganz übergreifend gesagt arbeite ich dafür, dass das Web gegenüber statischen Plattform-nativen Apps gewinnt – langfristig gesehen glauben wir daran, dass Web-Apps und Spiele, die auf allen Geräten unabhängig von Plattform und Bildschirmgröße laufen, die Zukunft sind. Bis dahin ist es aber noch ein langer Weg, und ein Teil meiner Aufgabe wird es sein, Entwicklern und Unternehmen zu helfen, flüssige, schöne Apps zu entwickeln, die nicht im Schatten von „nativen“ Apps stehen müssen. Ich bin erst seit zwei Wochen an Bord – meine Rolle wird sich in den nächsten Monaten weiter definieren. Zu den Schwerpunkten werden aber sicher Games, Performance, Mobile Web, Productivity und Workflows gehören.

PHP Magazin: Du bezeichnest dich selbst als einen Kämpfer für ein besseres Web. Um wie viel ist das Web deiner Meinung nach seit deinen Anfängen besser geworden?

Paul: Meine erste Erfahrung mit dem Internet habe ich ’98 oder ’99 gesammelt – als ich 2002 anfing meine ersten Websites aufzubauen, gab es keine JavaScript-Libraries, die Cross-Browser Probleme für mich gelöst haben. Es war völlig normal, eine JavaScript-Funktion für jeden Browser neu zu schreiben und 3 verschiedene Layouts zu entwickeln. Den Begriff „Web-Apps“ (und AJAX) gab es nicht, und von Spielen waren wir ganz weit entfernt.

Dann kam Gmail als Vorreiter für das Web 2.0, das AJAX-Buzzword, und im selben Jahr die erste Version von jQuery (ein Jahr später folgte jQuery UI). Zum ersten Mal gab es zur selben Zeit eine Revolution und Evolution des Netzes – auch einfache Web-Designer konnten jetzt mit Hilfe von JavaScript-Frameworks Websites bauen, und Entwicklern wurde eine neue Welt von Möglichkeiten geöffnet – Single-Page Web-Apps, nicht nur statische Sites. 2010 habe ich mich dann gefragt, warum eigentlich keiner Spiele mit Webtechnologien baut, wo wir doch auf einmal dank Google Chrome schnelle JavaScript Engines hatten. Also stellte ich kurze Zeit später den Prototypen der Aves Engine vor, einer Vision einer isometrischen, interaktiven Spielwelt, und plötzlich war der Begriff „HTML5 Games“ keine Absurdität mehr.

Wie wir an der Vergangenheit sehen, war ein großes Problem immer, dass wir zu engstirnig mit den Möglichkeiten des Webs umgegangen sind. Niemand hat entschieden, dass das Web nicht für Spiele gemacht ist, und trotzdem etabliert sich ganz schnell ein gefährliches Status Quo: „HTML ist eine Markup-Sprache, mit der man Dokumente bastelt, basta.“ Jetzt haben wir glücklicherweise eine Vielzahl junger Webentwickler, die den Status Quo ignorieren und unglaubliche Demos hervorzaubern.

PHP Magazin: … und welche großen Entwicklungen siehst du noch auf uns zukommen?

Paul: Die aktuell größte neue Herausforderung ist, die ganzen neuen Wellen an Ideen und Technologien zu kommerzialisieren. Es gibt inzwischen Hunderte von HTML5 Game-Demos, aber leider kein einziges mir bekanntes Spiel, dass ein wirklicher kommerzieller Erfolg ist. Wir müssen dringend ein effektives Distributionsmodell für Web-Apps und das Mobile Web finden, bevor es zu spät ist. Außerdem ist die Trennung zwischen „native“ und „web“ sowieso Schwachsinn – fast alle Apps auf iOS und Android die in irgendeiner Weise mit dem Web kommunizieren, sind natürlich immer noch Web-Apps, auch wenn das UI nicht in HTML und CSS geschrieben wurde.

Wenn alles glatt läuft, werden wir in Zukunft als Konsumenten unsere alten, statischen, nativen Apps mit fantastischen Web-Apps upgraden, die unsere Geräte weiter aufwerten, weil sie in jeder Auflösung zur Verfügung stehen und mit einem Login auf all unseren Geräten laufen – ob Google Glass, Smart Watch oder vernetzter Toaster. Das ist die Zukunft die ich mir wünsche, und für die ich arbeite!

 

Aufmacherbild: Job Seeker, Job Career Concept Present By Group of Businessman With Red Interview Sign on Hand Isolated von Shutterstock / Urheberrecht: DeiMosz

Unsere Redaktion empfiehlt:

Relevante Beiträge

Meinungen zu diesem Beitrag

X
- Gib Deinen Standort ein -
- or -