Britischer Geheimdienst plante digitale Rufmorde im WWW
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Am 10. Februar 2014 durchsuchten Polizei und Staatsanwaltschaft Hannover das Büro des ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy. Zuvor wurden schwerwiegende Vorwürfe gegen Edathy laut, die ihn des Besitzes von Kinderpornographie beschuldigten. Die Ermittlungen dauern an, die politischen Auswirkungen für die SPD sind niederschmetternd. Edathys Rücktritt vom 14. Februar 2014 war unter diesen Gesichtspunkten keine große Überraschung. Das Thema drängt sich auf, wenn man die jüngsten Veröffentlichungen aus dem Fundus Snowden betrachtet.

Gestern veröffentlichte der Journalist Glenn Greenwall im US-Onlinemedium „The Intercept“ beunruhigende Dokumente, die detaillierte Informationen über die Taktiken des britischen Geheimdiensts GCHQ und im besonderen eine seiner internen Einheiten namens JTRIG (Joint Threat Research Intelligence Group) preisgeben. Dabei geht es um verdeckte Online-Operationen „unter falscher Flagge“, die angeblich den Geheimdiensten der „Five Eyes Allianz“ (USA, England, Canada, Australien, Neuseeland) sozusagen als Leitfaden präsentiert wurden und sich laut Greenwall eher nicht gegen fremde Nationen oder deren Anführer richten, sondern jeden Verdächtigen im Sinne der traditionellen Rechtsprechung treffen könnten – beispielsweise, wenn man sich als „Hacktivist“ im Netz engagiert. Die Betonung legt Greenwall ganz klar auf das Wort „verdächtig“, was unbedingt abzugrenzen ist von „angeklagt“, ganz zu schweigen von „verurteilt“.  


Viermal D: Deny, Disrupt, Degrade, Deceive

Dabei gehe der Geheimdienst nach der sogenannten 4D-Taktik vor: „Deny/Disrupt/Degrade/Deceive“, was soviel bedeutet wie „Verleumdung, Isolierung, Schwächung und Täuschung“. Die Techniken reichen laut den geleakten Präsentationsdokumenten von DDos-Attacken im Stile von Anonymous über falsche, die Zielperson diskreditierenden Content in Foren und Blogs bis hin zu sogenannten „honey traps“ – das sind Sexfallen, mithilfe derer die Zielperson durch die Offenlegung ihrer sexuellen Vorlieben erpresst und diskreditiert werden und im Resultat so aussehen könnten wie der Fall Edathy (dessen Ausgang ganz außen vorgelassen).

Screenshot: firstlook.org/theintercept

Screenshot: firstlook.org/theintercept


Die Psychologie des Internets

Die frisch veröffentlichten Dokumente beschreiben weiterhin die Arbeit der „Human Science Operations Cell“ (HSOC), einer mit JTRIG eng zusammenarbeitenden des GCHQ. Deren Aufgabe besteht laut den Dokumenten nicht nur darin, den Online-Diskurs zu verstehen und aus ihm zu lernen, sondern ihn auch zu formen und zu manipulieren. Eigenheiten und Gewohnheiten der Online-Community werden hier auf die Psychologie des Einzelnen heruntergebrochen und komplexe Beziehungen innerhalb des Online-Diskurses visualisiert, um Methoden aufzuzeigen, wie dieser infiltriert und manipuliert werden kann.

Screenshot: firstlook.org/theintercept

Screenshot: firstlook.org/theintercept

Screenshot: firstlook.org/theintercept

Ob die präsentierten Methoden bereits Bestandteil der westlichen Geheimdienstaktivitäten sind oder erst geplant werden, geht aus den Dokumenten nicht hervor. Alleine, dass Werkzeuge und Methoden erarbeitet, visualisiert und Geheimdienstfreunden präsentiert wurden, sollte die Alarmglocken sturmklingeln lassen. Hier geht’s zu Greenwalls vollständigem Artikel.

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