IPC 2013

Wir müssen hart kämpfen, damit das Web offen bleibt
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Von vielen Fronten wird das freie Web angegriffen. DRM, dedizierte Apps und andere Einflüsse aus der Wirtschaft naschen von dem Teller, der ohne HTML nie auf den Tisch gekommen wäre. Bruce Lawson von Opera zeigt in seiner Keynote, wo derzeit gekämpft wird und wie man von Seiten des Web mit immer neuen Features und kollaborativ erarbeiteten Spezifikationen die proprietären Lösungen in Schach hält. 

Seine Worte “We have to fight hard for the open web” sind der Startschuss für den Vortrag des britischen Web-Evangelisten. In der folgenden Stunde wird er Zuschauern im Großen Saal des Holiday Inn Munich-City Centre zeigen, dass das Web frei bleiben muss. 

Bruce Lawson steht für ein offenes Web ein. Nativ-Apps können keine Lösung sein.

Einer der wichtigsten Trends, die gegen das offene Web gestürmt sind, waren Apps. Seit dem Auftreten der proprietär entwickelten Smartphone-Anwendungen setzten immer mehr Nachrichtendienste und andere Formate auf diesen neuen Weg der Verbreitung von Content. Manche der Anbieter haben vorbildliche Websites, die wunderbar auf kleine Bildschirme skalierten, und dennoch wirbt man auf den Web-Portalen für die App. Erhebungen zufolge werden via App verbreitete Inhalte sogar tatsächlich häufiger gelesen. Und so kommt die Frage nach dem “Warum hat man sich so entschieden?” auf. Es waren oft App-exklusive Features, von denen das Web nur einen Steinwurf entfernt war, sie auch zu bieten. 

Lawson wettert darüber, dass so viele Entwickler ihre Zeit in so viele proprietäre Standards investiert hatten, statt sich sie gemeinsam zu entwickeln und in Webspezifikationen münden zu lassen, an die sich alle halten können. Jeder hat bei ihnen Mitspracherecht, während Bittstellerei bei Anbietern nichtoffener Plattformen wahrscheinlich viel schwerer Gehör findet. Der Evangelist wundert sich, wie ein Webentwickler diesen Kontrollverlust in Kauf nehmen wollen kann. So zeigt er dies anhand eines konkreten Beispiels. 

Features wie der Offline Cache, bei dem Inhalte in Apps für den Offline-Gebrauch vorgehalten werden, sind in Nativ-Apps bequemerweise bereits vorhanden und sofort nutzbar. Eine praktikable Web-Lösung hingegen musste erst gemeinschaftlich erarbeitet werden, bis man mit den Service Workers und Indexed db ein taugliches Pendant für Web Apps vorliegen hatte. Dies ermöglicht die Entwicklung von Web Apps, die Offline als grundsätzlichen Zustand voraussetzen. Die Grenze zwischen Bookmark und App-Installation wurde damit ein ganzes Stück aufgeweicht. 

Doch geht es Lawson nicht nur um Feature-Parität zwischen dem Web und den Nativ-Apps. Es geht auch darum, das Not-Invented-Here-Syndrom (NIH) zu verhindern. Spezifizierung bedeutet auch, dass Entwickler auf gemeinsam etablierte Lösungen zurückgreifen können, an denen sie weiter arbeiten, um sie kontinuierlich zu verbessern. Diese bewahren als weiterer Nebeneffekt die Interoperabilität zwischen den unterschiedlichen Geräten, Betriebssystemen und Browsern. Lawson deutet dafür das Akronym NIH um in “No Interoperability – Hand the future to native”. 

Schon jetzt beteiligen sich etliche Vendors, aber auch Nutzer wie die British Broadcasting Corporation an der Spezifizierung des Webs. Bei der BBC hat man erkannt, dass es nachhaltig nicht tragbar ist, gegen etliche verschiedene Standards zu arbeiten, nur um sein Publikum zu erreichen. Teilnehmer wie die Britische Rundfunkanstalt dürfen sich daher über den beschleunigten Spezifikationsprozess freuen, den man mit dem Extensible Web Manifesto festgeschrieben hat. 

In ihm wird der Virtuous Circle beschrieben, nach welchem Web-Features schon vor ihrer Spezifizierung nutzbar werden, und im Falle einer starken Verwendung schließlich spezifiziert werden. So hat man sowohl den Prozess effizienter gestaltet als auch den Workflow auf den Kopf gestellt, der neuen Technologien üblicherweise vorausgeht. 

Soweit zu den Features, die alle wollen. Jetzt zu einem, das das Web braucht, ohne es zu wollen oder zu mögen oder in irgend einer Form mit seinem Gewissen vereinbaren zu können. Es ist Digital Rights Management, kurz: DRM

Warum das Web DRM braucht? In erster Linie, um es anzubieten. Das Web muss solche Wünsche erfüllen, um bei den Nativ-Apps in allem etwas entgegenzusetzen, was sie zu bieten haben. Lawson sagt dazu: “The web needs it so native stops eating the web’s lunch.”

Performance ist ein weiterer Aspekt, an dem man im Web arbeiten muss. Ungern erinnert man sich an das Debakel mit der Facebook App, dem reichlich schlechte Publicity für HTML5 folgte. Kommende Web-Features wie das Lazy Block Layout werden dieser Kritik begegnen. Bei dieser HTML-Technologie werden Inhalte verzögert geladen, um in Web Apps eine schnellere Bereitschaft grundlegender und sofort sichtbarer Inhalte zu ermöglichen. Ein weiterer Keks, den Native Apps den Web Entwicklern nicht mehr wegnaschen. 

Und so beendet Lawson seinen Vortrag mit einem Ausblick auf die Expansion des Internets in neue Bereiche des Globus: In ärmeren Regionen nutzen Menschen keine Smart Devices. Ihr einziges Tor zum WWW und damit zur Außenwelt erfolgt oft mit dem Opera Mini, der statt einer eigenen Rendering Engine einen Cloud-Dienst mit dem HTML-Parsing beauftragt und lediglich stark komprimierte Abbilder von den eigentlichen Websites zu den Clients schickt. Diese Menschen darf man nicht durch die Entwicklung in geschlossenen Silos aussperren und vom Web der restlichen Welt ausschließen. 

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