BlackBerry Z10 – der lange Weg zurück
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Während Windows 8 von sich reden machte, das neue iPad und das iPhone 5 einen erneuten Fantaumel unter Apple-Jüngern auslösten und Google mit weiteren Android-Releases für Furore sorgte, glänzte Research in Motion durch Abwesenheit. Nach dem 7.1-Release Anfang 2012 setzte das kanadische Unternehmen, das jetzt BlackBerry heißt, alles auf eine Karte. Die wurde am 30. Januar 2013 schließlich ausgespielt – mit dem Release des neuen Betriebssystems BlackBerry 10. Ob es sich um einen Trumpf handelt, bleibt abzuwarten. Der ganz große Hype blieb aus, erste Reaktionen stimmen die Community jedoch zuversichtlich. Das neue Geräteflaggschiff Z10, bei uns in der Redaktion zu Gast, kann sich jedenfalls sehen lassen.

Drei Jahre lang befand sich RIM, ehemals BlackBerry, im freien Fall. Besonders im vergangenen Jahr ließen der Musterschüler Microsoft, das Wunderkind Apple und der Überflieger Google den Konkurrenten aus Kanada weit hinter sich. RIMs ausgiebige kreative Pause verursachte drastisch sinkende Absatzzahlen und Kurseinbrüche. Gerüchte über eine Zerschlagung des Konzerns mehrten sich. Hartnäckig halten sich nach wie vor Vermutungen über eine Übernahme durch Lenovo – wohl auch, weil es dazu bisher weder aus China noch aus Kanada ein klares Dementi gab.

Das schwarze Schaf

Das alles veranlasste die Technologiepresse, eifrig das Totenglöckchen für den einstigen Smartphonevorreiter zu läuten, während Nutzer von Konkurrenzgeräten mit Witzen wie: „Was sagt das iPhone zum BlackBerry?“ – „iWork“ spotteten. Unzeitgemäße Hardware und ein mageres App-Angebot waren Steine des Anstoßes. Für Häme sorgte aber in erster Linie das mehrmals aufgeschobene Release der neuen Plattform. Da nützte auch der Zweckoptimismus nichts, den BlackBerry-Entwickler in einer schrulligen Rockhymne anlässlich der BlackBerry Jam Americas zum Ausdruck brachten.

Am 30. Januar 2013 wurde die BlackBerry-10-Rakete nun endlich gezündet – beim großen Launch-Event, das zeitgleich in New York und London stattfand. Neben dem Pflichtprogramm, Technologie zu präsentieren, die den Konkurrenten endlich Paroli bieten kann, galt es, alte Alleinstellungsmerkmale zu bewahren bzw. neue zu erfinden. Ein großes Comeback setzt schließlich mehr voraus als ein Potpourri aus Technologien der Wettbewerber. „It isn’t just about revealing a new platform. It’s about changing a culture,“ wie es BlackBerry-CEO Thorsten Heins beim Launch-Event formulierte.

CEO Thorsten Heins beim Launch-Event am 30. Januar, im Hintergrund das Z10 und das Q10
CEO Thorsten Heins beim Launch-Event am 30. Januar, im Hintergrund das Z10 und das Q10 (Quelle: Screenshot Event-Stream).

Oh Skype, where art thou?

Die App-Problematik adressierte der Konzern durch einen großen App-Port-a-Thon im Vorfeld des Launch-Events. Bis zu zwei Millionen Dollar wollte BlackBerry für diese Aktion springen lassen. Wie viel letztendlich ausgegeben wurde, ist nicht bekannt. Jedenfalls kündigte Heins zum weltweiten Start immerhin 70 000 Apps an. Die BlackBerry App World, in der neben Apps nun auch Musik und Videos angeboten werden, wurde umbenannt in „BlackBerry World“. Skype, auf dem Launch-Event unter den ersten angekündigten Apps, wird es lediglich in der portierten Version der Android-App geben – zweifelsohne ein Wermutstropfen. Kurz nach dem Launch gab Skype bekannt, an einer solchen Version zu arbeiten. Seither ist es leider still um die unter BlackBerry-Nutzern lang ersehnte App geworden. Ein dickes Trostpflaster dürfte allerdings der BBM-Videochat inklusive Screenshare-Funktionalität darstellen.

Frischzellenkur

Seinen Unternehmenskunden fühlt sich BlackBerry nach wie vor verpflichtet. Das zeigt sich an der Funktion „BlackBerry Balance“, die einerseits für eine strikte Trennung von beruflichen und privaten Daten sorgt, andererseits auch dank der einfachen Navigation garantiert, dass die beiden Bereiche nur wenige Gesten voneinander entfernt sind.

Sein Image als Hersteller von Geräten für graumelierte Herren im Anzug versucht BlackBerry seit dem 30. Januar durch eine Verjüngungskampagne zu polieren: Die Sängerin Alicia Keys soll als frisch gebackener „Creative Director“ neben anderen Künstlern für Aufwind sorgen – und möglicherweise einige der zahlreichen jungen Kreativen aus dem Apple-Lager abwerben. Dass Keys anfangs weiterhin über ihr iPhone twittert, dürfte allerdings nicht Teil dieser Strategie gewesen sein.

Q10 ist keine Anti-Falten-Creme

Apropos Keys: Ein Gerät mit physischer Tastatur wird es weiterhin geben. Q10 soll es heißen und in Deutschland ab Mai verfügbar sein. Damit bleibt BlackBerry einem seiner Markenzeichen treu, auch wenn das Touchscreen-only-Flaggschiff  Z10 sicherlich keine Sehnsucht nach einer Hardwaretastatur aufkommen lässt. Dessen Tastatureingabe hält so einige Schmankerl bereit, die man mit Fug und Recht als wegweisend bezeichnen kann: Mit den ersten Daten, die auf das Gerät gezogen werden, fängt das selbstlernende Keyboard an, die Syntax und den Wortschatz des Nutzers zu „studieren“, daraus Eingaberegeln abzuleiten und diese in Form von überraschend intelligenten Vorschlägen bei der Texteingabe an den User zurückzugeben. Und zwar genau dort, wo es sinnvoll ist, nämlich über den Buchstaben, den man zur Eingabe dieses Worts als Nächstes antippen würde. Damit aber nicht genug: Die vorgeschlagenen Wörter lassen sich dann einfach auf das Eingabefeld schnippen. Und noch besser: Die Tastatur lernt auch aus Eingabefehlern und kalibriert die Buchstaben dann automatisch so, dass sich das Muskelgedächtnis des Users gar nicht erst an das Tastaturlayout anpassen muss. Eingaben können in mehreren Sprachen gleichzeitig erfolgen.

Auch die Hardware des Z10 ist, wie man es von BlackBerry-Geräten kennt, exzellent verarbeitet. Mit einer Auflösung von 1 280 x 768 Pixeln bei einer Displaygröße von 4,2 Zoll hat es eine höhere Pixeldichte (355 ppi) als das iPhone 5 (326 ppi). Die gummierte Rückseite ist rutschfest und wirkt weitaus robuster als etwa die Äquivalente aus dem Hause Samsung. Obwohl etwas größer und schwerer als das iPhone, lässt es sich auch mit kleinen Händen noch einhändig bedienen. In Sachen Akkulaufzeit bekleckert sich BlackBerry, ähnlich wie Apple, nicht gerade mit Ruhm. Allerdings lässt sich der 1 800-mAh-Akku austauschen, ein klarer Pluspunkt gegenüber dem Wettbewerber. Der Lautsprechersound ist – wie auch schon bei verhältnismäßig primitiven Vorgängern wie dem Curve 9320 – erstklassig.

Insgesamt drei Smartphonepaare unterschiedlicher Geräteklassen sollen 2013 erscheinen. PlayBooks wird es wohl trotz gegenteiliger Behauptungen vorerst keine neuen geben. Allerdings soll ein Upgrade auf BB 10 demnächst möglich sein.

Peek-Geste beim Z10: der schnelle Blick in den BlackBerry Hub
Peek-Geste beim Z10: der schnelle Blick in den BlackBerry Hub (© S & S Media Group).

 

QNX für die UX

Würde man von den ersten fünf Minuten von Heins’ Ansprache auf dem Launch-Event eine Tag-Cloud erstellen, so wäre der prominenteste Begriff darin wohl „Multitasking“. Mehrere Prozesse gleichzeitig ausführen, möglichst schnell zwischen Anwendungen wechseln, ohne dass dies dem Immersionseffekt einen Abbruch tut – das alles stellte Heins unter dem Etikett „BlackBerry Flow“ vor. Was ermöglicht diese flüssige Navigation, die bei anderen Herstellern unter Labels wie „Project Butter“ oder „Fast and Fluid“ bekanntlich nicht weniger hoch im Kurs steht?

BlackBerry 10 stellt die zweite große Generalüberholung in der fünfzehnjährigen Geschichte der Plattform dar. Die erste geschah 2001 im Zuge der Umstellung von C++ auf Java ME. 2010 übernahm RIM dann QNX Systems, ein Unternehmen, das sich auf die Entwicklung von Software für eingebettete, sicherheitskritische Systeme spezialisiert hat – u. a. im Automobilsektor, im Schienenverkehr und im medizinischen Bereich. Was lag also näher, als das BlackBerry OS auf Grundlage der bewährten QNX-Architektur neu zu schreiben?

 Mit dem PlayBook OS kam 2011 das erste BlackBerry-Betriebssystem, das auf QNX Neutrino basiert, auf den Markt. Ursprünglich wurde die Mikrokernel-Architektur von QNX Neutrino für Multicore-Umgebungen entwickelt. Durch den modularen Aufbau mit einem schlanken Kernel –  dem „Neutrino“ – und dadurch, dass jeder Prozess seinen eigenen, geschützten virtuellen Speicherplatz zugewiesen bekommt, ist das System deutlich sicherer, stabiler und flexibler als ältere BlackBerry-Versionen. Was am PlayBook bereits begeisterte, hat unser Z10-Testgerät bestätigt: Die Navigation flutscht, und man kann guten Gewissens eine Vielzahl an Anwendungen geöffnet lassen – die CPU-Auslastung ist dabei gering. In der vierwöchigen Testphase hatten wir nicht einen App-, geschweige denn einen Systemabbruch zu beklagen.

Ein sehr nützliches neues Feature ist die „Peek“-Geste. Damit lassen sich Anwendungen kurz beiseiteschieben, um einen Blick in den BlackBerry Hub, den zentralen Posteingang, zu werfen – etwa, wenn die LED-Anzeige rot blinkt, um den Eingang einer neuen Nachricht zu signalisieren, ein weiteres BlackBerry-Markenzeichen, das erfreulicherweise erhalten geblieben ist.

Fazit

Kurz vor Redaktionsschluss meldete BlackBerry, dass ein Konzernpartner eine Million BlackBerry-Geräte bestellt habe. Auch Kanzlerin Angela Merkel liebäugelt derzeit mit einem Z10, das mit der Hochsicherheitslösung „SecuSUITE for BlackBerry 10“ aus dem Hause SecuSmart ausgestattet ist. Obwohl die Unkenrufe noch nicht ganz verhallt sind: Mit dem Z10 gelingt dem kanadischen Unternehmen der Spagat zwischen traditionellen BlackBerry-Markenzeichen und Mainstream-Technologien sowie zwischen den Anforderungen von Enterprise- und Privatnutzern. Dass man sich nicht innerhalb eines Monats von mehreren Jahren des Absturzes erholt, liegt auf der Hand. Gut Ding will eben Weile haben – so wie BlackBerry 10.

Quelle Aufmacherbild: blackberry.com


Mobile Technology Magazin

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Dieser Beitrag ist im Mobile Technology Magazin 2.2013 erschienen. Mobile Technology, das Magazin rund um mobile Entwicklung, Architektur, Strategien und Business.

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