Amazon-Gründer Jeff Bezos kauft die Washington Post – internationales Medienecho im Überblick
Kommentare

Nur normale Fluktuation im Verlagswesen oder ein Erdbeben nach dem anderen? Vor kurzem der Mega-Deal in Deutschland: Der Axel Springer Verlag verkauft große Teile seines Regionalzeitungs- und Zeitschriftenportfolios (Berliner Morgenpost, Hamburger Abendblatt, Hörzu, Bild der Frau, TV Digital, u.a.) an die Funke-Mediengruppe. Am Wochenende wurde bekannt: Der Verlag hinter der New York Times verkauft das Traditionsblatt Boston Globe für 70 Millionen Dollar, einem Zehntel des ursprünglichen Kaufpreises, an den Unternehmer John W. Henry.

Gestern dann der Paukenschlag mit größter Symbolkraft für das amerikanische Verlagswesen: Amazon-Chef und Gründer Jeff Bezos kauft für 250 Millionen Dollar die Washington Post. Diese Investition tätigte Bezos wohlgemerkt als Privatmann und nicht für Amazon.

Wir haben uns das internationale Medienecho angeschaut und die interessantesten Analysen zusammengefasst.

Internationale Stimmen:

Für Michael Hiltzik von der Los Angeles Times ist der Bezos-Kauf unter all den Verlagsdeals der letzten Zeit – den abgeschlossenen und den vermuteten – derjenige, der verheißungsvollste. Denn in den Äußerungen von Bezos meint Hiltzik einen sehr wichtigen Punkt ableiten zu können: Bezos wird mit dem Medium Zeitung experimentieren, er werde die Post zu einem Labor umkrempeln. Und genau das sei die Abkehr von der alten Art und Weise einen Verlag zu führen. Darüber hinaus seien Bezos bisherige Erfolge beim Experimentieren nicht von der Hand zu weisen.

Im Wall Street Journal fragen sich Greg Bensinger und Stu Woo welcher Art von Medienmogul Jeff Bezos sein wird. Eher ein Randolph Hearst, US-Medientycoon und Vorbild für „Citizen Kane“, oder ein Warren Buffett, der als inzwischen viertreichster Mensch der Welt vor allem durch Mäzentätigkeiten für Aufsehen sorgt. Darüber hinaus würdigt man Bezos bisherige Erfolge.

Henry Blodget, CEO und Redakteur von Business Insider, betont die Vorzüge, die Unternehmen haben, wenn Jeff Bezos in sie investiert. Er sei geduldig und brillant und gehe als Führungsperson mit gutem Beispiel voran. Über die Gründe, warum Jeff Bezos ausgerechnet die Washington Post kaufe, spekuliert Blodget: Bezos glaubt, die Washington Post zu übernehmen und zu leiten, mache Spaß, sei interessant und cool. Und wenn das alles sei, was am Ende dabei herauskommen, wäre das okay für Bezos. Er sei schließlich jemand, der in Raketen und Atomuhren investiere. 

Für Emily Bell vom Guardian markiert die Übernahme einen faszinierenden Übergang: weg vom Einfluss der Ostküste hin zu einem Silicon Valley Unternehmertum. Darüber hinaus ist der Post-Kauf für Bell kein Business-Deal, sondern vielmehr ein kulturelles Statement. Nachrichten sind nicht mehr die Industrie, die sie einst waren. Sie sind gar keine Industrie mehr. Nachrichten sind ein kulturelles Gut und dessen Format und Vertrieb muss sich an die veränderten Kundenbedürfnisse und die veränderten Fähigkeiten der Kunden anpassen.

Tara McKelvey von der BBC hebt das Überraschungsmoment des Verkaufs hervor. Bezos wisse, wie man ein Geheimnis geheim behalte. Die Übernahme sei so diskret abgelaufen wie die Operation gegen Osama Bin Laden in Paksitan. Jetzt allerdings würde Bezos den Übergang zu einem komplett digitalen Format der Post beschleunigen. Der von McKelvey befragte Autor Jeff Jarvis sieht in dem Kauf sogar eine Art philanthropischen Akt. Bezos versuche eine amerikanische Institution zu beschützen. Man müsse jedoch hoffen, dass er nicht einfach nur ihre Rechnungen bezahle.

USA Today betont in ihrem Videobericht, dass Bezos als Innovator und als Person mit großer Geduld bekannt sei. Und weil Bezos selbst zu Protokoll gegeben habe, dass er experimentieren werde und keine unmittelbare Antwort auf die Probleme der Zeitungsindustrie habe, würde alles, was von jetzt an mit der Washington Post passiert, langsam passieren. 

Deutsche Stimmen:

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schreibt Roland Lindner von der „Kapitulation der Verleger zugunsten Jeff Bezos“. In dem Verkauf spiegele sich die Resignation der Verleger vor den Herausforderungen des Zeitungsmarktes wider. Dennoch sei der Deal „ein völlig unerwartetes Manöver“, zumal Bezos Neuland betrete. Darüber hinaus entbehrt die Transaktion für Lindner nicht einer gewissen Ironie, denn die durch Abwanderung von Lesern und Anzeigenkunden geplagte Zeitung wird jetzt an jemanden verkauft, der „selbst als Internetunternehmer alte Geschäftsmodelle ins Wanken gebracht hat.“

Jan Friedmann, Washington-Korrespondent von Spiegel Online, sieht durch die Übernahme bestätigt, dass sich nicht der Journalismus in der Krise befände, „sondern das Geschäft mit bedrucktem Papier“. Friedmann schildert wie ein Augenzeuge die Ereignisse kurz vor Bekanntmachung des Deals im Verlagsgebäude der Washington Post – und die Überraschung nach der Ankündigung. Mit dem Kauf der Post ausgerechnet durch einen Internetunternehmer sei, so Friedmann, „die Medienkrise endgültig im Herzen der US-Zeitungslandschaft angekommen“. 

Auch Eva C. Schweitzer von der Zeit sieht in dem Bezos-Kauf die Ironie: Das Internet habe Bezos reich gemacht „und die Washington Post arm“. Mit seinem geschätzten 25 Milliarden Privatvermögen falle die Übernahme der Post für Bezos „nicht weiter ins Gewicht“. Im Vergleich zu IT-Visionären wie Steve Jobs wolle Bezos aber „keine Kult-Geräte verkaufen, sondern preiswerte Geräte für Normalbürger“. Was die künftige politische Ausrichtung der Washington Post betrifft, hält Schweitzer den Gedanken für absurd, Bezos würde „das Hauptstadtblatt nicht auch für Lobbyarbeit für Amazon nutzen“. Mit der Washington Post habe sich Bezos „noch bessere Verbindungen erkauft“.

Für Gründerszene konnte der Post „nichts besseres passieren als der Kauf durch den Amazon-Chef“. Er bringe alles mit, um das Blatt erfolgreich umzubauen. Er habe bereits mit dem Kindle gezeigt, wie man gedruckte Inhalte ins digitale Zeitalter führt. Außerdem passe der Kauf in seine Strategie, sich in der jüngsten Vergangenheit an anderen Inhalte-Produzenten wie Business Insider zu beteiligen.

Für Meedia.de symbolisiert die Bezos-Übernahme den „Bankrot der Verlages. Der Deal mache deutlich, „dass Medienunternehmer vom alten Schlag keine Konzepte mehr für die Digitalisierung haben.“ Das hätten die Post-Verleger sogar offen zugegeben. Jetzt erlebten wir „den strategischen Bankrott einer Branche.“

Tweets

Zum Abschluss noch ein Link und ein augenzwinkernder Tweet. Der Link führt zu NYMAG.com, wo man die Twitter-Reaktionen von 44 Washington Post Angestellten gesammelt hat. Unten eingebunden haben wir den Tweet des US-Journalisten Marc Ambinder (GQ, The Atlantic), der sich fragt, ob Jeff Bezos seine Einkaufstour noch fortsetzen möchte oder zur Kasse gehen will: 

Aufmacherbild: Washington DC, aerial view over Pennsylvania Avenue Foto auf Shutterstock / Urheberrecht: Orhan Cam

Unsere Redaktion empfiehlt:

Relevante Beiträge

Meinungen zu diesem Beitrag

X
- Gib Deinen Standort ein -
- or -