LGBT in Tech „Braucht es denn immer dieses Outing?“
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Ein Café in Prenzlauer Berg: Hinter einer großen Fensterfassade sitzt Stuart B. Cameron, Gründer der Karrieremesse „Sticks & Stones“ sowie des neuen LGBT-Meetups „Unicorns in Tech“, an einem Tresen und tippt auf seinem Smartphone herum. Wir treffen uns mit Stuart, um über seine Projekte zu sprechen, die sich mit der IT-Branche und LGBT- (Lesbian-Gay-Bisexual- und Trans) Themen beschäftigen.

Multikulturell, intellektuell, tolerant und aufgeschlossen: Das sind Attribute, die man gerne mit der IT-Industrie in Deutschland und im speziellen mit der Berliner Tech-Szene in Verbindung bringt. Karrieremessen und Networking-Gruppen, die ihren Focus auf die LGBT-Community legen, muten angesichts dieser scheinbar gelebten Toleranz anachronistisch an.

„Braucht es denn immer dieses Outing?“

Stuart hat andere Erfahrungen gemacht und berichtet von Gesprächen, die er mit HR-Verantwortlichen in Unternehmen geführt hat. Dabei sind immer wieder Sprüche wie: „Ich habe ja nichts gegen Schwule, aber braucht es denn immer dieses Outing?“ gefallen. Kopfschüttelnd rührt Stuart in seinem Kaffee und erklärt: „Dabei outet man sich doch ständig, wenn man von seinem Privatleben erzählt. Es gehört einfach dazu, dass man an einem Montagmorgen mit Kollegen selbstverständlich über das Wochenende sprechen kann. Wer sich versteckt oder gar anfängt zu lügen, aus Angst als Homosexueller diskriminiert zu werden, wirkt auf seine Mitmenschen distanziert und unnahbar. Heterosexuelle outen sich laufend und zwar schon dann, wenn sie zum Beispiel von ihrem Besuch bei der Schwiegermutter erzählen.“

Es ist Freitagnachmittag, die Woche war für Stuart lang, aber er fährt entschlossen fort: „Mitarbeiter, die das nicht tun, sind oft schlechter integriert und haben schlechtere Aufstiegschancen – das muss sich ändern.“

Business statt Straßenfest

Stuart B. Cameron hat sich in den vergangen Jahren, abseits der schillernd-bunten Schwulen- und Lesben-Szene, zur Gallionsfigur einer neuen LGBT-Bewegung in Berlin gemausert, die sich mit Business-Themen beschäftigt. Im Gegensatz zu elitären Schwulen-Karrierenetzwerken steht „Unicorns in Tech“ allen offen – auch Heterosexuellen.

Unicorns in Tech soll Schwule, Lesben und Heteros miteinander vernetzen, diese mit Unternehmen und Investoren zusammenbringen und ein Forum bieten, auf dem sich Techies über zukunftsweisende Tech-Innovationen austauschen können.

Neben einem Rahmenprogramm, bestehend aus verschiedenen Vorträgen von Gast-Speakern aus der IT-Industrie, steht Networking im Vordergrund der Veranstaltung. „Ich interessiere mich für Inhalte, darüber möchte ich mich Austauschen. Es geht um Tech-Themen. Der Begriff Unicorns bedeutet dabei nicht gleich „Schwul“, sondern es geht um die Andersartigkeit. Das ist eigentlich Post-Gender. Alle sind willkommen.“, betont Stuart.

Hetero – weiß – männlich

„Post Gender“ und „Diversity“ sind Begriffe mit, denen sich in den vergangenen Jahren immer mehr Unternehmen schmücken. Unternehmenseigene LGBT-Gruppen sollen betroffenen Mitarbeitern mit Rat zur Seite stehen – vergleichbar mit einem alternativen Betriebsrat. Das ist gut für das Unternehmens-Image und ein positives Signal an die Mitarbeiter. Diese neue Offenheit scheint aber noch nicht in der Führungsetage angekommen zu sein.

„Ab der dritten Führungsebene wird es immer männlicher, weißer und heterosexueller.“, berichtet Stuart. Da läge noch viel Arbeit vor der LGBT-Community.

Mit der Karrieremesse „Sticks & Stones“ und dem Meetup „Unicorns in Tech“ möchte Stuart die Debatte um Toleranz gegenüber Homosexuellen vom CSD-Straßenfest auf die Business-Ebene verlagern – der Spaß soll dabei aber nicht auf der Strecke bleiben. Treffpunkte der „Unicorns in Tech“-Gruppe sind etwa die Büroräume von Wooga oder SAP. Google, Facebook, Microsoft, SoundCloud, hub:raum, Outfittery und GoodGames haben bereits Interesse angemeldet, die Veranstaltung ausrichten zu dürfen.

Ein Zeichen für Toleranz setzen

Unternehmen sollen damit Möglichkeit bekommen, sich hinter ihre schwul-lesbische Mitarbeiter zu stellen und ein Signal nach außen zu senden. Anders als bei gewöhnlichen Job Fairs müssen sich Firmen um die Teilnahme bei Sticks & Stones bewerben.

Es wird geprüft, ob sich das Unternehmen tatsächlich für ihre LGBT-Mitarbeiter einsetzt. Das soll verhindern, dass die Messe nur dazu genutzt wird, das Image des Konzerns aufzupolieren.

Was treibt Stuart persönlich an, sich so stark für die Rechte der LGBT-Community einzusetzen, will ich wissen. „Ich möchte etwas verändern“, antwortet er. Ich glaube ihm, hake aber trotzdem noch einmal nach. Stuarts Blick schweift raus auf die Straße. Die Leute schieben sich in der Feierabend-Rush-Hour über die Schönhauser Allee, es wird langsam dunkel und er beginnt mir von seinem Outing zu erzählen.

Er habe sich als Teenager immer versteckt. Er wusste, dass er anders ist. Ein Schicksal, dass die meisten Schwulen und Lesben teilen. Als ihm seine Sandkastenfreundin mit 15 offenbarte, dass sie lesbisch sei, hatte er nicht den Mut, sich ebenfalls bei ihr zu outen.

Christine war eigentlich Christian

Durch einen, wie er nun selbst sagt „glücklichen“ Zufall, erfuhr es irgendwann seine Mutter. Der Vater durfte jedoch vorerst noch nichts davon wissen. Stuart spielte ihm zuliebe weiterhin die Rolle des heterosexuellen Sohnes, der angeblich sogar eine feste Freundin hatte. „Christine“ war in Wahrheit ein junger Mann und hieß Christian.

Das Versteckspiel innerhalb der Stuarts Familie liegt viele Jahre zurück und er setzt sich nun, nach seinem persönlichen Kampf um Akzeptanz, auch für Toleranz innerhalb von Unternehmen ein – mit Erfolg. Das Silicon Valley ist nun auf Stuarts Meetup Unicorns in Tech aufmerksam geworden und so findet das dritte Treffen der Unicorns in San Francisco statt.

Stuart B. Cameron

©Stuart B. Cameron

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