Eine neue Chance für unabhängige Berichterstattung

Correctiv: Crowdfunding-Projekt für freien Journalismus
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Mit dem Crowdfunding-Projekt des unabhängigen Recherchebüros Correctiv sollen durch die Beteiligung der Bürger und freier Journalisten Missstände in der Wirtschaft und Gesellschaft aufgedeckt werden. Durch die Förderung ausführlicher Recherchen können Leser nicht nur Steuern sparen, sondern auch in den Genuss eines ganz neuen, digitalen Leseerlebnisses gelangen.

„Investigativer Journalismus“ klingt heute wie ein altersschwaches Schlagwort, das vor allem jüngeren Generationen nur noch ein wehmütiges Lächeln abverlangt. Ein Blick auf die Medienwelt umreißt das Problem: Einschlägige Online-Magazine, Twitter, Facebook und Co. zeigen, dass moderne Berichterstattung zusehends den kürzesten und schnellsten Weg gehen muss, um die Öffentlichkeit prominent zu erreichen. Der Wettbewerb ist schließlich groß. Verlage und Medienanstalten drosseln ihre Ausgaben für aufwendige Recherchen und das Geld für Redaktionen wird knapper; denn viele Print-Magazine verlieren an Auflagen und die Einnahmen aus Online-Anzeigen können bisher schwerlich den gedruckten Vorgängern das Wasser reichen. Qualitativer Journalismus ist unter diesen Voraussetzungen nur schwerlich zu bewerkstelligen. Die Berichterstattung dümpelt gezwungenermaßen an der Oberfläche – denn es muss schnell gehen mit möglichst viel Content.

Gemeinnütziger Journalismus ist das neue Schlagwort

Das Problem ist nicht neu, den meisten bekannt und spitzt sich dennoch zu. Dass zusehends Wirtschaftsunternehmen kränkelnde Verlage „unterstützen“ und gezielt Anzeigen schalten oder anderweitig nachhelfen, ist hilfreich und zugleich bedenklich. Was einerseits journalistische Arbeit ermöglicht, kann diese auch in bestimmter Hinsicht lenken. Um etwa gewisse Missstände in der Wirtschaft anzusprechen oder Kartelltendenzen aufzudecken, braucht es Transparenz und eine freie, unabhängige Recherche, wie sie unter solchen Umständen nur eingeschränkt ausgeführt werden kann. Gemeinnütziger Journalismus, der durch Stiftungen und private Spenden finanziert wird, soll zukünftig das aufklärerische Potenzial der Berichterstattung wiederbeleben. Correctiv will das verblasste Schlagwort aufpolieren und unabhängigen Journalismus fördern.

Correctiv setzt auf Recherchen für die Gesellschaft mit den Mitteln des Crowdfundings

Ermöglicht durch die großzügige Stiftung der verstorbenen Verlegerin Anneliese Brost wurde das unabhängige Recherchebüro Correctiv ins Leben gerufen, um „Recherchen für die Gesellschaft“ zu ermöglichen, wie es auf der Homepage heißt. Man wolle den Mächtigen auf die Finger schauen und auch den Schwachen eine Stimme geben. Hierfür brauche es glaubwürdige und wirtschaftsunabhängige Recherchen. David Schraven, Leiter des Recherchebüros, beschreibt diese Art des Journalismus als notwendige aufklärerische Funktion innerhalb einer Demokratie.
Die Reportagen und Berichte der Redaktion werden nicht nur auf dem eigenen Portal veröffentlicht, sondern mitunter auch etablierten Zeitungen mit großer Reichweite zur Verfügung gestellt. Der jüngst in der Zeit aufgedeckte Skandal in der Fleischindustrie geht maßgeblich mit auf das Konto des Correctiv-Recherchebüros – hierfür hat selbstverständlich kein Wirtschaftsunternehmen mit eingezahlt. Crowdfunding ist hier wohl das zeitgemäßere Stichwort.

So funktioniert crowdfunding.correctiv.org

Der neueste Coup von Correctiv ist die gemeinnützige Crowdfunding-Plattform, die es auch engagierten Bürgern und freischaffenden Journalisten ermöglichen soll, Missstände in der Gesellschaft kritisch unter die Lupe zu nehmen und aufzudecken. Der Unkostenbeitrag für die Recherchearbeit wird nach eingehender Prüfung der Correctiv-Redaktion und genauer Klärung der Vorgehensweise überwiegend durch Spendengelder zusammengetragen. Hierfür stellen sich die einzelnen Redakteure per Videobotschaft vor und beschreiben ihr angestrebtes Projekt. Momentan wirbt beispielsweise Boris Kartheuser für sein Crowdfunding-Projekt, mit dem er den Verkauf von deutscher Überwachungstechnologie an despotische Staaten aufdecken will.

Wie immer braucht es Anreize: Steuerersparnisse und Macht zur Selbsthilfe

Unterstützer können sich mit Spenden aktiv an der Aufklärungsarbeit beteiligen und auch selbst Anregungen liefern. Da es sich um ein gemeinnütziges Unternehmen handelt, können alle Spenden steuerlich geltend gemacht werden – das dürfte womöglich den ein oder anderen noch eher dazu bewegen, sich an der Aktion zu beteiligen. Darüber sollte nicht vergessen werden, dass das Projekt eine neue, vielleicht unterschätzte Erfahrungsdimension für engagierte Leser bieten kann. Denn jeder Beteiligte kann so die Entwicklung einer Reportage miterleben und gewissermaßen durch seinen Beitrag mitgestalten. Findet sich etwa eine Gruppe von Leuten, die alle in ähnlicher Weise über einen Missstand in der Gesellschaft besorgt oder gar selbst betroffen sind, kann durch die Aufklärungsarbeit womöglich Abhilfe geschaffen werden.

Die Macher der Crowdfunding-Plattform sichern zudem zu, dass die Projekte von professionellen Journalisten begleitet und diese auch im Zweifelsfall einspringen würden, falls unvorhergesehen das Projekt zu scheitern droht.

Öffentliche Willensbildung funktioniert nur in Zusammenarbeit

In Zusammenarbeit mit Deutschlands größter Crowdfunding-Community Startnext hat crowdfunding.correctiv.org einen starken Partner an seiner Seite. Nun kommt es nur noch auf die Beteiligung der Öffentlichkeit an, ob sich das Projekt durchsetzt und auch in Zukunft halten kann. Auf die Stiftung allein wird sich Correctiv langfristig nicht verlassen können, um den Betrieb weiterhin unter der angestrebten Maxime aufrechtzuerhalten. Damit das Projekt selbst unabhängig bleibt, braucht es möglichst viele, die sich aktiv daran beteiligen und auch kritisch hinterfragen – wenn nur die Umstände dies immer zuließen. Die einzelnen Redakteure werden mit ihren Projekten auf Correctiv sicherlich nicht reich werden, aber vielleicht dazu beitragen, dass zumindest die ökonomische Ausbeutung von Randgruppen und Missstände im Alltag aufgeklärt werden und sich durch den öffentlichen Druck überhaupt etwas verändern kann.

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