Being a cyborg – Stefan Greiner im Interview
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Stefan Greiner trägt Technologie unter der Haut und hat Ende 2013 zusammen mit einigen weiteren Hackern den Cyborgs e.V. gegründet. Das ist die erste Organisation ihrer Art in Deutschland. Auf der diesjährigen webinale, die Anfang Juni in Berlin stattgefunden hat, sprach Stefan in einem spannenden Talk über sein Dasein als Cyborg und gab dem Publikum einen Rundblick darüber, wie jetzt schon Science Fiction zur Realität wird und der Mensch mit der Technik zu einer Einheit verschmilzt.

Wir haben uns mit Stefan über die Mensch-Maschine-Interaktion unterhalten und darüber, wo die moralischen Grenzen dieser Verschmelzung liegen. 

WebMagazin: Stefan, du bist 30, Gründer des Cyborgs e.V., schreibst gerade ein Buch über „das Menschenbild im Cyborgzeitalter“ und selber ein Cyborg. Wie kam es zu diesem besonderen Interesse für den Bereich der Mensch-Maschine-Interaktion?

Stefan: Dass ich als Jugendlicher (und immer noch) großer Kraftwerk Fan war, ist als Antwort wohl nicht ausreichend. Basteleien an analogen Synthesizern und eine elektrotechnische Ausbildung waren jedoch tatsächlich mein Einstieg in die Technik bzw. Maschinenwelt. Mir hat es also schon immer Spaß bereitet, an Knöpfen zu drehen und insgesamt mit Technik zu interagieren. Ich hatte die Technik an sich auch damals schon als Verlängerung meiner Selbst wahrgenommen, ohne es wirklich so benannt zu haben. Töne, die der Synthesizer von sich gab, war nur ein physikalischer Ausdruck meines inneren Zustands – über die Maschine.

Der Fakt, dass die Technik über die Jahre immer kleiner geworden ist und uns Menschen regelrecht als Hülle umgibt, hat mich immer mehr dazu gebracht, nicht nur die Technik anzuschauen, sondern speziell die Übergänge von Mensch und Technik. Die Schnittstelle wurde zum zentralen Element meines Interesses, da hier die Übersetzungsprozesse stattfinden, die unser tagtägliches Leben fundamental bestimmen.

WebMagazin: Was ist deine Definition von Cyborgs? 

Stefan: Cyborgs gehen eine sehr tiefe Verschmelzung von Biologie und Technologie ein, sie sind wie das Wort „Cyborg“ schon sagt, teils kybernetisch, teils organisch. Cyborgs sind also Menschen, die ihre Fähigkeiten physisch und mental mit Hilfe von Technologie erweitern. Speziell die erweiterte Sinneswahrnehmung stellt für mich den spannendsten Punkt dar. Die technologische Erweiterung kann implantiert sein, muss aber nicht – sie kann auch über einen intensiven Gebrauch externer Devices geschehen. 

WebMagazin: Ist die menschliche „Grundausstattung“ in Form der klassischen fünf Sinne nicht ausreichend?

Stefan: Abgesehen davon, dass diese „Grundausstattung“ auch nicht für jeden Menschen zutrifft, sollte diese Frage jeder selbst für sich beantworten. Für mich persönlich sind meine angeborenen Sinne jedoch kein Grund, mich mein Leben lang auf diese zu begrenzen. Was mich interessiert, ist das, was mich umgibt. Seien es andere Menschen oder die Natur im Allgemeinen. Ich möchte technologische Sensoren mit meinen biologischen Rezeptoren so gut wie möglich koppeln, um meine Wahrnehmungswelt und damit mein Verständnis der Welt zu erweitern. 

WebMagazin: Welche Technik trägst Du in Dir? Welche wird noch folgen?

Stefan: Ich experimentiere zur Zeit mit einem implantierten RFID Chip. Über den Chip kann ich per Funk technische Geräte steuern und sogar sehr begrenzt digitale Daten in meinem Körper abspeichern.

Darüber hinaus hatte ich mein Magnetimplantat dazu benutzt, um beispielsweise über meinen Finger zu telefonieren. Ich hatte dazu das Audiosignal meines Smartphones über einen Verstärker auf eine Induktionsspule geschickt, welche mir die Audioinformation elektromagnetisch auf den implantierten Magneten überträgt. Den Anrufer höre ich dann aus meinem Finger sprechen.

Ich bin momentan mit einem sehr guten Freund dabei, eine neue Art von Kommunikation/Sprache zu entwickeln. Inwieweit das ganze jedoch implantierbar wird, steht noch in den Sternen – es ist zunächst als Wearable gedacht.

WebMagazin: Würdest Du auch gesundheitliche Risiken für eine Implantation in Kauf nehmen? Wo liegen deine Grenzen? 

Stefan: Jede Implantation birgt gesundheitliche Risiken. Es ist daher immer eine Abwägung von Risikio und Nutzen. Ich würde auch keine absoluten Grenzen ziehen, die momentanen Grenzen beziehen sich vielmehr darauf, dass einfach noch nicht genug Forschung und Wissen in vielen Bereichen angesammelt wurde, und somit für mich nicht zur Debatte steht. Verschiedene Arten der Hirnstimulation würde ich beispielsweise nicht machen, da die Folgen überhaupt nicht absehbar sind.

WebMagazin: Stellen wir uns vor, Menschen würden sich durch Integration von Technik beliebig mit zusätzlichen Funktionen ausstatten. Fehlt der Menschheit nicht irgendwann der „gemeinsame Nenner“, der unteranderem auch durch die Grenzen des menschlichen Körpers bestimmt wird?

Stefan: Die Vorstellung, in Zukunft den Smalltalk nicht mehr mit meiner aktuellen Tätigkeit, Wohnort etc. anzufangen, sondern mit einem Austausch von diversen Wahrnehmungswelten, finde ich ziemlich spannend und bereichernd. Mein Wunsch wäre es darüber hinaus, nicht nur von einem gemeinsamen Nenner zwischen Menschen sprechen zu können, sondern vielmehr zwischen Menschen und der Natur. Dadurch, dass der menschliche Körper als etwas abgeschlossenes über den Cyborg angezweifelt wird, sehe ich ein riesen Potential diesen Kultur/Natur-Dualismus endlich auch im Denken zu überkommen.

WebMagazin: Erzähle uns über Cyborg e.V. Wie kam es zu der Gründungsidee und welche Ziele verfolgt Ihr mit dem Verein? 

Stefan: Wir wollen alternative Visionen für eine Mensch-Maschine-Zukunft entwickeln und auch ausleben. Wir stehen technologisch dabei für ein Vorantreiben des Open-Source-Gedankens und gesellschaftlich für Inklusion und Diversität.

Enno Park, der die Idee zum Verein hatte, und maßgeblich alles vorangetrieben hat, ist Cochlea-Implantat-Träger und hat beispielsweise kein Zugriff auf die Software seines Gehörs. Teil seines Wahrnehmungsapparats wird also von einem Konzern verwaltet. Das ist nur ein Beispiel, welches verdeutlicht, dass viele wichtigen Fragestellungen in einer tiefen Verschmelzung von Mensch und Maschine bereits heute auftreten.

Wir wollen diese Fragestellungen herausarbeiten, Lösungsvorschläge erarbeiten und die Thematik in einer breiteren Öffentlichkeit diskutieren. Neben Vorträgen, Workshops und Diskussionsrunden zum Thema Cyborgism hacken wir auch aktiv Implantate und Devices und entwickeln neue Anwendungsmöglichkeiten.

stefan greiner

© Marlena Waldthausen/Arzu Sandal

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