BlackBerry Q10 im Test: Das innovative Konservative
Kommentare

von Diana Kupfer

Anfang Mai kam in Deutschland das BlackBerry Q10 auf den Markt. Im Juni feierte das Smartphone mit Hardware-Tastatur, kleinem Touch-Display und dem aktuellen Betriebssystem BlackBerry 10 sein Debüt in den USA. Nach unerwartet hohen Verkaufszahlen in Großbritannien und Kanada, wo das Q10 ebenfalls seit Mai erhältlich ist, sind die Erwartungen mit Blick auf den US-Markt immens. Schließlich besteht dort von jeher die größte Nachfrage nach Tastatur-Geräten. Was macht in Zeiten von Softwarekeyboards, Swype und Siri den Reiz echter Knöpfe und Tasten aus? Wir wollten’s wissen und haben uns das Q10 genau angesehen. 

Bulle und Bär

Auch nach dem offiziellen Release des neuen Betriebssystems BlackBerry 10 und der Markteinführung des ersten Voll-Touchscreen-Geräts Z10 Anfang des Jahres (wir berichteten) gab es für BlackBerry keinen Grund zum Aufatmen. Bloomberg-Analysten zufolge konnte der kanadische Konzern zwar im ersten Quartal 2013 einen zwei Jahre anhaltenden Abwärtstrend seiner Verkaufszahlen umkehren. Allerdings verlor BlackBerry im ersten Quartal 2013 im Kampf um Smartphone-Marktanteile den dritten Platz an Microsoft, wie Zahlen des Marktforschungsinstituts IDC belegen. Von 6,4 Prozent im Vorjahr rutschte der Anteil BlackBerrys auf 2,9 ab. Auch wenn dies die Nachwirkungen des aufgeschobenen BlackBerry-10-Releases sein mögen: Für die Kanadier besteht bislang keinerlei Grund, die Hände in den Schoß zu legen – weder aus Resignation noch aus Zuversicht. Mit dem Q10 scheint BlackBerry nun einen Trumpf im Ärmel zu haben: Wie Seeking Alpha berichtet, verkauft sich das Q10 in Großbritannien besser als das Samsung Galaxy S4, in Frankreich sogar besser als das iPhone 5.

Griff in die Tasten

Keyboard-Fetischisten vor: Welche Gründe gibt es, das Q10 gegenüber dem Zeitgeist-konformen Z10 zu bevorzugen? Schließlich lässt sich auch mit virtuellen Tastaturen zügig schreiben – das Z10 mit seinem selbstlernenden Keyboard und den intelligent platzierten Wortvorschlägen, die sich flink in den Editor schnippen lassen, macht es vor. Das oft mit Blick auf das Q10 angeführte „Vielschreiber“-Argument scheint also wenig relevant. Davon abgesehen: Grenzt ein 720×720-Pixel-Bildschirm in Zeiten von Fünfzollern wie Samsungs Galaxy Note nicht an Selbstkasteiung?

Historisch stehen die Tastatur-BlackBerrys zwischen dem klassischen Handy, a. k. a. „Dumbphone“, und modernen Touch-Display-Smartphones wie dem iPhone. Daraus könnte man nun folgern, das Q10 spreche vor allem konservative Nutzer an, die sich bereitwillig der Macht der Gewohnheit beugen; oder Smartphone-Greenhorns, die sich der Wonnen eines großen Touch-Displays noch nicht bewusst sind. Gerade mit einer modernen, hoch gelobten Software wie dem QNX-basierten BB 10 an Bord wirkt das Q10 für manch einen iPhone- oder S4-User wie ein einziger in Hardware gegossener Anachronismus.

BlackBerry Q10Bequem oder Anachronismus: Das Q10 mit seiner QWERTZ-Tastatur.

 

Es mag aber auch sein, dass eine physische Tastatur per se praktischer und ein kleinerer Bildschirm vielleicht sogar diskreter ist als ein iPhone-Display, wenn man in der vollgepackten U-Bahn sitzt und den kleinen elektronischen Begleiter mit vertraulichen Informationen füttert. Oder dass ein Q10-Nutzer das Schreibmaschinen-Feeling echter Tasten genießt. Den universellen Nutzertypen gibt es letztendlich ebenso wenig wie einheitliche Hardware-Vorlieben. Das zeigen Nischen-Formate wie physische Tastaturen, diverse Outdoor-Geräte oder auch der Kassenschlager Galaxy Note mit seinem eigenwilligen Eingabestift. So unergründlich ist der Erfolg des Q10 also gar nicht.

Q10 hands-on

Der traditionellen Brombeer-Optik bleibt das Q10 also verpflichtet. Das ist allerdings schon alles, was sein Gehäuse an extravaganten Designelementen zu bieten hat. Denn abgesehen davon kommt es unauffällig, geradezu minimalistisch daher. Aber elegant. Anders als bei den Vorgängermodellen ist die Tastatur nicht geschwungen, sondern gerade. Stattdessen sind die Tasten leicht nach links bzw. rechts unten abgeschrägt, was die Daumenstellung optimiert und so das Tippen wesentlich vereinfacht. Zusätzlich leichter wird die Texteingabe durch den gleichen Vervollständigungsmechanismus wie beim Z10.

Ein- und Ausschalter oben, Hauptlautsprecher an der Unterkante, Lautstärkeregler rechts, HDMI- und USB-Ports links, Kopfhöreranschluss oben, LED-Anzeige rechts neben dem Telefonlautsprecher – alles beim Alten. Etwas schwer liegt das Gerät in der Hand – viele werden sagen: angenehm schwer –, dank der rutschfesten Rückseite aber sehr stabil. Insgesamt macht es einen grundsoliden, hochwertigen Eindruck.

Der Hauptlautsprecher liefert den runden, vollen Klang, der BlackBerry-Geräte ohne Ausnahme kennzeichnet. Enttäuschend ist das 3,1 Zoll große Super-AMOLED-Display. Nicht die Größe trübt hier die Freude an Bild- und Videoinhalten, sondern der unschöne Gelbstich und die Tatsache, dass es generell eine Idee zu dunkel ist, selbst wenn man den Helligkeitsregler an den Anschlag schiebt. Im Vergleich zum Q10 liefert das LCD-Display des Bruders Z10 kräftigere Farben (s. a. den Vergleich mit dem LCD-Bildschirms des älteren BB-Modells Curve 9320 in der Abbildung unten). Punkten kann das Display durch hervorragende Schwarzwerte – gerade bei Textverarbeitung nützlich – und eine exzellente Sichtbarkeit auch bei direktem Sonnenlicht.

Display-Helligkeit: Das alte BB-Modell Curve 9320 (links) und das Q10 (rechts) im Vergleich
Display-Helligkeit: Das alte BB-Modell Curve 9320 (links) und das Q10 (rechts) im Vergleich.

 

Spaß mit Bildern

Die 8-MP-Hauptkamera nimmt gestochen scharfe Bilder und 1080p-Videos auf, die sich z. B. in der vorinstallierten App „Story Maker“ mit einem Soundtrack aus dem Audio-Dateiordner unterlegen und zu einem eigenen kleinen Medienprojekt kombinieren lassen. Eine nettes Gimmick beider neuen BB-10-Geräte ist außerdem das Feature „Timeshift“: Innerhalb weniger Sekunden macht die Kamera eine Serie von Momentaufnahmen, von der dann die beste gespeichert werden kann – gerade für bewegte Objekte der ideale Aufnahmemodus.

Die Swipe-Geste, mit der App-Fenster in BB 10 minimiert und in den Hintergrund geschoben werden, wo sie als „Active Frames“ weiterlaufen, erweist sich innerhalb der Kamera-App als unpraktisch: Da es keinen Auslösebutton gibt und mit jedem Antippen des Displays ein Foto geschlossen wird, bedarf es oft mehrerer Anläufe, um die App ohne ungewollte Schnappschüsse zu minimieren. Übrigens: Drückt man beim Z10 und beim Q10 beide Lautstärke-Buttons gleichzeitig, wird ein Screenshot gemacht.

Dass das kleine, etwas zu dunkle Display den so entstehenden Bildinhalten nicht gerecht wird, versteht sich von selbst. Um sich an ihnen zu erfreuen, sollte man sie auf ein größeres Gerät übertragen. Glücklicherweise unterstützt das Q10 offene Standards wie DLNA, NFC oder HDMI.

Apps, Apps, Apps

Im BlackBerry App Store tummeln sich mittlerweile um die 250 000 Apps. Wer dort nach Skype sucht, bekommt derzeit noch eine Preview-Version zum Download angeboten, die allerdings bereits hervorragende Dienste leistet. Die hauseigene Konkurrenz-App, der bewährte BlackBerry Messenger, avanciert diesen Sommer zur Cross-Platform-App und soll noch in dieser Woche für iOS und Android verfügbar sein.

Im Gegensatz zu Skype überzeugen die vorinstallierten Apps für Twitter und Facebook wenig. Wie bei den Pendants für das PlayBook OS, aber anders als unter Blackberry 7 werden Updates nicht gepusht, sondern müssen per „Pull to refresh“ geladen werden – unter Umständen eine Geduldsprobe für Push-verwöhnte BlackBerry-User. Zum Glück landen Benachrichtigungen umgehend im BlackBerry Hub, dem zentralen Posteingang. In diesen lässt sich per „Peek-Geste“ (s. auch den Beitrag zum Z10 „Der lange Weg zurück„) jederzeit aus jeder Anwendung heraus einen Blick werfen.

Weitere Anwendungen, die der Konkurrenz mittlerweile ohne weiteres Paroli bieten können bzw. ihre Gegner sogar ausstechen, sind die Karten-App und der Browser. Die Karten-App, schlicht „Maps“ oder „Karten“ genannt, war unter früheren BlackBerry-Versionen ein Schwachpunkt. Unter BlackBerry 7.1 war die App äußert umständlich zu bedienen und die Kartierung lückenhaft. Mit der Sprachnavigation des Q10 hingegen ist die Autorin sicher und problemlos durch die Stadt navigiert. Der WebKit-basierte Browser belegt im HTML5-Test derzeit den ersten Platz unter den mobilen Browsern. In Sachen Geschwindigkeit sucht er seinesgleichen. Privates und „Tabbed“ Browsing sind damit möglich.

Fazit

Ein Galaxy-Note-Fanboy wird wohl kaum zum Blackberry-Q10-Nutzer konvertieren – das muss selbst die Autorin, die sich zu den Anhängern physischer Tastaturen zählt, einräumen. Vielschreiber hin oder her: Wer ein Gerät viel nutzt, wird darauf zum Virtuosen – sprich: Schnelltipper, sei es nun auf echten oder auf virtuellen Tasten. Und die praktische Autovervollständigung unter BB 10, die auf dem Z10 und dem Q10 gleich ist, tut ein Übriges. Denen, die klassischen Tastaturen geneigt sind, kann das Q10 mit kleinen Abstrichen empfohlen werden. Die solide Hardware und BB 10 inklusive seiner vielen neuen und optimierten Apps überzeugen auf ganzer Linie. Was einem die Lust auf dieses Gerät vergällen könnte, ist neben dem zu dunklen Display der Preis: Zwischen 550 und 600 Euro muss man derzeit ohne Vertrag hinblättern. Wem das zu viel ist, der kann auf das jüngst auf der BlackBerry Live angekündigte Q5 warten. Das neue Mittelklasse-Gerät für den kleineren Geldbeutel soll schon ab Juli verfügbar sein.

Unsere Redaktion empfiehlt:

Relevante Beiträge

Meinungen zu diesem Beitrag

X
- Gib Deinen Standort ein -
- or -