Apples WWDC Fallobst – Wisst ihr wirklich, was Kunden wollen? [Kommentar]
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Wir schreiben das Jahr 2013 – Montag, den 10. Juni, um genau zu sein. Apple veranstaltet wie jedes Jahr ein fröhliches WWDC-Beisammensein, das traditionell mit einer großen Zurschaustellung dessen beginnt, was die nächsten Monate für lange Schlangen vor den Apple Stores dieser Welt und bahnbrechende Downloadzahlen sorgen wird. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Gezeigte nun wirklich das Zeug hat, das Leben der zahllosen Jünger (und solche, bei denen es ob der zu schmalen Geldbörse nur zum „werden wollen“ reicht) zu verändern – entscheidend ist das Echo in den Medien. Und das ist so enorm, dass Apple gar nicht anders kann als einen würdigen Königsjodler rund um den Globus zu schicken. 

Im Prinzip könnte es mir natürlich egal sein, ob Apple nun den dicken Reibach macht. Die Produkte besitzen schließlich eine gewisse Qualität, die man ihnen nicht absprechen kann – zumindest solange man nur auf die Hardware achtet. Ich selbst besitze so viele Apple-Gadgets, dass ich eigentlich in den Genuss einer handgeschriebenen Grußkarte zu Weihnachten kommen müsste. Aber das hat man in Cupertino wohl nicht nötig. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass es manchmal auch ratsam wäre, etwas leisere Töne anzuschlagen. Und eben weil ich diese Meinung auch vehement vertrete, wurde ich gebeten, mal etwas vom Leder zu lassen. Was leider nur teilweise gelingt …

Can‘t innovate anymore, my ass!

Da wäre zum Beispiel das Thema iOS 7. Ja, es ist durchaus interessant. Ein neues Design war lange überfällig, und abgesehen vom zunächst etwas gewöhnungsbedürftigen Anblick und den Icons, die wirken, als wären sie unter der Einnahme illegaler Substanzen entstanden, wurden endlich neue Akzente gesetzt. Ehrlich – es wurde Zeit! Ob es funktioniert, bleibt abzuwarten, aber man wagt etwas. Das ist schön; gerade wenn man bedenkt, dass der Rest nun endlich auch an das heranreicht, was die Konkurrenz zum Teil schon seit Ewigkeiten zu bieten hat: Funktionalität, die ich als Nutzer erwarte.

Sei es nun der neue Lock Screen, das Multitasking, der Umgang mit Tabs, das Control Center, mit dem ich nun endlich mein WLAN deaktivieren kann ohne mich durch die Untiefen des Systems zu klicken, der Mail Swipe … Alles zweifelsohne hervorragende Features, die Nutzern anderer Mobile-Plattformen allerdings bestenfalls ein müdes Lächeln auf die Lippen zaubern. Ja, wir sind endlich im hier und jetzt angekommen. Danke, Apple. Zu großzügig.

Um sich wenigstens etwas feiern zu können – mehr oder weniger gerechtfertigt –, wurden dem neuesten iOS noch ein paar Extra-Spielereien spendiert. Airdrop beispielsweise. Natürlich in eingeschränktem Umfang – denn was sollte ein Apple-Nutzer auf einem Smartphone mit einer Datei anfangen, dessen Format nicht nativ unterstützt wird? Oder die Möglichkeit, durch ein Drehen des Smartphones einen Blick auf das zu erhaschen, was sich hinter den App-Symbolen befindet. Zweifelsohne nette Spielereien, die bisweilen sogar zu etwas Nützlichem führen dürften.

Alles in allem scheint man sich nun dazu entschlossen zu haben, gute und bewährte Konzepte der Konkurrenz aufzugreifen und einen eigenen Mix zu kreieren. Das ist zwar durchaus zu begrüßen. Dennoch muss die Frage erlaubt sein, warum das so lange gedauert hat. Und warum man so viel Potenzial verschenkt hat … Oh Widgets, Where Art Thou?

Apple weiß, was Nutzer wollen

Ja, in Cupertino weiß man, was Nutzer wollen. Man will es ihnen nur nicht immer geben. Oder erst dann, wenn der allgemeine Unmut dazu führt, dass in der Öffentlichkeit so etwas wie Kritik geäußert wird. Vorsichtig, natürlich. Denn irgendwie mag man seinen angebissenen Apfel auf dem Schreibtisch ja.

Doch ernsthaft: Seit Lion bin ich in meiner Beziehung mit Apple nicht mehr so ganz glücklich. Klar, Fullscreen Apps. Super. Leider arbeite ich mit einem externen Monitor, was zu dem unschönen Effekt führt, dass einer der beiden leer bleibt, sobald ich mich dazu entscheide, das Fenster zu maximieren. Mit OS X Mavericks soll das nun anders werden – was zu tosendem Applaus im Moscone Center geführt hat. Daheim auf dem Sofa, abseits des von der Atmosphäre angeheizten Mobs, geht man jedoch mit kühlerem Kopf an die Sache und fragt sich ernsthaft: Warum zum Teufel hat auch das so viel Zeit in Anspruch genommen? War es wirklich so abwegig, sich vorzustellen, dass es User geben könnte, die einen Zweitbildschirm nutzen? Traut man seinen willigen Geldgebern denn wirklich gar nichts zu? Und warum hat man es noch immer nicht in Erwägung gezogen, einen Fenstermanager á la Divvy und Co. ins System zu integrieren? Ihr habt mir schon meine beliebig konfigurierbaren Spaces gestohlen, also bietet mir gefälligst eine brauchbare Alternative!

Ob die Poweruser-Funktionalität „Tabs im Finder“ – ganz ehrlich – diese Alternative ist, wage ich zu bezweifeln. Denn hier wird ganz klar auf etwas gesetzt, dessen Praxistauglichkeit sich mir noch nicht vollends erschließt. Aber gut, ich bin ja lernfähig. Auch wenn ich insgeheim hoffe, dass man nicht erneut den iTunes-Weg geht und Hässliches noch hässlicher macht. 

Gut kopiert ist halb gewonnen

Der Rest jedoch – die Abkehr vom skeuomorphischen Design zum Beispiel – lässt Hoffnung aufkeimen, wie ich gestehen muss. Die letzten Jahre hatte man in Cupertino Maßstäbe gesetzt, an denen sich die Mitbewerber orientiert haben. Das ist nur würdig und recht; nicht jeder schafft es, sich einen solchen Status zu erarbeiten. Bei diesem Höhenflug jedoch scheint die Luft nach oben zu dünn geworden zu sein. All das, was früher die Stärken Apples darstellten, war verschwommen, schien in der Zeit stehen zu bleiben. Software-Updates ließen vergangene Qualitäten vermissen, Hardware-Updates prahlten mit grandios überzogenen Spezifikationen, die zwar für kurze Zeit erfolgreich, am Ende jedoch nicht gänzlich über all das hinwegtäuschen konnten, was die Konkurrenz zu bieten hat.

So war es am Ende doch erstaunlich, dass einiges nicht gezeigt wurde. Kein Cinema Display im neuen iMac-Gewand, kein 13-Zoll-Air mit Retina, keine iWatch. Dafür aber schöne Advanced Technologies wie das Timer Coalescing oder den App Nap im Betriebssystem. Und ja, auch irgendwie die Multi-Display-Unterstützung.

Um ehrlich zu sein, kennt man auch diese Features von anderen schon länger. Aber die Zeiten, in denen sich Apple auf seinen Lorbeeren ausruhen konnte, sind vorbei. Man tut gut daran, sich die richtigen Features von anderen genauer anzusehen und selbst zu nutzen. Es ist an der Zeit, die Zinsen einzustreichen. So spielt man sich zurück in die Herzen derer, die langsam aber sicher den Glauben an Apple verloren haben. Und wir sind gar nicht so wenige.

tl;dr 

Apple tut, was Apple am besten kann: rund um alberne Banalitäten und Kleinigkeiten eine große Show aufziehen. Es bleibt zu hoffen, dass die Integration der verschiedenen Systeme weiter vorangetrieben wird – dann verschmerzt man auch die auf den ersten Blick zu zuckersüßen Änderungen am Design.

P.S.: Ach ja, eine Kleinigkeit war da noch …

Früher, in der guten alten Zeit, als Apple noch die Marke für Grafiker, Videokünstler und Musiker war, konnte es mit schier unendlicher Power punkten. Auch das war dem Unternehmen in den letzten Jahren irgendwie abhanden gekommen. Jetzt jedoch schlägt man mit geballter Alien-Technologie zurück. Das Zauberwort heißt: Mac Pro.

Er sieht aus, als würde er aus einem Alien-Film von Ridley Scott stammen und die Spezifikationen klingen nach mehr von allem, was alle anderen zu bieten haben. Was wahrscheinlich auch für die Größe des Preisschildes gilt. Es ist also an der Zeit, in Gehaltsverhandlungen zu treten …

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