Bone Conduction bringt den Zugfenstern das Sprechen bei
Kommentare

Vor kurzem sorgte ein Youtube-Video der Werber von BBDO für Aufsehen. Zu sehen ist eine neue Werbetechnologie, die die Vibrationen der Zugfenster in Lautsprecher verwandelt. Hörbar ist die Werbebotschaft dabei nur dann, wenn der Fahrgast seinen Kopf an die Scheibe lehnt. Was wie eine Zukunftsvision klingt, ist dank Bone Conduction bereits seit längerer Zeit für militärische Zwecke und bei Patienten mit Schädigung des Mittel- oder Außenohres im Einsatz und wird aktuell in den Zügen der Deutschen Bahn getestet.

 

Um den Bedürfnissen werbender Unternehmen zu entsprechen, wurde die Knochenschall-Technologie von der Agentur BBDO angepasst. In Zügen zwischen Aachen und München können wir uns derweil bereits einen Eindruck verschaffen, denn hier ist eine Testphase mit dem Werbepartner Sky Deutschland bereits angelaufen.

Lehnt man den Kopf an die Scheibe des Zuges, werden Vibrationen durch den Schädelknochen weitergeleitet und umgehen dabei – anders als bei der Luftleitung – das Mittelohr. Normalerweise wird der Knochenschall von den durch Luftschall übertragenen Signalen überdeckt und der Schallpegel muss um etwa 50 Dezibel erhöht werden, um gleichermaßen lautstark empfunden zu werden wie über das Ohr. Die Schall-Schwingungen werden im Gehirn in Töne umgewandelt, die für andere Fahrgäste nicht hörbar sind. Den Herstellern zufolge, soll es sich so um eine Werbemethode handeln, die von Fahrgästen allein bei Bedarf in Anspruch genommen werden kann. Allerdings scheint sich niemand über diejenigen Gedanken gemacht zu haben, die sich nach einem langen Arbeitstag – oder nervigen Verspätungen der Züge – endlich auf dem Heimweg befinden und erschöpft eine Mütze Schlaf benötigen und dabei den Kopf an die Scheibe lehnen.

Zudem könnte es rechtliche Probleme bei der Umsetzung geben, wie Thomas Kletschke von Invidis aufzeigt, da der Rundfunkänderungsstaatsvertrag festlegt, dass Werbung stets leicht als solche erkennbar sein muss. Die Knochenschall-Technologie hingegen ermöglicht versteckte Werbebotschaften dort, wo man sie zunächst am wenigsten erwartet – in einem Fenster. Da die Ausstrahlung der Werbung somit unterschwellig geschieht, könnte die neue Marketing-Methode gegen dieses Gesetz verstoßen. Entscheidend in diesem Fall ist jedoch, ob der RStV in fahrenden Zügen Geltung besitzt oder nicht.

Zwar würde dies für Unternehmen der Vermarktung ihrer Produkte ganz neue Türen öffnen, doch ist es kaum vorstellbar, dass auch die Mehrheit der Fahrgäste einen Mehrwert aus der neuen Werbemethode ziehen. Zweifellos rechtfertigen nicht zuletzt die Preise der Bahn keine Dauerbeschallung der Fahrgäste. Auch auf YouTube erntete das Video Kritik: Hier heißt es, man solle das Geld lieber für die Entwicklung und Verbreitung der Technologie nutzen, um Gehörlosen zu helfen. Letztlich könnte es auch eine einfache Lösung geben, wie Youtube-Nutzer 1charlastar bemerkt: „I see a cord going to the transmitter. Scissors, anyone?“

Unsere Redaktion empfiehlt:

Relevante Beiträge

Meinungen zu diesem Beitrag

X
- Gib Deinen Standort ein -
- or -