Apple iOS 7 Expertenmeinungen: von "moderne Produktsprache" bis "maximale Beunruhigung"
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Die Präsentation von iOS 7 liegt nun knapp eineinhalb Tage zurück und das Mediencho auf das Redesign und die neuen Features lässt sich inzwischen als gespalten beschreiben. Insbesondere der neue Look des mobilen Betriebssystems polarisiert die Massen. Wir haben drei Experten nach ihrer Meinung zum neuen iOS gefragt. Auch in dieser Dreierrunde zeigt sich dasselbe Bild: Die Meinungen sind positiv bis maximal beunruhigt.

Inbesondere Markus Bokowsky, der als geschäftsführender Gesellschafter der Bokowsky + Laymanm GmbH seit Jahren mit iOS lebt und arbeitet, sieht iOS 7 kritisch. Er hat sich direkt die Entwickler-Beta herunter geladen und exklusiv für webmagazin.de seine Eindrücke geschildert. Seine Ausführungen zu Typographie und Kontrasten dürften all diejenigen aufhören lassen, die gestern angesichts eines auf den ersten Blick ansprechenden Looks aus dem Schwärmen nicht mehr herauskamen. Vielen Dank an Markus für seine tolle Stellungnahme.

Zuvor lassen wir noch zwei weitere Experten mit ihren Meinungen und Eindrücken zu iOS zu Wort kommen:

iOS goes Windows 8! 

Professor Wolfgang HenselerDen Auftakt macht Professor Wolfgang Henseler. Er ist Gründer und Managing Creative Director von Sensory-Minds, einem Offenbacher Designstudio für Neue Medien und innovative Technologien. Gleichzeitig hält Henseler eine Professur an der Hochschule Pforzheim im Bereich Digitale Medien und leitet den Bereich „Intermediales Design“. Er ist Experte für kunden- bzw. nutzerorientierte E-Business-Lösungen und Spezialist für medienbasierte Markenerlebnisse und User Experience. In seinem Fazit lobt er die Abkehr vom skeuomorphischen Design sowie das gesteigerte Nutzererlebnis:

„Mit neuem Erscheinungsbild im Flat-Design schüttelt Apple nun endlich den Staub von gestern ab und verabschiedet sich endgültig von der Metapher. Kein Kalender-Ringbuch oder Kontakte-Kladde mehr, sondern eine moderne medienadäquate Produktsprache, endlich!

Eine klare moderne zweidimensionale Interface-Grafik, durchgängig im gesamten System implementiert mit Nutzer-adäqauterer Schriftdarstellung, neuem Farbschemata und innovativen Interaktionsfunktionen wie dem Control-Center und Kommunikationscenter machen das neue iOS 7 zu einem wahren Nutzungserlebnis. Apple schließt mit der neuen iOS Generation nicht nur zu Microsofts Windows 8 System auf, sondern überholt dieses aufgrund der in Windows 8 implementierten Usability Probleme sogar wieder, was Innovationskraft, Modernität, Responsivität und Benutzungsfreundlichkeit anbelangt.

Ein richtiger Weg in die Zukunft des Interfaces. Endlich passen Apples-Hardware und Software produktsprachlich zusammen. Simple und reduced to the max.

Einfach Apple ;-)“

Goodbye Skeuomorphismen

Dr. Stephan GillmeierIn eine ähnliche Kerbe – nämlich den Abschied von Skeuomorphismen – schlägt Dr. Stephan Gillmeier, der bis Dezember 2012 das Mobile Team bei HolidayCheck (iOS und Android). Anfang 2008 war er Mitbegründer des Projekts Wikihood und ist seit Januar 2013 biem Start-Up Pylba. Allerdings sieht er in iOS 7 auch großes Polarisierungspotenzial:

„Ein radikaler Schritt von Apple mit dem Erbe von Forstall und auch Steve Jobs zu brechen und keine Skeuomorphismen mehr einzusetzen. Aber es die Zeit war reif dafür. Apple musste wieder einen neuen Akzent setzen und das ist Ihnen gelungen. Ich denke, nicht allen wird das neue iOS 7 gefallen. Es hat großes Potential zu polarisieren“

Von freudiger Erwartung zu Ernüchterung

Markus BokowskyWie bereits erwähnt, hat nicht nur all das, was Apple selbst zu iOS 7 gesagt hat, Markus Bokowsky beunruhigt. Erste Praxistests mit der Developer Beta von iOS 7 haben seine Vorahnung in bestimmen Aspekten bestätigt. Als jemand, der sich seit über zehn Jahren mit den Einsatzmöglichkeiten von Onlinemedien in der Marketingkommunikation beshäftigt und dabei stets ein gutes Auge für das frühzeitige Erkennen des Potenzials von „Emerging Technologies“ hatte, besitzt Markus ein treffsicheres Gespür dafür, was insbesondere in iOS Apps funktioniert und was nicht. Hier sind seine Gedanken und Bedenken zu iOS 7:

iOS 7: Der Rücksturz der Typographie in die reale Welt

Es ist immer das gleiche Prozedere, eine liebgewonnene Tradition, 19 Uhr bei uns, 10 Uhr am Morgen in Kalifornien. Die Kollegen versammeln sich bei mir im Büro vor meinem 30 Zoll Monitor, bewaffnet mit iPads (Second Screen) und fritz-kola, wir schauen zusammen WWDC Keynote. Früher auf engadget, und zig anderen Live-Blogs parallel, gestern entspannt zurückgelehnt im ruckeligen Livestream.

Und neben der freudigen Erwartung, was die große Wundermaschinerie aus Cupertino sich diesmal wieder für uns ausgedacht hat, schwingt, je älter die iDevices werden, auch immer stärker die Angst mit, was werden sie uns diesmal wegnehmen, wird wirklich alles besser, oder nur vieles anders? Das erste mal durchzuckte mich dieser Schmerz letztes Jahr, als ich zum ersten Mal Maps sah. Denn stehen bleiben ist nicht wirklich eine Option, und so verschwand mit iOS 6 aus unzähligen Apps das Feature einer brauchbaren Kartendarstellung.

Und ich fürchte, diesmal hat es uns noch härter getroffen.

Natürlich waren da wieder die verzaubernden Apple Momente, die Vorstellung des Mac Pro, ein Stück Technologie, das aussieht wie aus dem Inneren eines Borg Kubus entführt, präsentiert mit einer Magie wie es nur Apple vermag. Aber seien wir ehrlich, relevant für den Alltag von Millionen Menschen ist das nicht. Relevant ist, wie sie in Zukunft mit dem Gerät interagieren, mit dem sie täglich mehr Zeit verbringen als mit irgendeinem anderen Gerät, dem iPhone. 

Maximale Beunruhigung

Um Software von Apple beurteilen zu können, ist es unerlässlich sie auszuprobieren, ein paar Bilder reichen da nicht aus. Daher habe ich heute iOS7 auf das iPhone 5 gepackt und einen Tag damit verbracht. Und ich muss sagen, ich bin maximal beunruhigt.

Ja, es ist schlanker, reduzierter, von viel Ballast befreit, das gefällt auf den ersten Blick. Der Filz des Game-Centers, das Holzregal des Zeitungskiosk, Niemand wird es vermissen. Aber auch hier die Frage: Ist das relevant? Nein, relevant sind die Apps, die ich ständig nutze, Mail, Safari, Telefon, Kalender und die Querschnittsfunktionen des Betriebssystems, die in allen anderen Apps auftauchen. Sind die alltagstauglich? Kann man sie auch im Freien noch erkennen? Bei Sonnenschein?

Die Antwort nach einem Tag Test ist leider: Nein, oftmals nicht beziehungsweise nur mit großer Anstrengung.

iOS 7 AirdropBildquelle: Markus Bokowsky

Typographie als Schwachstelle

Typographie ist eine hohe Kunst. Oder sagen wir vielleicht besser ein Handwerk. Ein Handwerk, dass seit dem Niedergang von Print etwas an Bedeutung eingebüßt hat, dass mit dem Aufkommen von Webfonts gerade ein kleines Comeback feiert. Und jeder, der sich schon mal etwas mit Typographie beschäftig hat, weiß: Der Einsatz von lighten oder gar ultra-lighten Schriftschnitten will gut überlegt sein. Sie gar zur Hauptschrift zu erheben, an der sich alle anderen Gestaltungselemente wie Icons etc. orientieren müssen, ist gewagt.

iOS 7 Musik

Bildquelle: Markus Bokowsky

In iOS 7 ist es fürchte ich misslungen. Die Optik gefällt auf den ersten Blick: ein wenig der moderne Ansatz von Windows Phone 8 kombiniert mit der gewohnten Qualität der iOS Apps. Aber im Detail ist da mehr Rückschritt als Fortschritt. Icons im Tap Bar Controller sind so dünn und grazil, daß man ihre Bedeutung nur noch erahnen kann. Alle Elemente müssen sich an der Strichstärke der Schrift ausrichten, was zu brüchigen, ja teils in Unkenntlichkeit absaufenden Gebilden endet. Wenn dann auch noch die Farbwahl etwas unglücklich ist (Weiß auf Hellgrau im Zeitungskiosk), ist es schlicht nicht mehr lesbar. Grundelemente eines User Interfaces müssen unter allen Bedingungen funktionieren, sie sind das Rückgrat auf dem alle anderen Programme aufbauen. Ist die Spannbreite hier schon eingeschränkt, wird es für alle anderen unendlich schwer. Und hier liegt meine große Sorge.

iOS 7 ZeitungskioskBildquelle: Markus Bokowsky

Ich denke, die gröbsten Schnitzer wird Apple noch ausbügeln, nicht registerhaltiger Text, schlechte Farbkontraste, etc. Aber die Heerschaar der Designer da draußen, die ihre Apps Apple-like gestalten wollen, stehen vor einer nahezu unlösbaren Aufgabe. Wenn man mal davon ausgeht, dass nicht jeder App-Designer die typographische Stilsicherheit eines Erik Spiekermann besitzt, kann das eigentlich nur schiefgehen. Ich sehe eine Flut von unleserlichen und damit unbenutzbaren Apps auf uns zurollen.

Aufruf an Entwickler

Daher mein Aufruf an alle Gestalter und Entwickler: Von Apple lernen heißt nicht immer siegen lernen. Installiert euch die iOS 7 Beta und passt eure Apps behutsam an. Geht vielleicht euren eigenen Weg, ohne eine zu enge Anlehnung an die Elemente des Betriebssystems und testet das Ergebnis unter unterschiedlichen Bedingungen und in diversen Nutzungsszenarien. Ich weiß nicht wie die Lichtverhältnisse in Jony Ives weißer Box sind, aus der er immer per Video zu uns spricht – das Grau in Grau des deutschen Herbstes oder die Lichtstärke des asiatischen Sommers scheint er dort jedenfalls nicht simuliert zu haben.

Quelle Aufmacherbild: Screenshot apple.com

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