Das Rocket Internet Prinzip: One eCommerce framework to rule them all
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Seit seiner Gründung 2007 polarisiert Rocket Internet die Szene. Der Berliner Inkubator, gegründet von den Brüdern Marc, Oliver und Alexander Samwer, hat sich bis zum heutigen Tag vor allem durch Neugründungen oder Beteiligungen an Startups einen Namen gemacht, die inzwischen jeder kennt und viele von uns schon mal benutzt haben. Zalando, Groupon oder eDarling haben in ihren jeweiligen Marktsegmenten für Aufsehen gesorgt und maßgeblich dazu beigetragen, dass das Unternehmen rasend schnell expandieren konnte.

Eine global vernetzte eCommerce Infrastruktur

Auf der webinale 2013 gab jetzt Ronny Rentner, Chief Technical Officer bei Rocket Internet, in seiner Keynote „Operating a distributed global ecommerce infrastructure“ dem Publikum Einblicke in die inneren Mechanismen des Inkubators. Wie und nach welchen Prinzipien führt Rocket Internet seine Geschäfte, wie löst man Probleme und wie wird das global agierende eCommerce Infrastrukturnetzwerk betrieben und gemanagt. Denn bis heute hat Rocket Internet über 60 Ventures in 43 Ländern und fünf Kontinenten inkubiert. 27.000 Beschäftige gehören zum Portfolio und 300 IT-Mitarbeiter arbeiten an den Hauptstandorten in Berlin und Porto. 

Ronny Rentner, Chief Technical Officer bei Rocket Internet
Ronny Rentner, Chief Technical Officer bei Rocket Internet, gab auf der webinale den Teilnehmern Einblicke in die inneren Mechanismen des Inkubators.

Gerade die internationale Ausrichtung, speziell auf Märkte wie Asien, naher Osten, Afrika oder Südamerika, erfordern laut Rentner, dass etablierte Methoden und Management-Ansätze, die in Europa bestens funktionieren, auf den Prüfstand gestellt werden und neue Wege gegangen werden müssen. Ein Beispiel ist FoodPanda, ein Lieferservice, der unter anderem in Ländern wie Marokko, Peru, Chile, Kenia, Vietnam oder Thailand operiert. Damit das FoodPanda-Konzept in all diesen kulturelle sehr unterschiedlichen Ländern funktioniert, reicht es laut Rentner nicht, einfach nur eine Übersetzung der Texte auf der Website anzufertigen. Es gelte stets landestypische Bedingungen zu beachten, beispielsweise unterschiedliche Gastronomieinfrastrukturen oder die Tatsache, dass mancherorts in der Mehrheit noch mit dem Internet Explorer 5 oder 6 gesurft wird.

Speed, Speed, Speed

Wie aber geht man bei Rocket Internet neu Projekte an? Zunächst erfolgt ein genaues Monitoring des neuen Zielmarkts. Mögliche Potenziale werden identifiziert und hochwertige Investoren gesucht. Das wichtigste für Rocket Internet ist jedoch der Faktor Geschwindigkeit. Der schnellstmögliche Markteintritt ist immer das wichtigste Ziel. Für diese Time-to-market-Priorität versucht man mit einem etablierten Kanban/Scrum-Team die besten Voraussetzungen zu schaffen. Die eingesetzten Technologien sind immer die gleichen sind, das Feature-Set ist flexibel. So kann man laut Rentner wirklich agil agieren: „Ziel für die Teams ist es, mit was auch immer vorliegt nach 8 Wochen zu launchen.“

One Framework to rule them all

Einen immens wichtigen Beitrag zu diese agilen Vorgehensweise liefert das Rocket Internet eigene eCommerce Framework, das Rentner als „flexibel, erweiterbar und skalierbar“ bezeichnete. So können Features, die auf einem Markt ausgerollt werden auch mit hoher Geschwindigkeit für andere Ventures ausgerollt werden. 

Lean Startup Prinzip

Zugrunde liegt dieser Unternehmensphilosophie der MVP Approach des Lean Startup Pioniers Eric Ries. MVP steht für „minimal viable product“, also dem Ansatz mit einem Produkt auf den Markt zu gehen, das zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nur rudimentäre Funktionen besitzt beziehungsweise ein Produkt, das prinzipiell funktioniert, allerdings noch nicht über alle finalen Features verfügt.

Erst nach Release und Launch des Produkts folgt eine Komplettierung des Feature-Sets – und zwar auf Basis von Customer Feedback. Allen weiteren Entwicklungsschritten liegt also die Auswertung von gesammelten Daten zugrunde, denn wie Rentner erklärt, kann man aus der europäischen Perspektive nie mit Sicherheit sagen, wie sich beispielsweise die Kunden in Asien im Rahmen eines bestimmten eCommerce-Settings verhalten.

Ein weiteres Prinzip von Rocket Internet ist, dass das Produkt nicht von Anfang an perfekt sein muss. Stattdessen setzt man auch hier erneut auf Geschwindigkeit. Features sollen schnell implementiert werden, für die erste Produktgeneration sollen keine Langzeitpläne angelegt werden. Stattdessen setzt man auf die positiven Effekt von Refactoring, also der nachträglichen Strukturverbesserung von Code unter Beibehaltung des bestehenden Programm-Verhaltens.

Man muss auch mal loslassen können

Am Ende steht die Übergabe des neuen Unternehmens an ein lokales Team. Diesen Schritt sieht man laut Renter bei Rocket Internet als unbedingte Pflicht an. Dabei bediente er sich einer Metapher, die man durchaus als etwas überheblich interpretieren kann, die jedoch den Nagel auf den Kopf trifft: Die Weiterentwicklung des lokalen Teams gleicht der Erziehung eines Kindes. Erziehung ist selten einfach. Man muss dem Nachwuchs auch Fehler gestatten, damit er lernt und eigene Entscheidungen treffen und somit unabhängig werden kann. Denn über eins sei man sich bei Rocket Internet im Klaren: Ein Mikromanagement aller weltweiten Ventures ist von Berlin aus nicht möglich. Stattdessen konzentriere man sich lieber auf die nächsten Projekte.

Optimierungen nach dem Launch

Nach dem Launch und der Übergabe ans lokale Team folgen die Optimierungen des Produkts – ebenfalls auf Basis von erhobenen Daten. Auch Vergleiche zwischen ähnlich ausgerichteten Ventures sind hilfreich, gerade um aus Fehlern zu lernen und Aspekte wie Page Speed oder Sicherheit zu verbessern. Darüber hinaus können global angelegte Produktinitiativen helfen, das Level von Produkten in anderen Bereichen anzuheben. Dabei spielt Mobile auch für Rocket Internet eine immer größere Rolle – auch in Märkten, von denen es nicht jeder sofort erwartet, beispielsweise in Nigeria, wo 60 Prozent der Nutzer auf Rocket Internet Produkte via Mobile zugreifen. 

Paradigmenwechsel

Als Schlüssel für den Erfolg sieht Rentner jedoch einen unternehmensinternen Paradigmenwechsel. Noch vor zwei Jahren sei Rocket Internet eine Startup-Fabrik gewesen. Inzwischen stehe jedoch im Vordergrund, großartige Mitarbeiter an sich zu binden und insbesondere die Herausforderung, die richtigen Führungspersönlichkeiten zu finden.

Rentners Schilderungen zum Geschäftsgebaren des deutschen Inkubator-Riesen waren interessant und aufschlussreich. Man bekam ein Gefühl davon, wie durchstrukturiert – und zwar bis ins kleinste Detail – alle Prozesse bei Rocket Internet sind. Doch angesichts der weltweiten Aktivitäten des Unternehmens, wird schnell klar: ein global agierendes eCommerce Infrastrukturnetzwerk lässt sich kaum anders kontrollieren und zum Erfolg führen. Die Berlinern haben in den vergangenen Jahren viel Kritik einstecken müssen, die Samwer werden auch gerne mal als „Kopierweltmeister des Netzes“ bezeichnet. Doch keiner kann leugnen, dass Rocket Internet inzwischen zu einem eCommerce Imperium geworden ist, dem das Klonen von erfolgsversprechenden Ideen für den deutschen Markt nicht mehr ausreicht. Niemand versteht es weltweit besser, webbasierte Geschäftsideen in den unterschiedlichsten Märkten zu positionieren. Das verdient Respekt und irgendetwas – oder besser gesagt vieles – scheint man bei Rocket Internet richtig zu machen. Die Keynote von Ronny Rentner gab einen Einblick, was das sein könnte.

Nach seiner Keynote stand uns Ronny Rentner noch für ein kurzes Interview Rede und Antwort: Interview mit Ronny Rentner von Rocket Internet – so funktioniert erfolgreiches E-Commerce

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